Polizeimeldung Nr. 1823 vom 06.08.2014
Friedrichshain – Kreuzberg
„Heute Morgen kam es in Friedrichshain zu einem Verkehrsunfall, bei dem eine Radfahrerin tödliche Verletzungen erlitt. Nach bisherigen Erkenntnissen fuhr ein 31-Jähriger gegen 7 Uhr mit einem Lkw die Karl-Marx-Allee stadteinwärts entlang. Als er nach rechts in die Straße der Pariser Kommune abbog, erfasste er eine Radfahrerin, die in gleicher Richtung unterwegs war und die Karl-Marx-Allee weiter geradeaus befahren wollte. Die 39-Jährige erlitt so schwere Verletzungen, dass sie noch am Unfallort verstarb. Der Kreuzungsbereich war stadteinwärts für die Dauer von etwa drei Stunden für den Fahrzeugverkehr gesperrt.“
Der Prozess gegen den LKW-Fahrer Maik H. fand heute im Amtsgericht Tiergarten in der Kirchstraße statt. Der Angeklagte fuhr mit einem 40-Tonner der Marke Renault auf der Karl-Marx-Allee in Richtung Westen. Der Lastkraftwagen hat eine Besonderheit: die Beifahrertür besitzt neben dem normalen Fenster ein zweites kleines Fenster im unteren Bereich. Die Sicht auf die rechten Außenspiegel war durch Wimpel teilweise verdeckt. Der Angeklagte gibt an, erst seit zwei Tagen auf diesem Fahrzeug zu fahren und die Wimpel nicht selbst angebracht zu haben. Er sagt, er habe zwei mal in die Spiegel gesehen und sei dann bei grünem Ampellicht nach rechts abgebogen. Dann habe er plötzlich eine Hand im unteren Beifahrerfenster gesehen und sei auf die Bremse getreten. Der Angeklagte wurde nach seinem Unfall von seiner Firma entlassen und wehrte sich gegen die Kündigung nicht. Nach neun Monaten Arbeitslosigkeit fährt er nun wieder LKW.
Anschließend werden zwei Zeugen gehört. Zeuge R. sitzt in seinem Auto auf der Straße der Pariser Kommune Richtung Norden vor einer roten Fußgängerampel und beobachtet nur zwanzig Meter entfernt den Unfall im Rückspiegel. Er beobachtet, wie die Radfahrerin vor der Kollision versucht, sich mit der Hand vom LKW wegzudrücken. Und weiter: „Es hat ewig gedauert zwischen dem Erstkontakt, bis der LKW angehalten hat.“ Zeuge M. sitzt ebenfalls im Auto auf der Straße der Pariser Kommune Richtung Norden vor einer roten Ampel, allerdings südlich der Karl-Marx-Allee, seine Sicht auf den Unfall wird durch den LKW verdeckt. Dennoch bemerkt er, wie die Radfahrerin unter den Lastkraftwagen kommt.
Der Sachverständige Dr. W. kommt gegen 8:10 Uhr zur Unfallstelle. Nach seiner Aussage ist der LKW nicht bewegt worden, er befand sich in der Unfallendstellung. Auch er bestätigt einen Handabdruck der linken Hand auf der unteren Scheibe der Beifahrertür. Er schlägt der Rechtsmedizin vor, einen Handabdruck der toten Radfahrerin machen zu lassen, was aber unterbleibt. Nach den Aufzeichnungen des Fahrtenschreibers hatte der LKW eine Geschwindigkeit zwischen 10 und 17 km/h, als er abbog. Weiter: „Wenn der Fahrer Schrittgeschwindigkeit gefahren wäre, hätte es zwar möglicherweise eine Kollision zwischen LKW und Radfahrerin gegeben, aber er wäre in einem Meter zum Stehen gekommen.“ Einige Minuten später ebenfalls wörtlich: „Der LKW-Fahrer fährt fünf bis sechs Sekunden weiter, nachdem er die Hand gesehen hat. Er hat die Hand nicht mit einer Kollisionsgefahr assoziiert“.
Nach der Beweisaufnahme werden Staatsanwältin, Nebenklägerin und Verteidiger gehört. Die Staatsanwältin plädiert für eine Verurteilung nach §222 StGB zu 160 Tagessätzen a 50,- €. Sie plädiert ausdrücklich nicht für ein Fahrverbot. Die Nebenklägerin schließt sich der Forderung der Staatsanwältin an. Die Verteidigung plädiert auf Freispruch. Das Urteil des Richters: 150 Tagessätze a 40,- Euro. „Wir haben kein Fahrverbot angeordnet. Dafür liegen die Voraussetzungen nicht vor.“
YouTube: Friedrichshain: Radlerin stirbt unter Lkw (06. August 2014)
Rad-Spannerei Blog: Trauer um getötete Radfahrerin (07. August 2014)
Berliner Zeitung: Radfahrerin überrollt – 6000 Euro Strafe für Lastwagenfahrer (26. Oktober 2015)
Tagesspiegel: Fahrlässige Tötung: Geldstrafe für LKW-Fahrer (26. Oktober 2015)
Im März 2016 beginnt der niederländische Fahrradhersteller Sparta mit dem Verkauf des neuen Modells „M81 connected“ zum Preis von 2.799 €. Weitere zwanzig Euro muss der Kunde für eine SIM-Karte drauflegen, damit das Fahrrad richtig funktioniert. Das Sparta M81 connected ist ein E-Bike mit eingebautem Internet. Die Kommunikation mit dem Rad wird über eine auf einem Smartphone installierte App realisiert. Dank permanenter Netzverbindung leistet das Bike nun eine Track-and-Trace-Funktion, das heißt, man kann auf seinem Telefon den Standort des Pedelecs ermitteln. So etwas kann praktisch sein, wenn das Velo gestohlen wird.
