Fahrrad fahren, auch im Winter mit Schnee, Eis und knackigen minus Temperaturen könnte so schön sein! Wie in Oulu, europäische Kulturhauptstadt 2026 in Finnland. Sie wird auch die Winterfahrradhauptstadt genannt. Ob zur Schule, zur Arbeit, zum Einkaufen oder einfach nur von A nach B: in Oulu ist Radfahren auch bei -20 Grad üblich!

Interessant und großartig ist, wie scheinbar selbstverständlich hier der Fokus auf den Ausbau und Erhalt der Fahrradinfrastruktur gelegt wird. Immer mit Einbeziehung der Bürger*innen.
Das ganze Jahr über und vor allem im Winter kann Oulu auf sichere, funktionierende Fahrradwege stolz sein. Der erste Strategieplan zur Umsetzung einer Fahrrad zentrierten Stadt kam 1969 auf den Tisch. Dieser sah vor, den Fuß- und Radverkehr in der Stadtplanung gleichwertig zu behandeln. Deshalb können sich dort auch Radfahrende und zu Fuß Gehende immer auf einen funktionierenden Winterdienst verlassen.
Heute ist das Radwegenetz über 950km lang und verläuft überwiegend getrennt vom Autoverkehr. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt: Mauri Myllylä, Pionier des Radwegesystems in Oulu, hatte nach einem Aufenthalt in den USA und den dort gemachten Erfahrungen der massiven Bevorzugung des Autoverkehrs den Impuls es in Oulu anders zu machen.
Als Stadtplaner in Oulu den 1960er Jahren angestellt legte er den Grundstein für das heutige Radwegenetz in Oulu:
‚So entstand die Idee eines gut befahrbaren Radwegenetzes, abgetrennt vom motorisierten Verkehr. Mit Wegen, breit genug, um im Winter von Traktoren geräumt zu werden.‘ (Isabel Scherer: Bericht aus Drahtesel Magazin)
Und so wurde es!
‚Oulu hat es also geschafft aus der eher sportlichen und nischigen Winteraktivität etwas Alltägliches und Soziales zu machen, das für jeden geeignet ist – nicht nur für diejenigen, die „fit“ und „hart im Nehmen“ sind.‘ (Isabel Scherer)
‚Gute Infrastruktur und starke Winterwartung‚, geben die Verkehrsplaner in Oulu als Antwort auf die Frage des Erfolgs an. Isabel Scherer „Die Radkultur Ihrer Stadt gestalten“
Zuerst brauchte es allerdings bei den Verantwortlichen in der Verwaltung die Einsicht und den Willen. Diese Grundlage fehlt vielerorts schlichtweg.
Die Stadtplaner*innen von Oulu teilen bis heute ihre Expertisen in Form von Schulungen, internationalem Austausch und Konferenzen.
Die Teilnehmenden, z.B. Verwaltungsangestellte für Verkehr anderer Länder und Städte holen sich dort das nötige Knowhow und jede Menge Motivation ab.
Denn es ist durchaus möglich, mit Berücksichtigung der lokalen Begebenheiten überall eine erfolgreiche Fahrrad Infrastruktur aufzubauen.
‚Wenn Kommunen ihren Einfluss bei der Gestaltung der Mobilitätskultur erkennen und kooperative, zukunftsorientierte Anstrengungen priorisieren, legen sie den Grundstein für langfristigen Erfolg.‚
In einem erarbeiteten Funktionsdreieck, nennt die Autorin (Isabel Scherer) als Schlüsselkomponenten:
‚● Urbane Materialitäten – die physische Umgebung, einschließlich Infrastruktur und Winterpflege.
● Planungspraktiken – die Organisationsstruktur der Gemeinde, einschließlich Priorisierung, Finanzierung und politischer Unterstützung.
● Bedeutungen des Radfahrens – die Werte und die kulturelle Bedeutung des Radfahrens in der Stadt, einschließlich der Frage, ob Radfahren eine tief verwurzelte Geschichte in der Gemeinde hat.‘
Diese Merkmale beeinflussen und bedingen sich stark gegenseitig. Eine hohe Relevanz dabei haben die Macher*innen und Akteure.
Oulu – Winterfahrradhauptstadt (Video)
Seufz…
Die dringende Frage hierzulande bleibt zur Zeit warum denn eigentlich die Fahrradwege bei Eis und Schnee nicht oder kaum geräumt werden.
Nicht zuletzt geht damit auch ein erhebliches Unfallrisiko einher, das traurigerweise offenbar in Kauf genommen wird.
Denn eigentlich gibt es klare Verantwortlichkeiten, zudem versprochene längst ausgearbeitete Konzepte, auch die zum Straßennetz gehörenden Fahrradwege im Winter zuverlässig zu betreuen.
BSR – Winterdienstpflichten
Senatsverwaltung – Winterdienstkonzept

Auch der ADFC und Changing Cities fragen das:
‚Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) hat indes am Dienstag bemängelt, dass auch Berlins Radwege nicht ausreichend geräumt würden. Nach Angaben des Verbands werde der Radverkehr durch den Berliner Senat trotz eines neuen Winterdienstkonzepts behindert. Dieses Konzept sehe vor, dass Radwege mit derselben Priorität geräumt werden wie Straßen für den Autoverkehr. Die unzureichende Räumung der Radwege bezeichnet der Verband als unverantwortlich.‘ (rbb24.de Strenger Frost und Schneereste)
Was im Autoverkehr undenkbar wäre, müssen Radfahrende in Berlin seit Jahrzehnten und mindestens noch den kommenden Winter 2025/26 ertragen: Radwege werden nicht konsequent geräumt. Und dass, obwohl der Senat im Januar 2025 den Vorgaben des Mobilitätsgesetzes entsprechend ein neues Konzept für den Winterdienst vorgestellt hat.‘ (ADFC Winterdienst-Check)
Changing Cities mit einer Foto Dokumentation von betroffenen Fahrradwegen:
‚Bis Ende 2022 hätte ein Winterdienstkonzept durch die Senatsverwaltung erstellt werden müssen. Da dieses bis heute nicht existiert, gelten noch die 10-15 Jahre alten Pläne, die Fuß- und Radverkehr nicht als „richtigen” Verkehr einstufen. Das Räumen dieser Wege wird einfach nicht priorisiert. Dabei werden in Berlin 34 Prozent der Wege zu Fuß und 18 Prozent der Wege mit Rad zurückgelegt – und alle anderen, die ÖPNV und Kfz nutzen, nutzen ja auch die Fußwege.‚ (Changing Cities – kaum Winterdienst)
Aktion – Der ADFC ruft deshalb zum Winterdienst-Check auf:
‚Mit dem ADFC-Winterdienst-Check wollen wir Beispiele sammeln und zeigen, wie drängend die Räumung der Radwege ist‘.
‚Schneefall und Eis? Temperaturen unter Null? Mach mit!
Dokumentiere Stellen mit guter oder schlechter Räum-Situation mit Foto, Datum, Uhrzeit, genauer Verortung und Beschreibung der Situation.
Schicke uns Foto, Datum, Uhrzeit und Verortung (Pin/Screenshot/Straße mit Hausnr.) per Mail an winter [at] adfc-berlin.de.
Wir tragen die Punkte auf der untenstehenden Karte ein.
Nach Tagen immer noch nicht geräumt?
→ Schick uns gerne auch follow-up-Fotos bereits dokumentierte Stellen, sodass wir auch den Verlauf der Räumsituation dokumentieren.‘
ADFC – Senat verschleppt Winterdienstkonzept
Interessant dazu, wieder mit einem Blick ins Ausland: Eine Freundin in Schweden berichtete mir, in ihrer Stadt (Umeå) werden bestimmte Fahrradwege zuverlässig geräumt und bleiben befahrbar. Auf einer Onlinekarte kann sie sich die jeweils aktuell geräumten Strecken anzeigen lassen.
So, und wer jetzt noch Lust hat, auf ein gepflegtes und einschläferndes Bürokratiedeutsch: Hier ist die Antwort auf eine Schriftliche Anfrage des Abgeordneten Lars Düsterhöft (SPD ) zum Thema vom letzten Jahr :
https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/19/SchrAnfr/S19-21213.pdf
Grobes Fazit der offiziellen Statements zum fehlenden Winterdienst für Fahrradwege:
Nur offiziell ausgewiesene für die BSR Fahrzeuge befahrbaren Radwege werden geräumt, Enteisungsmittel wie sie auf PKW Straßen zum Einsatz kommen, werden auf Radwegen aus Gründen des Umweltschutzes, wegen angrenzenden Grünflächen nicht verwendet. Sowieso sind diese verboten und kommen nur in Extremfällen zum Einsatz.
Die gleichwertige Priorisierung des Winterdienstes für Radwege wegen der Unfälle und zur Unfallvermeidung, wird nicht anerkannt, da dazu keine oder unzureichenden Daten vorliegen.
Weitere Vermutungen wären, kein Bock und wie immer als wertvolles Mitglied der Gemeinheit: Auto hat Vorrang.
