Hängt der Radverkehr in den Kommunen vom Gutdünken der Bürgermeister ab?

Im bekannten Fahrradblog itstartedwithafight wird heute Kathrin Voskuhl von der Kommunikationsagentur tippingpoints zitiert: „Sie sagte, dass es sehr schwer sei, Bürgerinnen und Bürger von einer Idee zu überzeugen, wenn die Führungskräfte einer Stadt, insbesondere der Bürgermeister, diese Idee nicht vorlebten.“ Daniel von itstartedwithafight fährt fort: „Und ich denke, sie hat recht. Wenn eine Stadt ihre Bürgerinnen und Bürger dazu aufruft, mehr Wege mit dem Fahrrad zurückzulegen, der Bürgermeister aber nie auf dem Fahrrad sondern immer nur im Auto gesehen wird, dann nimmt man die Stadt nicht ernst. Dann nimmt man die Idee nicht ernst.“

Noch ein weiteres Zitat, diesmal aus dem Programm des Kölner Radverkehrskongresses Radkomm, der am 20. Juni 2015 stattfindet. Tanja Busse wird auf dem Kongress Martin Randelhoff befragen zum Thema: Wer sind die Akteure einer kommunalen Verkehrswende? „BürgermeisterInnen sind für die Mobilität von morgen von essenzieller Bedeutung. Martin Randelhoff ist der Meinung, dass die Rolle und Bedeutung von Stadtoberhäuptern für die Gestaltung unseres unmittelbaren Lebensraums maßlos unterschätzt wird. Es war der Bürgermeister Steve Stevaert, der in der belgischen Stadt Hasselt den öffentlichen Personennahverkehr zum Nulltarif einführte. Es war der Bürgermeister Michael Bloomberg, der mit PlaNYC 2030 einen ambitionierten Entwicklungsplan für die Stadt New York aufsetzte. Es war der Bürgermeister Antonio Villaraigosa, der den Plan fasste, die Luftqualität von Los Angeles massiv zu verbessern und die Stadt fußgängerfreundlich zu machen.

Münchens ehemaliger Oberbürgermeister Christian Ude hat München zur „Radlhauptstadt“ gemacht, Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer schafft systematisch mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer und setzt sich und seiner Stadt ambitionierte Klimaschutzziele. Und Enrique Peñalosa, ehemaliger Bürgermeister von Bogotá, führte das erfolgreiche TransMilenio Busway System in der Stadt ein.“

Ist es wirklich so, dass die Wende zu einer menschengerechten Stadt allein vom Ermessen einer einzelnen Person abhängt und dass Berlin so gesehen einfach nur Pech hat mit seinem Bürgermeister? Wer die Begriffe „Michael Müller“ und „Fahrradverkehr“ googelt, findet kaum einen substanziellen Satz. Das ist um so erstaunlicher, als Müller selbst jahrelang Verkehrssenator und deshalb qua Arbeitsplatzbeschreibung für den Radverkehr zuständig war. Auch bei einer Fotosuche mit dem Regierendem auf dem Rad wird man nicht fündig, abgesehen von einer einzigen gestellten Aufnahme im Rahmen einer Rücksicht-Kampagne des Bundesverkehrsministeriums. Bekannter ist dagegen, dass Müller einen gepanzerter Dienst-Audi fährt, der pro Kilometer 216 Gramm CO2 in die Luft bläst. 435 PS bringt der Bolide von Müller auf die Straße und verbraucht 9,2 Liter Benzin, im dichten und langsamen Berliner Stadtverkehr vermutlich noch ein paar Literchen mehr. Die Wende zur Fahrradstadt Berlin werden wir wohl erst dann erleben, wenn Müller seinen Autoschlüssel abgibt.

It started with a fight …: Eine Generationenfrage?
Radkomm: Programm
Tagesspiegel: Michael Müller fährt den dicksten Klimakiller

9 Gedanken zu „Hängt der Radverkehr in den Kommunen vom Gutdünken der Bürgermeister ab?

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  1. Natürlich hängt auch am Bürgermeister, wie das Klima für alternative Fortbewegungsmittel in einer Kommune ist. Da können noch so schöne Ratsbeschlüsse gefasst werden (… der Wortlaut ist ja immer ähnlich: „Der Rat beauftragt die Verwaltung, ….). Wenn der OB es nicht will, dann lassen sich solche Sachen beliebig zeitlich rauszögern.

  2. Von Spitzenpolitikern hört man hierzulande nichts zum Thema Radverkehr. Mal abgesehen von Herrn Ramsauer – und der ja eher in dümmlicher Weise – hat sich doch nie jemand des Themas angenommen. Kein Verkehrsminister, kein Umweltminister … So betrachtet fehlt vielleicht wirklich einfach der Antrieb von ganz oben.

  3. Sehr richtig. und in Berlin ist es ja noch nicht einmal so, dass die Menschen überzeugt werden müssten. Es gibt Hunderttausende RadlerInnen, die schon längst erkannt haben, dass das Rad ein zentrales Attagsverkehrsmittel ist. Doch solange Entscheidungsträger nicht selber täglich radfahren, sehen sie den Radverkehr häufig immer noch als „Behinderung des Verkehrs“, der völlig anachronistisch einfach als Autoverkehr definiert wird… Bleibt zu hoffen, dass das politische Personal baldmöglichst ausgewechselt wird…

  4. nunja, die verwaltungen kann man von der grassnabe aus nicht so schnell austauschenm aber politisches personal hat glaub ich regelmäßige berichtspflichten und so … 😉
    da könnte der aufsichtsrat schonmal die reißleine ziehen und personal anstellen, das auch das veloziped auf dem schirm hat.

    allein, es tut sich nichts. der die bewerber schaffen es alle 4 jahre geschickt, andere themen auf die agenda zu heben und der aufsichtsrat folgt artig der agendasetzung.

  5. Die Vorbildfunktion wird meist über-, die politisch-finanziellen Möglichkeiten eher unterschätzt. Und sie gehören nicht in denselben Topf.

  6. Vielleicht ist es an der Zeit, den Radverkehr zum Wahlkampfthema zu machen. Zum Beispiel könnten die Grünen oder auch die Piraten es bei der nächsten Kommunalwahl zu ihrem Topthema machen. Wenn der Radverkehr den Bürgern so ein großes Anlegen ist, dann könnte es ja tatsächlich die Grünen in die Landesregierung befördern oder zumindest die SPD motivieren sich des Themas auch etwas mehr zu anzunehmen.

    Ich hatte vor Jahren schon mal überlegt Sticker drucken zu lassen mit der Aufschrift „Ich fahre Fahrrad und ich wähle.“ Ist aber nichts draus geworden. Vielleicht findet sich ja jemand, der das in die Tat umsetzt. Verbreitet auf vielen Schutzblechen, Fahrradtaschen und Lastenrädern, könnte das doch den ein oder anderen Parteifunktionär dazu animieren, sich des Themas mit etwas Ernsthaftigkeit anzunehmen.

  7. Ein interessanter Beitrag zu dieser Debatte kam nun von Boris Johnson, Bürgermeister von London: „Fuck off and die! ..and not in that order!“

    http://www.dailymail.co.uk/news/article-3128665/F-die-not-order-Boris-told-irate-cabbie-late-night-street-row-taxi-app-Uber-cycled-home-dinner.html

    Uber nicht aufhalten, Taxifahrer zu Feinden machen und trotzdem mit dem Rad fahren – der Mann hat Eier.

  8. Wenn der schon so reagiert, nur weil ein Taxifahrer ihm was zuruft, möchte ich ja nicht wissen, wie er auf Gefährdungen reagiert.

    Eier hat er wirklich – hierzulande gibt es kleinere Hauptstädte, deren Bürgermeister dermaßen gefährdet sind, dass sie sich nur in gepanzerten Fahrzeugen auf die Straße trauen.

  9. Es ist ein Gerücht, dass Tübingens Grüner OB „Platz für Fußgänger und Radfahrer schafft“. Auch stimmt es kaum noch, dass man ihn auf dem Fahrrad in der Stadt sieht – mittlerweile fährt er meist Kleinkraftrad (sprich: S-Pedelec).

    Tübingen hat es immer noch nicht geschafft, sämtliche Bürgersteig-Radwege zu prüfen und die Benutzungspflichten abzuschaffen. Statt dessen werden sogar bisherige Fußwege frisch mit „Radfahrer frei“ ergänzt und so die Konflikte Fußgänger/Radfahrer verschärft. Der OB bemüht sich allerorten um flüssigen Autoverkehr. Flächendeckend Tempo30 oder wesentlich Umverteilungen des Verkehrsraum zugunsten von Fuß und Radverkehr gibt es nicht. Statt dessen bemüht sich Palmer um seine PR-Steckenpferde „TÜ-Bus umsonst“ (sprich Fußgänger und Radfahrer weg von der Straße rein in den Bus) und „S-Pedelecs auf Radwege“.

    Trotzdem herrscht in Tübingen ein angenehmes Klima fürs Radfahren – weil wirklich alt/jung/reich/arm radlet. Somit traut sich kaum ein Autofahrer zu hupen oder drängeln, weil es ja jederzeit der Nachbar-Hausbesitzer sein könnte, der da vor der Stoßstage herumeiert…

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