Der Rechtsmediziner und die toten Radfahrer

Michael Tsokos ist der Leiter der Berliner Rechtsmedizin. In der Ausgabe 12.2009 des christlichen Magazins chrismon wird Professor Tsokos interviewt:

Frage: „Sie haben mal gesagt, dass Sie kein Fahrrad mehr fahren.“

Tsokos: „Nur auf dem Ostseedeich. Da fahren keine Autos. Im Januar 2007, als ich nach Berlin kam, hatte ich  jede Woche drei bis fünf tote Radfahrer auf dem Tisch. Da habe ich beschlossen: Ich fahr kein Fahrrad. Und meine Kinder auch nicht.“

Frage: „Man wird eher überfahren als ermordet?“

Tsokos: „Ja natürlich! Die Wahrscheinlichkeit, dass einer von ihnen als Mordopfer vor mir auf dem Tisch liegt, ist gleich null.“

Quelle: chrismon, Ausgabe 12 / 2009, Seite 33
[via]

28 Gedanken zu „Der Rechtsmediziner und die toten Radfahrer

Kommentare-Feed
  1. Am besten, der Herr bleibt zu Hause, dann kann er auch nicht als PKW-Fahrer oder Fußgänger tot vor seinen Kollegen liegen.
    Aber halt, zu Hause passieren ja auch Unfälle. Eine Gummizelle mit Weichplastik-Essbesteck sollte doch recht sicher sein…..

  2. Die erste Frage ist dann immer – womit fährt Herr Tsokos?

    Dass er pro Woche dermaßen viele Radfahrer auf dem Tisch hatte, ist angesichts der 14 getöteten Radfahrer im Berliner Straßenverkehr im Jahre 2007 verwunderlich. Natürlich weiss ich nicht, welches Einzugsgebiet die Berliner Rechtsmedizin hat. Zumindest muss er den Eindruck gehabt haben, dass die Radfahrer keinen Einfluss auf ihren Unfall hatten, andernfalls würde er die Unfallangst nicht als Hauptgrund für den Fahrradverzicht angeben.

    Ein Überfahrener dürfte nicht selten ein Mordopfer sein, auch wenn sich Täter und Opfer nicht kennen. Die Beweggründe sind niedrig – da wird schonmal draufgehalten, weil der Fußgänger bei Rot gegangen ist. So etwas hat jeder schon beobachtet und es ist unwahrscheinlich, dass das nicht regelmäßig mit „Unfällen“ endet.

    Das ganze Interview findet man hier: http://www.chrismon.de/5047.php

  3. Wow, was für ein Schwachsinn. Noch mal zum Nachrechnen: 3-5 getötete Radfahrer pro Woche macht 156-260 pro Jahr. In Berlin waren es 2007 laut berlinradler 14, in Brandenburg 25 [1]. Das Schlimme an der Sache ist, dass Herr Tsokos vermutlich tatsächlich glaubt, was er da von sich gibt. Ich werde mal einen Leserbrief schreiben.

    [1] http://www.brandenburg.de/sixcms/media.php/1056/handout.15312934.pdf

  4. Hm, könnte es sein , dass Herr Michael Tsokos starke Drogen konsumiert oder vorsätzlich lügt? Oder werden alle europaweit verunffalten Radfahrer nach Berlin in „sein“ Institut gebracht?

    Oder wie erklärt Herr Tsokos den Unterschied in der Anzahl der tatsächlich verunglückten Radfahrer mit den von ihm kolportierten Zahlen?

  5. … von welchem Berlin spricht der Mann eigentlich?

    Im Vergleich zu den genannten insgesamt 14 in unserem Berlin tödlich verletzten Radfahrern im Jahre 2007, gab’s hier im gleichen Zeitraum übrigens fünf Mal so viele erfolgreiche „Straftaten gegen das Leben“ (70) – also Mord und Todschlag zusammengerechnet. Das Ganze bedeutete damals einen Anstieg um 8 Fälle oder 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

    In seinem Job ist der Mann eigentlich dazu da Vorurteile abzubauen, in dem er die Ursachen von vermeintlich unnatürlichen Todesfällen untersucht. Im Jahre 2007 waren laut Unfallauswertung der Berliner Polizei mindestens drei der 14 tödlich verletzten Radfahrer ohne Unfallgegner „aus nicht geklärten Gründen gestürzt“ oder „vermutlich Schwächeanfall“ gestorben. Fünf der tödlich verletzten waren jenseits der 70, der älteste 91.

    Vielleicht sollte er sich mal mit seinen Kollegen austauschen, die die so genannten natürlichen Todesfälle untersuchen dürfen. Stichwort die fünf Risikofaktoren der WHO (zum Beispiel Bluthochdruck, Fettleibigkeit und Bewegungsmangel) machen zusammen 40 Prozent der weltweit jährlich erfassten 60 Millionen Todesfälle aus.

    In diesem Jahr stehen wir in unserem Berlin übrigens bei stark gestiegenem Radverkehrsanteil mit sieben tödlich verletzten Radfahrern auf dem niedrigstem Stand seit der Wiedervereinigung – nur 2005 wurde dieser Wert schon einmal erreicht. Unbestritten viel zu hoch, aber nur noch ein knappes Drittel der Werte Anfang der 1990er Jahre. Seit dem hat sich der Radverkehrsanteil hier mehr als verdoppelt – Tsokos propagiert also offenbar genau das Gegenteil von dem, was den Straßenverkehr sicherer macht …

  6. „chrismon“ ist ja nun auch ein religöses Propagandablatt, das Glauben statt Wissen transportiert.

    Was soll man da anderes erwarten?

  7. im angst verbreiten war die kirche ja schon immer besonders gut

  8. >“chrismon” ist ja nun auch ein religöses Propagandablatt, das Glauben statt >Wissen transportiert.
    >
    >Was soll man da anderes erwarten?

    > im angst verbreiten war die kirche ja schon immer besonders gut

    Hallo, geht’s noch? Habt Ihr das Heft oder zumindest das Interview gelesen? Tsokos erklärt da ausdrücklich, dass er nicht gläubig ist. Außerdem wäre es neu, eine Zeitung für den Mist, den der Interviewte von sich gibt, in Haftung zu nehmen.

  9. @Harald, das Schlimme ist nicht, dass Herr Tsokos so denkt. Das schlimme ist, dass er seine Bekanntheit nutzt, um andere zu solchem Denken zu bringen.

    Seine Kinder dürfen auch nicht radfahren, so etwas merkt man dann auch auf der Straße. Mit 18 noch keine Erfahrungen im Straßenverkehr, aber dank Führerschein mit dem Auto unterwegs. Wie stark wird man sich dann mit andersartigen Verkehrsteilnehmern sozialisieren?

    Die Angst davor, überfahren zu werden, scheint höher zu wiegen, als die Angst, jemanden zu überfahren.

  10. @egon
    @philip
    Vorurteile hoch drei.
    Ihr könnt davon ausgehen, daß unter den Lesern die Zahl derer, die das Rad regelmäßig benutzen, weit überdurchschnittlich ist. Sie dürften auf die Schlußfolgerungen des Herrn Tsokis auch antworten können.

  11. @benno
    es sind leider 8 Tote Radfahrer in diesem Jahr 2009 zu beklagen.

    Dr. Tsokos hat also Angst auf der Straße zu fahren. Ich lade den Doktor ein, mal mit mir durch Berlin zu fahren. Vielleicht hilft es.
    Sonst soll er lieber auf dem Deich fahren, dann kommt er uns nicht in die Quere.

  12. Herr Tsokos ist ein PR-Übertreiber erster Güte. Siehe auch hier: http://bitterlemmer.posterous.com/da-schwimmt-sie-die-pr-ente-um-die-tote-rosa

  13. ich wunder mich auch nicht, dass sowas in chrismon steht. der interviewer hätte ja mal wenigstens nachfragen können oder so. 12-20 tote radfahrer in einem monat, hallo?

  14. hab n leserbrief geschrieben und die antwort:
    „Ich habe noch einmal Kontakt aufgenommen zu Herrn Tsokos: Er untersucht nicht nur die tödlich verunglückten Radfahrer, die auf Berliner Straßen sterben, sondern auch mit jene, die im Umland ( Herr Tsokos nennt namentlich Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg) verunglücken und lebensgefährlich verletzt in eine der Berliner Spezialkliniken (z.B. Unfallkrankenhaus Berlin) eingeliefert werden und dann dort versterben. Dadurch erklärt sich die hohe Zahl an Toten.“

  15. … wenn Herr Dr. Tsokos im Unfallklinikum Marzahn arbeitet, hat er bestimmt den bei der Tour de France gestürtzten und schwer verletzten Jens VOIGT mitgezählt.

    Aber der fährt wieder munter Radrennen!!!

  16. Herr Herr Prof.steht halt gern im Rampenlicht und ich bin mir sicher das man 50% vom gesagten abziehen kann.Na und was den „Rummel“ um Herrn Prof.Dr.Tsokos & sein Buch angeht,so bekommt er nirgenntwo eine bessere u.günstigere Werbung für sein Buch als über die Medien….
    Was seine Kinder angeht,so denke ich werden sie mit großer Warscheinlichkeit nicht bei ihm im Berlin,aber in ihrer Heimatstadt „radeln“…..

  17. […] Der Rechtsmediziner und die toten Radfahrer » Rad-Spannerei […]

  18. guilt by probable ignorance of male role model:
    Herr Tsokos ist Sohn eines Griechen. Es ist angesichts der extrem geringen Verbreitung des Verkehrsmittels Fahrrad im hellenischen Buergertum sehr unwahrscheinlich, dass M. Tsokos mit alltaeglichem Fahrradgebrauch seines Vaters aufwuchs.

    guilt by media association:
    CDU-MdB Hermann Groehe war Chrismon-Herausgeber, bevor er Herrn Pofalla, dem O-Ton-Wegzapp-Trigger Nr.1, auf den vertrauensvollen Spitzenposten eines CDU-Generalsekretaers unter Frau Merkel folgte.

  19. @Philip :
    Der Herr doktor ist halt so wichtig das alle Verkehrstoten des gesamten Universums zu ihm gebracht werden, ich meine er gibt auch Interviews bei Chrismon…

  20. @Philipp: Danke für den Leserbrief. Ergibt natürlich trotzdem immer noch keinen Sinn. Für Berlin und Brandenburg habe ich die Zahlen oben ja schon genannt (insgesamt 39). Für Meck-Pomm habe ich keine Zahlen auftreiben können, aber im gesamten Bundesgebiet waren es 2007 425. Angesichts der Bevölkerungszahl von MP werden es dort also vielleicht noch mal 20, 30 getötete RadfahrerInnen gegeben haben. Tsokos‘ Zahlen sind also auch mit der genannten Ergänzung Schwachsinn.

  21. Ich meinte natürlich Philip. Sorry für den Vertipper.

  22. „Er war auf einem Deichweg mit einem anderen Radler zusammengerauscht.“

    Danke für den Link.

  23. Es gibt ein Interview mit Tsokos im ND, Herbst 2009.: dort sagte Tsokos nach meiner Erinnerung etwas von Rauchen und schnelle Autos fahren, ich hatte es mir sogar ausgeschnitten und aufgehoben. Werde jetzt mal suchen.
    (Anm.: bin auf diesen Blog bw. Kommentar-Forum durch den tödlichen Radunfall Storkower Str./Greifswalder Str. aufmerksam geworden und lese z.Zt. etwas im Archiv)

  24. Wahnsinn, hab‘ es sofort wieder gefunden:

    Frage ND an Tsokos: „Denken Sie an den eigenen Tod?“

    Antwort Tsokos: „Überhaupt nicht. Ich fahre ein schnelles Auto und rauche. Ich hoffe, daß erst eine Halbzeit meines Lebens rum ist. Ich rechne noch nicht mit dem Tod.“

    (Quelle: ND vom 22.10.2009, ganzseitiges Interview zu seinem Buch „Dem Tod auf der Spur“ und Thema Rosa Luxemburg)

  25. Wie peinlich 🙂 Aber vielleicht ist ein Autounfall ja komfortabler als ein Fahrradunfall.

  26. An alle Schlaumeier!!
    Man merkt deutlich an euren komentaren, dass ihr alle keine Ahnung habt.
    Stamme selber aus der Berufsgruppe und weis nur all zu gut was Herr Dr. Tsokos da schreibt und auch meint. Befasst euch lieber mit Themen in denen ihr euch auskennt, denn hier kann nur der mitsprechen der aus der Branche kommt und Ahnung davon hat.

  27. Anni schreibt: „An alle Schlaumeier!!“

    Beschreibst du dich selbst?

    „Stamme selber aus der Berufsgruppe und weis nur all zu gut was Herr Dr. Tsokos da schreibt und auch meint.“

    Du bist Rechtsmedizinerin und hast jede Woche 3-5 tote Radfahrer auf dem Tisch? Oder willst du nur trollen?

    Kleiner Hinweis: Guck dir mal offizielle Statistiken zu Toten im Strassenverkehr an, und dann behaupte, dass der feine Herr Tsokos NICHT masslos übertreibt.

    Kleiner Rant von mir noch: Dass Mediziner von Statistik keine Ahnung haben und stattdessen lieber schön emotional aus dem hohlen Bauch argumentieren, ist bekannt.

    „Befasst euch lieber mit Themen in denen ihr euch auskennt, denn hier kann nur der mitsprechen der aus der Branche kommt und Ahnung davon hat.“

    Sind Mediziner nun auch Verkehrsplaner oder auch nur Alltagsradfahrer? Worin kennen sich Mediziner denn aus? Wer Verletzungen behandeln kann, ist dann auch Experte für Unfallprävention oder -vermeidung?

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