Projekt „Spurensicherung“ des Tagesspiegel

Jeder, der in Berlin mit dem Fahrrad unterwegs ist, macht Erfahrungen mit zu eng überholenden Fahrzeugen. Aber wieviel Abstand halten Autofahrer beim Überholen von Radfahrern wirklich ein? Nach der mündlichen Auskunft eines Fahrradpolizisten von vor zwei Jahren wollte die Berliner Polizei testweise ein Gerät zur Abstandsmessung erwerben. Niemand weiß, ob die Polizei in Berlin inzwischen einen Abstandmesser besitzt und – wenn ja – tatsächlich einsetzt.

Dabei sind die Verkehrsregeln eindeutig. Jeder Kraftfahrzeugführer, der einen Fahrradfahrer überholt, muss einen Seitenabstand von mindestens 1,5 Metern einhalten. Der Tagesspiegel will nun wirklich wissen, wieviel Raum überholende Kraftfahrzeuge den Radfahrern wirklich lassen. Er hat ein Testfahrrad mit einem Arduino-Minicomputer, einem Ultraschallsensor und einem Bluetoothmodul ausgestattet. Zusammen mit einem Smartphone zur Positionsbestimmung kann nun auf den Zentimeter genau ermittelt werden, wie groß die Überholabstände tatsächlich sind.

Als Teststrecke wurde der Weg zwischen dem Funkturm auf dem ICC-Gelände und dem Kottbusser Tor gewählt. Diese Strecke ist ein wenig länger als zehn Kilometer. „Der Radfahrer fährt defensiv und mit mittlerer Geschwindigkeit“. Bei einer einmaligen Durchführung des Experiments wurde das Testfahrrad fünfzig Mal in einem Abstand von unter zwei Metern überholt, darunter waren 31 Fahrzeuge, die einen Überholabstand von 1,5 Metern unterschritten. Superenge Überholabstände von unter einem Meter registrierte das Testfahrrad vier Mal. Durchschnittlich wurde der Testfahrer also etwa alle 2,5 Kilometer hochgefährlich überholt.

Die Messfahrt des Tagesspiegel wurde nur von einer einzelnen Person auf einer bestimmten Strecke zu einer bestimmten Tageszeit durchgeführt. Der Tagesspiegel will nun wissen, ob diese Messung auf anderen Straßen ähnlich ausfällt. Er will 100 Testfahrer in allen Bezirken Berlins mit 100 Radmesser-Sensoren ausstatten. Acht Wochen sollen die Testfahrer damit auf den Straßen Berlins fahren. Hinterher soll ausgewertet werden, wo es für Radfahrer am gefährlichsten ist.

Tagesspiegel: Projekt Spurensicherung

6 Gedanken zu „Projekt „Spurensicherung“ des Tagesspiegel

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  1. auf sog. „Schutz“streifen ist der Überholabstand manchmal nur so breit wie die Linie. Wäre ja schön, wenn die Messwerte untermauern, welchen Effekt manche Radverkehrsanlagen tatsächlich haben

    1. Ein Regierungssprachrohr stellt Radghettos nicht in Frage. Im Gegenteil. Wenn Thema Rad, dann Propaganda für Ghettos.

      Und natürlich der Fokus auf „die Autofahrer“. Doch das Verhalten der Leute wird stark durch die von der VLB, also Regierung, geschaffenen Verkehrsstruktur geformt.

      Ghettos beispielsweise tragen dazu bei, dass die Ghettoisierten als Fremdkörper oder als untergeordnet wahrgenommen werden.

  2. Wenn ich mir die Bilder der Action Cam so ansehe, scheint mit „defensiver Fahrweise“ gemeint zu sein, so weit wie möglich rechts zu fahren, teilweise sogar schon im Dooring Bereich. Bspw. ist auf dem zweiten Bild rechts ein Parkstreifen und er fährt auf der Trennlinie zwischen Parkstreifen und rechter Fahrspur, anstatt eindeutig die rechte Fahrspur zu belegen.

    Das könnte einige der Nahüberholvorgänge erklären, aber natürlich nicht rechtfertigen. Meiner Erfahrung nach wird der Überholabstand im Durchschnitt umso größer, je größer mein Abstand zum rechten Rand ist.

    1. Wo finde ich denn diese Bilder? Danke!

      1. 5x auf den Pfeil nach rechts klicken, dann erscheint eine interaktive Karte. Dort dann per Mausrad oder Scrollbalken nach unten scrollen und es erscheinen nacheinander die Bilder der Action Cam und Informationen zu den einzelnen Überholvorgängen.

  3. Mir ist nicht ganz klar, welche Abstände da gemessen werden. Ist ja kein Ding, die Nullstelle als Lenkerende zu definieren, aber erwähnt wird das nirgendwo. Dass der KFZ-Außenspiegel als anderes Ende registriert wird, halte ich dagegen sogar für ziemlich unwahrscheinlich. Gemessene Werte also eher sogar zu hoch.

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