Stagniert der Radverkehr in Berlin?

Ein beliebtes verkehrspolitisches Statement bei der Berlinwahl vor einem Jahr war, dass der Radverkehrsanteil in Berlin von Jahr zu Jahr zunimmt, nicht wegen sondern trotz der schlechten Politik des alten Senats.

Um die Mobilitätswahl der Berliner Bevölkerung einzuschätzen, führt die Universität Dresden im Auftrag des Senats alle fünf Jahre eine Haushaltsbefragung der Bevölkerung durch. Zuletzt fand diese Umfrage im Jahre 2013 statt und ergab, dass durchschnittlich 13 Prozent aller Wege in Berlin mit dem Fahrrad erledigt werden. Fünf Jahr früher im Jahre 2008 lag dieser Wert bei zehn Prozent.

Um noch genauere Werte zu erhalten, wurden seit 2012 nach und nach automatische Radzählstellen in der Stadt installiert. Zur Zeit werden an 17 Stellen im Stadtgebiet die Radfahrer gezählt und tagesaktuell im Netz veröffentlicht. Je länger diese Zählstellen in Betrieb sind, desto längere Messreihen liegen vor und desto besser lässt sich einschätzen, wie sich der Radverkehr in Berlin über die Jahre quantitativ entwickelt.

Ist der Fahrradverkehr 2017 im Vergleich zu 2016 angestiegen? Dazu habe ich der Vergleichbarkeit wegen die Zahlen vom 1. Januar bis zum 18. September eines jeden Jahres ermittelt. Hier die Zahlen von 10 Radzählstellen in absteigender Reihenfolge:

Zählstelle 2016 2017 Prozent
Oberbaumbrücke 2.560.219 2.441.236 95,38 %
Jannowitzbrücke 2.121.836 1.990.498 93,81 %
Yorkstraße 1.277.183 1.227.603 96,11 %
Invalidenstraße 954.721 914.771 95,81 %
Monumentenstraße 981.084 865.249 88,19 %
Paul-und-Paula-Uferweg 852.740 825.345 96,78 %
Schwedter Straße 562.101 527.964 93,92 %
Prinzregentenstraße 326.030 314.781 96,54 %
Markstraße 264.307 268.158 101,45 %
Alberichstraße 133.835 128.446 95,97 %
Summen 10.034.056 9.504.051 94,71 %
.      

Das zeigt einen deutlichen Rückgang der registrierten Fahrräder 2017 gegenüber 2016. An der Oberbaumbrücke wurden in absoluten Zahlen in diesem Jahr 120.0000 weniger als 2016 gezählt, an der Jannowitzbrücke waren es 130.00 Radfahrer weniger. Das Minus an der Yorkstraße lag bei etwa 50.000 und an der Monumentenstraße bei ungefähr 110.00 Radfahrern. Einziger Ausreißer ist die Radzählstelle Markstraße in Wedding. Hier wurden 2017 knapp 4.000 Radfahrer mehr gezählt als 2016 im gleichen Zeitraum. An allen Zählstellen zusammengerechnet lag das absolute Minus bei 530.000 Fahrrädern oder 5,29 Prozent.

Wieso wurden nur zehn Radzählstellen betrachtet und nicht alle siebzehn? Manche Radzählstellen wurden erst im Laufe des Jahres 2016 scharf geschaltet und deshalb können die Zahlen beider Jahre nicht verglichen werden. Andere Radzählstellen wie der Kaisersteg sind zwei Wochen ausgefallen, sodass auch hier keine Vergleichbarkeit gewährleistet ist.

Verkehrslenkung Berlin: Fahrradzählstellen

6 Gedanken zu „Stagniert der Radverkehr in Berlin?

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  1. Interessante Zahlen, vielen Dank für die Übersicht.

    Zwei Gedanken habe ich dazu: Wenn man das Wetter als gerade für Gelegenheitsfahrradfahrer wichtigen Faktor einbezieht, sieht der moderate Rückgang gar nicht so schlecht aus. Ich kann mir vorstellen, dass das etliche davon abgehalten hat, öfter das Fahrrad zu nutzen.

    Alternative Routen wären natürlich auch noch so ein Faktor, der mir in Sinn gekommen ist, der aber sich natürlich nur schwerlich überprüfen lässt. Da die Messstellen größtenteils an Hauptstraßen liegen, wäre die Verlagerung in Nebenstraßen zumindest denkbar.

    1. Zumindest für die Oberbaumbrücke ist eine Verlagerung in Nebenstraßen unwahrscheinlich. Entweder es wurden enorme Umwege zur Schilling- oder Elsenbrücke in Kauf genommen. Oder die Zählstelle für Schiffahrt hat eine enorme Steigerung des Tretbootverkehrs über die Spree festgestellt.

      (Die Brommybrücke spielt für den aktuellen Senat ja leider keine Rolle.)

      Da die Veränderung an der Oberbaumbrücke fast identisch mit denen der anderen Zählstellen ist, behaupte ich mal, daß die Verlagerungsthese nicht stichhaltig ist.

      Das Wetter kann es schon gewesen sein, aber: War das dieses Jahr soviel schlechter als letztes Jahr? Wenn schon ein paar Grad weniger und drei Regentropfen vom Radfahren abhalten, dann sehe ich für den Radverkehr schwarz.

  2. Aus dem Vergleich von zwei Zeiträumen ist schön zu sehen, wie das Wetter war, aber kaum erkennbar, wie sich der Radverkehr entwickelt. 😉 „Wetterausgleich“ ist das Stichwort.

    Radverkehrszählungen mit Wetterausgleich gibt’s z.B. hier:

    https://www.berlin.de/senuvk/verkehr/lenkung/vlb/download/bericht_radverkehr_2016.pdf

    Die VLB veröffentlicht ihre Erhebungen hier (der Bericht ist dort auch verlinkt):

    https://www.berlin.de/senuvk/verkehr/lenkung/vlb/de/erhebungen.shtml

  3. @ HVHASEL,
    ich halte die Verlagerung von Radverkehr in Nebenstraßen nicht nur für denkbar sondern für sehr wahrscheinlich. Der Grund dafür ist, wenn ich mein eigenes Verhalten reflektiere, im Dieselgate zu suchen. Seitdem mir klar geworden ist, dass die vielen Dieselstinker nicht annähernd so sauber sind, wie uns die Autoindustrie glauben machen wollte, versuche ich vermehrt verkehrsärmere Nebenstraßen zu nutzen und nehme dabei sogar manch eine zusätzliche Zumutung in Kauf. Sicherlich wird der verregnete Sommer manch eine Fahrt verhindert haben. Der Jahrhundertregen am 29.Juni hat an allen Messstellen die Zahlen für mehrere Tage in den Keller rutschen lassen. Doch auch Faktoren, wie die neue Verkehrsführung im Bereich zwischen Park am Gleisdreieck und Südkreuz dürften z.B. die Zählergebnisse an Yorkstraße und Monumentenstraße negativ beeinflußt haben.

  4. Ich muss HVHASEL und ZAHLENDREHER recht geben. Das Wetter scheint einen viel größeren Einfluss auf die Radverkehrsmengen zu haben als ich gedacht habe. Meine Annahme war, dass sich der Faktor Wetter übers Jahr gesehen ausgleicht. Aber das scheint nicht der Fall zu sein.

    Es ist klar, dass die recht geringe Datenbasis von wenigen Monaten noch nicht ausrecht, um langfristige Trends zu erkennen. Dennoch fällt auf, dass sich die Werte an manchen Zählstellen auffallend parallel verhalten. So wurde der absolute Spitzenwert am Mittwoch, dem 21. Juni 2017 an der Zählstelle Oberbaumbrücke registriert. An diesem Tag wurden hier in beiden Richtungen 20.633 Radfahrer gezählt. Am gleichen Tag wurden an fünf weiteren Zählstellen die jeweils meisten Radfahrer gezählt (Jannowitzbrücke, Yorkstraße, Maybachufer, Invalidenstraße, Paul-und-Paula-Uferweg). Wenn also an einer Zählstelle viele Radfahrer an einem Tag registriert werden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch andere Radzählstellen am gleichen Tag relativ viele Radfahrer gezählt werden.

    Hier einmal die absoluten Spitzenwerte der Zählstelle Oberbaumbrücke:
    Mittwoch, 21. Juni 2017: 20.633 Radfahrer
    Mittwoch, 19. Juli 2017: 17.674 Radfahrer
    Dienstag, 18. Juli 2017: 17.276 Radfahrer
    Donnerstag, 15. Juli 2017: 17.621 Radfahrer
    Dienstag, 20. Juni 2017: 17.195 Radfahrer
    Donnerstag, 8. September 2016: 16.845 Radfahrer

    Der Zähler an der Oberbaumbrücke ist seit dem 1. Juni 2015 in Betrieb. Wenn auf den ersten fünf Plätzen Tage aus dem Jahr 2017 liegen und erst auf Platz sechs der stärkste Tag des Jahres 2016 kommt, dann bedeutet das, dass „potentiell“ der Radverkehr im Jahre 2017 stärker ist. Wenn alle Bedingungen stimmen, das heißt, das Wetter ist warm aber nicht zu heiß, die Sonnenscheindauer ist hoch, der Wind ist nicht stark und der Tag liegt auch noch in der Wochenmitte, dann erreicht der Radverkehr 2017 stärkere Werte an dieser Stelle als 2016.

    Die Bedingungen waren aber nicht durchgängig so gut in diesem Jahr. Im März 17 wurden an der Oberbaumbrücke 50.000 Radfahrer mehr gezählt als im Vorjahresmonat, im April 17 waren es 35.000 Radfahrer weniger als im Vorjahresmonat. So geht es weiter Monat für Monat, je nachdem das Wetter besser oder schlechter als im Vorjahr war. Und weil die Wetterbedingungen insgesamt einen Tick schlechter als 2016 waren, kommen die eher schwächeren Zahlen im laufenden Jahr zustande.

    1. @Kalle : Ja, die Erklärung klingt auch für mich logisch. Danke für’s Analysieren der Zahlen!

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