Berlins „Fahrradbeauftragter“ spricht Klartext

Als Christian Gaebler (SPD), Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, noch relativ frisch im Amt war, gab er mal der Morgenpost ein Interview. Es ging darum, dass der Ex-Radverkehrsbeauftragte Benno Koch geschasst worden war. Gaeblers Antwort: „Der bisherige Beauftragte hat gesagt, was er sich an Tätigkeit vorstellt, könne er ehrenamtlich nicht leisten. Sollen wir deshalb einen zusätzlichen Mitarbeiter einstellen? Das lehne ich ab, weil wir in den nächsten fünf Jahren in unserer Senatsverwaltung 255 Stellen abbauen müssen. Der bisherige Beauftragte war der Meinung, er müsse alle Vorgänge im Haus bewerten. Aber das ist meine Aufgabe, insofern bin ich hier der Fahrradbeauftragte.“

Knapp drei Jahre später wird Gaebler wieder befragt, diesmal vom Tagesspiegel. Die Aussagen Gaeblers sind bemerkenswert für jemanden, der für alle Belange des Fahrradverkehrs zuständig ist. Das gesamte Gespräch (Überschrift: „Tempo 30 ist schwer vermittelbar“) ist lesenswert, hier nur drei Aussagen im Zitat.

Zu Tempo 30:

„Wir müssen immer abwägen, dass eine gewisse Mobilität gewährleistet bleibt. Stadtweit auf Verdacht Tempo 30 einzuführen würde eher nicht helfen. Hinzu kommt die Frage der Akzeptanz: Tempo 30 wird da akzeptiert, wo es einen Anlass gibt, also Kitas, Schulen oder Lärmschutz. Aber einfach zu sagen, es dient der Verkehrssicherheit, scheint mir problematisch. Wenn es nicht eingehalten wird, nützt es auch nichts.“

Zu Tempo 50 an Unfallschwerpunkten:

„Es ist ja nicht gesagt, dass die Geschwindigkeit die Hauptursache ist. Radfahrer verunglücken besonders oft, weil Kraftfahrer unaufmerksam abbiegen. Aber deshalb kann ich doch nicht das Abbiegen verbieten. Wir können nicht alle Probleme durch Vorschriften lösen, sondern nur durch Rücksichtnahme.“

Zur Tatsache, dass von der Radverkehrsstrategie praktisch nichts umgesetzt wurde:

„Ich bekomme oft Beschwerden, dass wir angeblich zu viel für den Radverkehr machen. Dass fast nichts umgesetzt wurde, stimmt so nicht. Wir bauen das Radroutennetz aus und haben ein paar große Projekte schon umgesetzt wie in der Turmstraße und der Müllerstraße. Die Warschauer Straße folgt jetzt. Dass manches lange dauert, will ich nicht bestreiten. Aber da arbeiten wir dran – zusammen mit den Bezirken.“

Morgenpost: Wie Berlin zur Fahrradhauptstadt werden soll (30.07.12)
Tagesspiegel: „Tempo 30 ist schwer vermittelbar“

Alleinunfall einer Radfahrerin in der Schlesischen Straße

Vor vier Tagen tickerte die Berliner Polizei folgende Nachricht:

„Eine Radfahrerin war heute früh in Kreuzberg offensichtlich so abgelenkt, dass sie gegen ein geparktes Auto fuhr und sich dabei eine Kopfverletzung zuzog.
Nach den bisherigen Erkenntnissen fuhr die 21-Jährige gegen 5.40 Uhr mit einem Rad auf dem Radfahrerschutzstreifen der Schlesischen Straße in Richtung Puschkinallee und unterhielt sich während der Fahrt mit ihrem 25-jährigen Freund, der auf dem Gehweg mit einem Skateboard unterwegs war. Durch das Gespräch war die junge Frau vermutlich so unaufmerksam, dass sie gegen ein geparktes Auto fuhr. Alarmierte Rettungskräfte brachten die Gestürzte zur stationären Behandlung in ein Krankenhaus.“

Polizeimeldung Nr. 0578 vom 08.03.2015

Die Initiative Clevere Städte kommentierte den Unfall so:

Presserad nahm die Vorlage auf: „Dass die Polizei Berlin sogar das Thema nicht einmal in einer Unfallmeldung mit einer Radfahrerin anspricht, ist dagegen zugleich neu wie irritierend“.

Daraufhin habe ich bei der Polizei nachgefragt, wo das Auto geparkt war. Die Antwort der Polizei:

„Sehr geehrter Herr ***,

zu Ihrer Anfrage bei der Internetwache der Berliner Polizei unter der o.g. Vorgangsnummer darf ich Ihnen mitteilen, dass der PKW ordnungsgemäß am rechten Fahrbahnrand der Schlesischen Str., also außerhalb des Radfahrschutzstreifens, geparkt war.

Mit freundlichen Grüßen!“

Initiative Clevere Städte bei Twitter
Presserad: Neulich in Berlin

Streit um Promillegrenze für Radfahrer

In der Wochensendung quer des Bayrischen Rundfunks wurde gestern Abend die Alkoholdebatte beim Radfahren noch einmal aufgewärmt. Es geht um den Vorstoß auf dem Deutschen Verkehrsgerichtstag, das Radfahren ab 1,1 Promille strafbar zu machen. Zur Unterstützung der Initiative, den Grenzwert für Radfahrer von 1,6 auf 1,1 Promille zu senken, hatte die Unfallforschung der Versicherer eine Studie in Auftrag gegeben. Die kam, aber nicht mit dem gewünschten Ergebnis, sie belegte nämlich, dass viele selbst im Vollrausch korrekt und unfallfrei Radfahren können.

quer fasst die Ergebnisse der Studie zusammen, blickt aufs bayrische Land, dort ist der Kneipenbesuch mit dem Rad eine Art Kulturgut, und begleitet schließlich Wolfram Hell in die Rechtsmedizin der Uni München, wo die Unfallopfer eintreffen. Alles nur Alkoholleichen von Radlern auf den Seziertischen? Im Gegenteil, die Probleme liegen woanders.

quer: Sendung vom 05.03.2015
Unfallforschung der Versicherer: Radfahren und Alkohol
via daniel pöhler

1. Berliner Lastenradrennen

Am Sonnabend, dem 21. März 2015 wird im Rahmen der Velo-Berlin ein Lastenfahrradrennen auf dem Messeglände zwischen den Messehallen am Funkturm stattfinden. Bei dem offenen Rennen für alle Nationalitäten werden sich die Lastipiloten in Geschicklichkeit und Schnelligkeit messen. Ausgeschrieben werden Wettfahrten in drei Kategorien mit jeweils eigenen Cargo-Bikes:
A: Lastenräder mit 2 Rädern m/w
B: Lastenräder mit 3 Rädern m/w
C: Staffel gemischt

Eine Anmeldung ist möglich bis zum Renntag. Sendet eure Anmeldung an  info@cargobikefans-berlin.de und nennt bitte Namen und die Kategorie, an der ihr teilnehmen möchtet.

 

Ort: Velo-Berlin, Messedamm, Eingang Ost, Außenbereich unter dem Funkturm
Zeit: Sonnabend, dem 21. März 2015 von 14:00 bis 17:00 Uhr

Cargo-Bike-Fans-Berlin auf Facebook
Velo-Berlin

Neue „radzeit“ jetzt doppelt so groß. Auch doppelt so gut?

Das war die Frage, als ich die neue Ausgabe der ADFC-Mitgliederzeitschrift „radzeit“ des Berliner Landesverbandes in den Händen hielt. Zugegeben, ich war selten gespannter auf das neue Heft als diesmal. Statt in DIN A5 erscheint das „Das Fahrradmagazin für Berlin und Brandenburg“, wie es nun im Untertitel heißt, im Format DIN A4, statt 6x wird es nur noch vier mal im Jahr an die Mitglieder verschickt. Das Layout ist angenehm nüchtern und zurückhaltend, das Papier ist dicker.

Inhaltlich will das Blatt sein „Profil schärfen und einen lokaleren Fokus wählen“. Zum Ausdruck kommt das dadurch, dass dem Landesverband Brandenburg in Zukunft eine regelmäßige Seite gewidmet ist. Im Prinzip eine gute Sache, denn die schönen und schrecklichen Aspekte des Radfahrens in unserem Nachbarland haben für die Berliner Radfahrer einen hohen Stellenwert. Der lokalere Schwerpunkt wird auch sichtbar durch mehr Artikel über die Berliner Bezirke. Im Premierenheft gibt es einen Beitrag über Spandau und drei Artikel zu Kreuzberger Radproblemen.

Auch der Politik-Teil hat zugelegt, im Zentrum der ersten Nummer steht ein Interview mit dem Fahrradtechnikguru Ernst Brust über schrottige Räder und ein Artikel darüber, wie die große Koalition aus SPD und CDU in Berlin den Radverkehr mit dem Mittel der so genannten „qualifizierten Haushaltssperre“ bekämpft. Die letzten Seiten der radzeit sind wie gehabt: Tourismus und Glosse.

Angekündigt aber noch nicht im Netz ist eine neue Online-Ausgabe der radzeit, die sich „orientiert an den Lesegewohnheiten neuer Zielgruppen“. Man darf gespannt bleiben.

(Link wird nachgereicht.)

Weltmeisterschaft im Linksabbiegen

Am 19. August 2012 fand an der Straßenkreuzung Weinmeister, Münz und Schönhauser in Mitte die erste WM „im links um die ecke fahren der damen“ statt. Die Preise – gold angesprayte Playmobil-Radfahrer (!) auf Holzklotz – konnten erfolgreich an die Frau gebracht werden.

Schnelle Mädchen

Schuld und Mitschuld am Tod einer Radfahrerin

Seit mehr als zehn Jahren stößt man jeden Donnerstag im Magazin der Süddeutschen Zeitung auf eine kleine Rubrik: Die Gewissensfrage. Ein Leser der SZ stellt eine moralische Frage, der Autor Rainer Erlinger beantwortet sie. In der letzten Ausgabe wurde folgende Frage gestellt: „Bei uns in der Stadt gibt es eine Straße mit viel Verkehr und einem Radstreifen am Fahrbahnrand. In dieser Straße befindet sich auch ein Pizza-Bringdienst, dessen Fahrer oft unerlaubterweise auf dem Radstreifen parken. Ich habe mehrmals überlegt, ob ich nicht einfach mal in den Laden gehe und die Angestellten darauf anspreche und sie bitte, dies nicht zu tun. Leider habe ich das nie getan. Jetzt kam eine Radfahrerin ums Leben, weil sie einem auf dem Radstreifen parkenden Auto des Lieferdienstes auswich und von einem Auto erfasst wurde. Bin ich mitschuldig an ihrem Tod?“

Erlinger beruhigt den Leser und meint, dass ihn keine Mitschuld triftt. Schließlich sei der Leser nur Passant und nicht für die Situation verantwortlich, die zum Unfall führte. Verantwortlicher dagegen seien der Fahrer des parkenden Autos, der Betreiber des Pizzadienstes (der keine Haltemöglichkeit für Fahrzeuge vorhält), der Behördenmensch (der die Nutzung des Pizzadienstes gemehmigt) und der Polizist (der seit der Eröffnung des Ladens am parkenden Pizza-Auto vorbeifährt und nichts tut). Erlinger: „Sie alle hatten Verantwortung und die Möglichkeit, das zu unterbinden.“ Im Gegensatz zum Leser.

In der Aufzählung der für die Situation verantwortlichen taucht der Fahrer des Unfallfahrzeuges nicht auf. Aber selbst wenn Erlinger die Person, die die Radfahrerin erfasste, genannt hätte, befriedigt mich die Antwort nicht. Wenn eine Kreuzung, an der immer wieder schwere Verkehrsunfälle passieren, umgebaut wird und von da an zu einer sicheren, unfallfreien Kreuzung wird, dann muss sich die Person, die für die Gestaltung der Kreuzung zuständig ist, fragen lassen, wieso erst jetzt und ob nicht zumindest eine moralische Mitschuld am Leid der Verkehrsopfer besteht.

Süddeutsche Zeitung Magazin: Die Gewissensfrage aus Heft 09/2015

Achim Reichel: Fahrrad fahr’n

Der Musiker, Komponist und Produzent Achim Reichel ist ein bisschen wie ein Chamäleon unter den deutschsprachigen Musikschaffenden. In den sechziger Jahren war er mit der Band The Rattles erfolgreich und machte den Anheizer auf Tourneen der Beatles und Stones. Ein Jahrzehnt später wandelte er sich zu einem Vertreter des Progressive Rock, bevor er die deutsche Volksmusik entdeckte. Das Stück „Fahrrad fahr’n“ wurde auf der LP „Oh ha!“ 1996 veröffentlicht und enthält mild vorgetragene Kritik:

„Die Stadt gehört den Autos,
davon gibt es viel zu viel,
mit dem Rad da komm‘ ich schneller,
viel schneller ans Ziel.“