Studie zum Überholverhalten von Autofahrern

In einer jüngst publizierten Studie der britischen Universitäten „University of Bath“ und „Brunel University“ wurde gefragt, wie sehr sich Radfahrer mit auffälliger Kleidung gegen gefährliche Überholmanöver von Autofahrern schützen können. Dafür wurde mit einem Ultraschall-Sensor der Abstand zwischen Auto und Radfahrer bei insgesamt 5690 überholenden Autos gemessen. Die Tests fanden auf immer der gleichen Strecke mit immer gleichen Fahrrädern statt, ausgetauscht wurde einzig die Bekleidung der radfahrenden Testpersonen.

Die Tests wurden mit sieben Bekleidungstypen durchgeführt. Neben den Bekleidungstypen „Pendler“, „Alltagsradler“ und „Hochsichtbarer Radfahrer“ gab es den „Rennradfahrer“ mit eng anliegendem Dress sowie drei Bekleidungstypen mit unterschiedlich gestalteten Warnwesten. Der Typ „Anfänger“ trug den Hinweis „Langsam überholen!“ auf dem Rücken. Der Typ „Polizei“ war mit einem Polizei-ähnlichen Logo und dem Hinweis dekoriert, dass die Fahrt per Video aufgenommen wird. Der dritte Warnwestenträger war der Typ „Freundlicher Radfahrer“ mit der Bitte „Please Slow Down!“ auf dem Rücken. Bis auf den Alltagsradfahrer, der eine Mütze oder ein Baseball Cap trug, hatten alle radfahrenden Testpersonen einen Helm auf dem Kopf.

Die Tests fanden bei Tageslicht und guten Sichtbedingungen statt, die Radfahrer waren mit einer Geschwindigkeit zwischen 16 und 28 km/h unterwegs und fuhren in einem Abstand zwischen 50 und 80 Zentimetern vom Straßenrand. Alle Radfahrer saßen im Sattel und die Teststrecke hatte keine komplizierten Bedingungen wie parkende Autos am Straßenrand oder Kreuzungen.

Bei ein bis zwei Prozent aller Überholvorgänge wurden die Radfahrer in einem Abstand von 50 Zentimetern überholt. Diese hochgefährichen Überholmanöver verteilten sich gleichmäßig auf alle Bekleidungstypen. Anders als erwartet wurden die Bekleidunsgtypen „Anfänger“ und „Erfahrener Rennradfahrer“ von den Autofahrern gleich schlecht behandelt. Nur der Hinweis auf die Video-Aufnahme und die polizei-ähnliche Staffage motivierte die Autofahrer, einen etwas größeren durchschnittlichen Abstand beim Überholen einzuhalten.

Das Team um Dr. Ian Garrard und Dr. Ian Walker folgerte daraus, dass Radfahrer kaum etwas gegen gefährliche Überholvorgänge tun können. Vermutlich haben Faktoren wie Infrastruktur, das gesellschaftliche Bewusstsein und gesetzliche Vorschriften einen größeren Einfluss darauf, Radfahrer vor extrem eng überholenden Autofahrern zu schützen.

University of Bath: The influence of a bicycle commuter’s appearance on drivers’ overtaking proximities

(Danke für den Hinweis an Christian C.)

34 Gedanken zu „Studie zum Überholverhalten von Autofahrern

Kommentare-Feed
  1. Ohne Blick in die Origialquelle: Also war der Abstand in 98% der Fälle >50cm? Das entspricht durchaus meiner subjektiven Wahrnehmung – wirklich interessant wäre (zumindest hierzulande), wie groß der %-Satz derer war, die legal, also mit >1,49m Abstand, überholten und ob da die Bekleidung auch eher keine Rolle spielte (ein Fake-Polizist gilt nicht 🙂 )

  2. Die Auswirkungen eines sperrigen Gegenstandes aufm Gepäckträger wären nochmal interessant zu messen. Ich meine ja zu bemerken, dass das den Überholabstand erhöht (soll ja kein Kratzer ans Blechle kommen).

    In der linken Hand einen Sixpack schlenkern, scheint auch hilfreich, ist aber bei Alltagsfahrten unpraktisch.

    Wenn ich im Rückspiegel einen herannahenden Deppen bemerke, gehe ich in einen leicht besoffenen Fahrstil über (ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen).

    Rückspiegel ist überhaupt sehr praktisch. Da sieht man und hört nicht nur, was erheblich weniger Angst-Emotionen erzeugt)

  3. Also nach meiner ganz subjektiven Wahrnehmung hat bereits der Wechsel der Fahrradtasche von rechts auf links etwas gebracht. Wie Nebsler schon schrieb, dem teuren Lack soll ja nichts passieren.

  4. Überraschend ist der Befund schon, nachdem Herr Walker http://www.fahrrad-helm.de/IANWALKER/ zu entgegengesetzten Ergebnissen kam und auch die kleine Studie: http://fahrradzukunft.de/5/ueberholverhalten/ darauf hindeutet, dass Autofahrer da beim Überholen je nach Radfahrer Unterschiede machen.

  5. Ich finde die Auswahl bei diesen Experiment nicht differenziert genug: es handelt sich ausschließlich um Männer, keine Frauen, keine Kinder, offensichtlich auch keine Alten. Die Sportlichen sind überproportional vertreten. Nützlich wäre es auch, wenn die Hälfte der Fahrer einen Helm tragen, die andere Hälfte nicht – der einzige Faher ohne Helm trug eine Kopfbedeckung, die Kontext zur sonstigen sportlichen Outfit (Rucksack!)von schnellen PKW-Fahrern als Helm interpretiert werden könnten.

  6. Stimme Philip zu, als ich noch einen Gepäckträger hatte und damit Tasche, war die immer links, was einen größeren Abstand provozierte. Jetzt ohne all das stelle ich fest, dass ich geringfügig anders behandelt werde, wenn ich als Weibchen zu identifizieren bin. Allerdings kommt das inzwischen auch auf die Gegend in Berlin an.
    Emma Finkelstein (ADFC) hat ja schon festgestellt, dass sich das Verhalten der Autofahrer Frauen gegenüber mit der Jahreszeit und damit der schwerer Zuordenbarkeit ändert.

    Und sonst? Bis auf Fahrradtasche und damit mögliche Beschädigungsgefahr des Vierrädlers hat nix jemals geholfen.

  7. Wirkung der Helmfarbe: Ich hatte früher einen weißen Scaterhelm. Seit dem ich mir einen in Signalrot zugelegt habe (war am günstigsten – jetzt weiß ich warum) verhalten sich insbesondere „professionelle“ Kraftfahrer äußerst rücksichtslos mir gegenüber. Das mit der Satteltasche kann ich auch bestätigen. Aber vielleicht ist das alles nur Einbildung?

    Früher gab es ja mal diese „Abstandhalter“ die man an Schulkinder verteilt hat. Eine Bekannte aus London meinte, dass man das im UK wieder abgeschafft hätte, weil manche Autofahrer es als „sportliche“ Herausforderung angesehen hätten so knapp wie möglich vorbei zu fahren und den Abstandhalter einzuknicken. Ist das der Grund weshalb es diese auch in D nicht mehr gibt? Als Kind hatte ich so einen. Keine Ahnung welchen Effekt der hatte.

  8. @Nebsler: Schon erstaunlich, dass so ein praktischer und nützlicher Rückspiegel in den Sicherheitsdiskussionen so gut wie keine Rolle spielt. Ein Rückspiegel erhöht die Sicherheit allemal mehr als Helm oder Warnweste. Noch besser wäre nur eine rückwärtige Kamera, die z.B. in Verbindung mit Google Glass eine permanente Wahrnehmung nach hinten ermöglichen könnte.

  9. […] Studie zum Überholverhalten von Autofahrern […]

  10. @MrPorhtnasim: Um ernsthaft wirksam zu sein, müssten diese Abstandhalter zwei Voraussetzungen erfüllen.
    1.: sie müssten mindestens 1,50 m auskragen (und das wäre fahrdynamisch auch suboptimal)
    2.: sie müssten so gestaltet sein, dass sie an einem zu eng überholenden Auto massive Schäden verursachen

    Beides so in einem Produkt zu kombinieren, scheint mir nicht sehr einfach. Aber vielleicht könnte man mit Laser-Abstandsmessung und einer umgebauten Schrotflinte etwas basteln 😉

  11. @ faxe: interessanter Gedanke: Warum taugt „Helmplicht“ als Idiom der „Auch-Radfahrer“, „Rückspiegelpflicht“ aber nicht?
    Taugen Helm oder Warnweste evtl. zur Marginalisierung von Radfahrern, der Rückspiegel nicht?

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Seitenabstand beim Überholen vor allem davon abhängt, mit welchem Rad ich unterwegs bin.
    Aufsteigend:
    -Stadtschlampe
    -Rennrad
    -Liegerad
    -Velomobil
    warum das so ist? Keine Ahnung.

    Die Kleidung spielt wohl keine so große Rolle. Vor Jahren glaubte ich, dass (nach Einführung der „Polizei-Rad-Staffel“) mein grünes Trikot mit dem Aufdruck „POLSTEREI“ vor Hupern schützte , ebenso wie ein schwarzes Hollandrad & dunkler Anzug („Priester-Mimikry“, schwer katholisch hier).
    Kann aber Einbildung gewesen sein.

  12. Ich stelle in den letzten Tagen fest, dass in der Dunkelheit der Abstand deutlich abnimmt. Es sind (sorry, aber persönliche Wahrnehmung) vor allem Frauen, die da etwas Probleme haben die Distanz einzuschätzen.

  13. @bruna:
    Noe, die Studie will eben nur den Einfluss der Kleidung auf den Ueberholabstand darstellen. Und was das angeht is die Studie gar nicht mal schlecht, es wurden die von dir genannten Stoergroessen ausgeschlossen.

  14. Ich hatte mal gelesen, dass eng überholen nur sehr selten zu Unfällen führt. Immerhin was, aber sehr unangenehm bleibt es trotzdem.

    @faxe
    „Ein Rückspiegel erhöht die Sicherheit allemal mehr als Helm oder Warnweste.“
    Ein Rückspiegel am Rad hilft doch wohl nicht, dass der Autist mit ausreichendem Abstand überholt?! Er hilft dem Radfahrer zu erkennen, ob’s eng wird oder nicht.

    @Quirinus
    Also, du wirst bei Dunkelheit von einem Auto überholt und kannst, nachdem es wieder vor dir eingeschert ist feststellen, dass es sich um eine Fahrerin, nicht um einen Fahrer handelt? Respekt, du scheinst ja richtige Adleraugen zu haben.

  15. Ich hab so langsam das Gefühl, das auch das Wetter eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Als es letzte Woche im Umfeld des Sturmes auch ordentlich schüttete, wurde ich dramatisch öfter Geschnitten und eng überholt. Es schien, als ob die Kraftfahrzeugführer Angst hatten, auf der nassen Fahrbahn die Bremse zu betätigen, wenn Gegenverkehr auftauchte.

  16. Die im Paper beschriebene Vorrichtung zur Distanzmessung finde ich sehr interessant, und der Sensor scheint auch noch halbwegs erschwinglich zu sein.

    Ich habe auch erst wieder den Effekt bemerkt, dass ein grösserer Gegenstand in der linken Hand Autofahrer durchaus auf Distanz hält. Hatte in einem „Henkelmann“ Adventsgebäck mit auf den Weg zu Freunden genommen. Bringt auch echt was beim links abbiegen, hehe. Respekt durch Stollen!

  17. Die Überholabstände sind m.W. zum Glück sehr selten direkt unfallrelevant. Ich halte sie aber in der mittelbaren Wirkung für eine der größten Gefahren des Straßenverkehrs. Durch die geringen Abstände trauen sich viele nur im Auto raus, die verbliebenen Radfahrer fahren zu weit rechts bzw. legal oder gar illegal gefährdet im Seitenraum, außerdem ist es gelebter Ausdruck einer rücksichtslosen, die „Flüssigkeit des Verkehrs“ priorisierenden Verkehrsmoral.

    Eine Untersuchung über den Einfluss der Fahrstreifenbreite und den jeweiligen Abstand des Radfahrers zum Fahrbahnrand interessierte mich dabei wesentlich mehr. Nach meinen subjektiven Erfahrungen üben verschiedene Radfahraussehen nur unwesentlichen Einfluss auf den Überholabstand aus, wobei die Optik von Spezialrädern, Kindern und Älteren mehr Einfluss hat als der Kleidungstyp, einzig dem Polizeilook messe ich da maßgeblich Bedeutung zu.

    I.Ü. muss ich Holger zustimmen, insbesondere bei Regen und Dunkelheit empfinde ich innerorts die Überholabstände zu mir als wesentlich geringer, auch wenn ich mit viel Kerzen und Lametta fahre. Es mag eine Rolle spielen, dass ich unter diesen Bedingungen selbst mehr Abstand als sonst notwendig fände. Ich vermute indes, dass der Stress schlechterer Sichtbedingungen und mehr Autoverkehrs bei Schmuddelwetter zu einem aggressiverem Überholen führt, schließlich geht es ohnehin schon stockender als sonst, da sinkt die Bereitschaft zur Rücksicht.

  18. Dicht überholt werden? -> Wird von Monat zu Monat weniger. Ist eh auf geringen Niveau.
    Angehupt werden? -> Selten.
    Aggro-Hupen? -> Kann mich schon fast nicht mehr dran erinnern.

    Ich bin Schwarzfahrer. Schwarze Hose, schwarze Jacke, schwarzer Rucksack. In der Ebene meist eine 3 vorne auf’m Tacho.

    Zwei Fahrspuren (pro Richtung) = Super! Also ausreichend Verkehrsraum um mich problemlos zu überholen.

    Eine Fahrspur (pro Richtung) = ICH bestimme wann und wo ich überholt werde.
    Selten dass sich jemand meiner Meinung widersetzt.

    Wo fahre ich? -> eigentlich immer min. 1 Meter vom Fahrbahnrand. Zunehmend gerne mitten auf der Fahrspur (bei normaler Fahrbahnbreite (ca.3,25 Meter)). Um so mittiger – um so besser läufts 😀

    Rückspiegel?
    Ich weiß ja nicht was ihr so beim Radfahren macht. Ich nehme ein Kraftfahrzeug hinter mir wahr noch bevor es mich überholt. Üblicherweise die Rollgeräusche, gelegentlich die Motorgeräusche. Jetzt in der dunklen Jahreszeit natürlich die Scheinwerfer. Oh – und ich fahre MIT Musik in den Ohren. Nehme dennoch mehr Geräusche wahr als ein Kraftfahrer es in seiner Fahrgastzelle je schaffen kann.

    Sicherlich… ein langsamerer Radfahrer wird die Geduld eines Kraftfahrers schneller strapazieren als ich. Zumindest für meine Situation gesprochen läuft das recht entspannt. Viel entspannter als zu der Zeit als ich noch auf dem Radweg rumgeeiert bin oder als ich halbwegs im Kantstein gefahren bin.

  19. Herzlichen Glückwunsch, dass auch Dir die Binsenweisheiten wie man halbwegs sicher durch den Verkehr kommt, bekannt sind. Aber Obacht… Hochmut und Überheblichkeit kommen bekanntlich vor dem Fall: http://www.veit-it.de/images/optik/cartoons_alltag/im_loriot_autofahrer_maenner.gif

  20. anfangs kam ja die frage na einem passenden gegenstand als abstandhalter auf … ein großes bügelschloss in der linken hand (je nach dem wie man das am rad oder körper befestigt) ist ja auch in sekundenschnelle zur griffbereit) erhöht den überholabstand schnell und nachhaltig 😉

  21. Rad-Recht: „Fahrstreifenbreite und den jeweiligen Abstand des Radfahrers zum Fahrbahnrand“

    Genau zu diesem Thema hatte ich letzte Woche ein Diskussion mit einem Beamten vom Verkehrsermittlungsdienst. Auf dem Tegeler Weg war ein Transporter mit nur wenigen cm Abstand an mir vorbei gefahren, dessen Fahrer ich deswegen anzeigen wollte.
    Der Beamte meinte allerdings, es wäre ausschließlich mein Fehler gewesen. Die Straße kann dort noch zweispurig befahren werden, 5 Meter weiter parken dann rechts Fahrzeuge. Es wies auf das Rechtsfahrgebot hin, das ich angeblich verletzt hätte. Ich bin sozusagen mittig in meiner „Spur“ gefahren. Schließlich will ich nicht kurz vor einem Hindernis einen Haken von 2 m nach links schlagen.
    Den Link auf die Seite mit Foto/Video schicke ich dir gerne. Ich will sie aber hier nicht öffentlich machen, da sie nur für die Polizei gedacht ist und ich damit Keinen an den Pranger stellen will.

  22. Meine Persönliche Erfahrung entspricht den Zahlen nicht ganz.
    Ich bin im Sommer mit Radlerklamotten bzw Arbeitsklamotten unterwegs, je nachdem ob Freitzeit oder Arbeitsweg.
    Im Winter nur mit Winterkleidung.
    Tags sowie auch Nacht.

    Rund 10% überhoheln egal ob etwas entgegenkommt oder nicht bei so wenig Abstand wie möglich(2cm sind da auch nicht so selten, meist um die 10cm.)

    10% haben Angst zu überhohlen aber machen es dann doch, je nach Sichtweite und verkehrslage interesiert sie der Abstand auch nicht. Nur fahren sie sehr langsam vorbei.

    Nun unterscheidet es sich ob Gegenverkehr herscht oder nicht.

    Bei Gegenverkehr überhohlen immer noch 60-70%. der Rest watet und fährt dann doch oder aber wartet bis wieder frei ist um schnell vorbei zu „springen“ auch hier ist der Abstand sehr unterscheidlich.

    Ohne Gegenverkehr haben über 50% einen angemessenen Abstand, beim Rest ist es sehr unterschiedlich.

  23. @All Das einzige was mir aufgefallen ist, ist ein schwankender Fahrstil. Kraftfahrer können den Abstand dann deutlich weniger einschätzen und gehen auf nummer sicher. Hilft allerdings auch nur paar Monate, dann haben sie sich dran gewöhnt.

  24. Wow! Ausschließlich deine Schuld, wenn Du auf Intimabstand ÜBERHOLT wirst. Geile Einstellung. Und wieder eine Bestätigung mehr für mich, weshalb ich jene große böse Stadt mit immer mehr Nachdruck meide.

  25. nuja auf die expertise der rennleitung darf man nicht so viel geben, anzeigen dann gerne direkt zur sportgerichtsbarkeit …
    die könnten natürlich dann zum juristischen roundhousekick greifen und euch beiden was aufs ohr drücken. dem einen wegen nahüberholung, dem annern wegen missachtung des rechtsfahrgebots.

  26. @Karsten Strupp:
    Ich meinte insbesondere den mittleren dauerhaften Abstand zum Fahrbahnrand bei gleichbleibender Fahrstreifenbreite. Meiner Erfahrung nach ist mittiges Fahren bei sehr geringer Breite und ausreichender Abstand nach rechts bis etwa gut 3 m Breite der Spur günstig. Bei breiteren Spuren hängt es stark von örtlichen und zeitlichen Gegebenheiten ab (insbesondere Dooringzone), welchen Abstand nach rechts ich wähle. Breiten von etwa 3,5 m (ca. 4 m mit Parkstreifen) finde ich am unangenehmsten. Hier gibt es keine wirklich gute Position auf der Straße.

    Für Spurwechsel, Ausweichen vor Hindernissen etc. fände ich eher entscheidend, wie weit davor man bei welcher Geschwindigkeit bei welchen Verkehrsverhältnissen den Abstand nach rechts vergrößert. Das man mit vorausschauendem und vorhersehbarem frühem Ausscheren gegen das Rechtsfahrgebot verstieße, kann ich mir nur bei wirklich sehr sehr frühem Ausscheren u.U. vorstellen. Leider sehen das zuweilen Verkehrsteilnehmer nicht ein.

    Ich fahre teilweise vor Spurwechseln recht weit vorher links der Spurmitte (eher bei schmalen Fahrstreifen, hoher Eigengeschwindigkeit und Kraftverkehr unter 50 km/h), um unmissverständlich meine Absicht anzuzeigen und sinnlose Überholmanöver zu verhindern, die nur im Schneiden/Ausbremsen/Gefährden meiner Person enden können. Das mag bei weniger Radfahrerfahrung Unverständnis hervorrufen. Obwohl dies m.E. völlig von der Rechtslage gedeckt ist, wäre die Akzeptanz auch nicht bei jedem Gericht gesichert. Allerdings verhindert dies in der Praxis zuverlässig den Großteil der situationsbedingten Konflikte.

  27. ich finde ja den überholabstand von 1,50 total absurd und vor allem oft gar nicht machbar. ausserdem hält man den jawohl als radfahrer mitnichten ein, wenn man selber an einem auto vorbeifährt.
    ich bin allerdings fahrradkurierin, d.h., geübter fahrer.
    und ich finde, man sollte seine überholmanöver den potentiellen opfern anpassen (kind, oma, „racer“).
    dasmache ich als fahrradfahrer auch;
    und ich finde es im übrigen unmöglich, wie manche radfahrer (besonders die sehr „ambitionierten“)
    kinder und andere passanten fast umfahren, weil sie finden, die gehören irgendwo nicht hin.
    und die kuriere sind’s dann wieder gewesen..
    aber darum geht’s ja hier nicht.

  28. @dinx
    ich weiß wie du das alles meinst, aber:
    – irgendeinen Wert muss man ja nehmen, und mit der Prämisse die Sicherheit zu priorisieren finde ich die 1,5m gar nicht sooooo abwegig, sonst braucht es wieder 157 Sonderregelungen für Schlechte Wegstrecke (Schlagloch/Scherbe umfahren), Bergauffahrt, ausserorts (schonmal auf der Landstrasse von ’nem LKW überholt worden?) und Starkwind (Xaver)
    – vielleicht unbewusst, aber du schreibst ja selber: überholen vs. vorbeifahren. Zwei paar Schuhe. Wenn ich ein Auto übehole, dann auch nur mit ordentlich Abstand oder eben stark reduzierter Geschwindigkeit.
    – volle Zustimmung bzgl. anderen Radfahrern und Fußgängern. Natürlich eine Charakterprobe Jemandem mit der Hälfte der eigenen Richtgeschwindigkeit länger hinterherzufahren, aber genau das fordern wir ja im Zweifelsfall auch von Autofahrern.
    – Kuriere haben zwei Probleme in der öffentlichen Wahrnehmung. Erstens sind sie meistens recht gut erkennbar (Sippenhaft), zweitens müssten sie es als professionelle Fahrradfahrer besser wissen. Quasie die Taxifahrer der Fahrradfahrer, überdurchschnittlich Fahrzeugbeherschung gepaart mit Zeitdruck und dadurch die Bereitschaft sich in Situationen zu begeben, die anderen Verkehrsteilnehmern als waghalsig/leichtsinnig empfinden. Regeln sind eben selbst dann gebrochen, wenn nichts passiert ist.

  29. Dem Beitrag kann ich mich nur voll anschließen. Und eine von den 157 Sonderregelungen ist ja bereits die, die für höhere Geschwindigkeit gilt, also bei deutlich über 50 km/h müssen Autofahrer bereits 2 m seitlichen Abstand halten.
    Und dann noch ein wichtiger Punkt: Sicherheitsabstände heißen so, weil sie manchmal gebraucht werden. Ich kann mich an einen Schreck erinnern, als ich vor Jahren, in Wuppertal, Wettiner Straße bergauf Richtung Toelleturm, von einem Bus überholt wurde. Dem kam, auf eigentlich ausreichend breiter Straße, ein Müllwagen entgegen, leider ziemlich weit zur Straßenmitte. Der Bus musste nach rechts ausweichen, und plötzlich hatte ich ihn sehr nah neben mir. Das hätte ich so nicht erleben wollen, wenn der Bus von vorneherein nur 20 cm Abstand gehalten hätte.
    PS: dinx, die Satire Fahrradkuriere aus der Stenkelfeld-Serie kennst du? Wenn nicht, einfach mal Google fragen, liegt als MP3 irgendwo rum.

  30. mich für einen sicheren radfahrer haltend war ich dennoch sehr froh, dass der bajuwarisch produzierte testosteronbomber mit auswärtigem kennzeichen sein 15-cm-abstand-überholmanöver schon abgeschlossen hatte, als ich feststellte, dass diese eine fiese bodenwelle zwei wochen vorher noch nicht da war.

  31. @dinx
    Dir sollte wohl auch selbst auffallen, dass „Autofahrer überholt Radfahrer“ oder „Radfahrer überholt Autofahrer“ zwei total verschiedene Dinge sind.

    Ein Auto mit 2.000 kg überholt mit 50 kmh einen Radfahrer.
    Ein Radfahrer (100 kg, 20 kmh) überholt ein stehendes oder langsam fahrendes Auto.

    Jetzt kannst du dir selbst denken, warum die Überholabstände hier variieren dürfen.

  32. @Martin:

    Das Problem in der Praxis: wenn man als Radfahrer den Autofahrern einmal vormacht, dass auf einer schmalen Straße, einem schmalen Fahrstreifen etc. Auto und Fahrrad nebeneinander passen, dann wird der Autofahrer dieses Wissen beim nächsten Überholvorgang anwenden. Deswegen ist diese Schlängelei an Kreuzungen teilweise ein ziemlich schlechter Plan.

    Mir fällt es persönlich deutlich auf, dass ich mit mehr Abstand überholt werde, wenn ich mich zuvor in einer Kolonne hinter wartenden Pkw mittig angestellt habe. Wenn’s dann weitergeht, ich irgendwann zum rechten Rand gehe um Überholmöglichkeit zu geben, dann wird in der Regel erst dann überholt, wenn tatsächlich ein akzeptabler Seitenabstand möglich ist.

    Fazit: Schlängeleien in Kolonnen nur dann, wenn man damit so viel Zeit spart, dass man die auf diese Weise überholten Autos im weiteren Fahrtverlauf nie wieder sehen wird. Sonst besser anstellen. Insbesondere wenn eh abzusehen ist, dass man mit der nächsten Grünphase durchkommt.

  33. Fazit: Schlängeleien in Kolonnen nur dann, wenn man damit so viel Zeit spart, dass man die auf diese Weise überholten Autos im weiteren Fahrtverlauf nie wieder sehen wird. Sonst besser anstellen. Insbesondere wenn eh abzusehen ist, dass man mit der nächsten Grünphase durchkommt.

    Korrekt.

  34. Ich würde das Dicht-Überholen-Problem auch mal von der Seite der Gefährder betrachten. Vielleicht sieht man dann eine Muster?

    Sonntag, 15:00 Uhr, Speckgürtel stadteinwärts zwischen Bernau und Pankow, Rennrad, helle Rückleuchte ist an, erhöhtes Verkehrsaufkommen, fast mehr als wochentags zur Rushhour. Gabs in Berlin was umsonst?

    Die überwiegende Mehrzahl der PKW hält sich an die StVo und überholt auf der Gegenfahrbahn.

    Aber c.a. 5% der PKW Lenker überholt zum Teil auf schmaler Straße mit Gegenverkehr aber auch auf freier Strecke ohne erstichtlichen Grund mit extrem geringem Seitenabstand. z.B. wir zwei fahren hintereinander mit 30 und werden in der 50er Zone von PKW mit c.a. 70km/h und 30cm Abstand überholt.

    Ich fände eine Studie interessant, die diese 5% mit den anderen 95% PKW Fahrer gegenüberstellt und folgende Fragen und die verkehrspsychologischen Hintergründe behandelt:

    – Warum scheeren Fahrer beim Überholen nicht wie vorgeschrieben auf die Gegenfahrbahn aus ohne Gegenverkehr?

    – Was veranlasst Fahrer zu riskantem Überholen bei Gegenverkehr und langsam vorausfahrender Autokolonne?

    – Sind die 5% Gefährlichüberholer „Wiederholungstäter“
    – Falls ja: Überholen die 5% an allen Wochentagen gleich gefährlich?

    – Ist die Quote der „near misses“ Sonntags gleich wie Wochentags?

    – Korreliert das Überholverhalten mit den Mondfasen?

    – Warum überholt ein Autofahrer einen zur roten Ampel ausrolleden Radfahrer mit Vollast?

    – Warum überholt ein offensichtlich ortskundiger PKW Fahrer auf einer Hauptstraße (50km/h) eine Rennradgruppe (30 – 35 km/h) obwohl er im nächsten Moment stark abbremsen muss, um nach rechts in eine kleine Seitenstraße abzubiegen?

    usw.

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