Schränkt die Fahrradsternfahrt die Freiheit ein?

Eines vorab: Ich (berlinradler) bin zwar ADFC-Mitglied, unter anderem wegen dem Versicherungsschutz und der regelmäßig zugesandten „Radzeit“, bin aber nicht aktiv. Daher kann ich nicht offiziell für die Fahrradsternfahrt schreiben. Dennoch fahre ich jedes Jahr mit und in den Jahren, in denen es aus beruflichen Gründen nicht ging, war ich immer wenigstens gedanklich dabei.

Ereignisse wie die Fahrradsternfahrt polarisieren. Sollen die Radfahrer sich doch erstmal an die Regeln halten, bevor sie Verbesserungen für sich einfordern. Man kann doch nicht die ganze Stadt lahmlegen und exklusiv den Radfahrern vorbehalten. Demonstrationen sollen bitteschön irgendwo jwd erfolgen und nicht immer den Verkehr so stören.

Die entsprechenden Onlinediskussionen, zum einen in Tageszeitungen, aber durchaus auch in vereinzelten Kommentaren hier im Blog, zeigen ein kurioses Bild: Wird die Meinungsfreiheit einerseits sehr hoch bewertet – immerhin gingen dafür Ende der 80er Jahre Hundertausende DDR-Bürger auf die Straße und riskierten Gewalt und Gefängnis – so gibt es heute viele Stimmen, deren Forderung man gar nicht anders zusammenfassen kann: Demonstrationsfreiheit aufheben oder einschränken, um den (Auto-) Verkehr weniger zu stören. Absurd, aber durchaus ein häufig zu vernehmender Tenor. Doch was bringt eine Demonstration, die keiner sieht?

Ich habe mich schon oft gefragt, warum ich dem Thema der Verkehrspolitik so viel Relevanz beimesse. Schließlich gibt es auch andere Politikfelder, die ebenfalls Einfluss auf mein Leben haben. Aber letztendlich ist die Antwort einfach: Tagtäglich bin ich mit Situationen konfrontiert, die unnatürlich, störend und angsteinflößend sind. Zum einen ist das die ständige Antipathie unter den Verkehrsteilnehmern, die groteske Züge annimmt. Man stelle sich einen Supermarkt vor, in dem die Leute sich ständig überall mit ihrem Einkaufswagen vordrängeln und von vornherein als Feinde betrachten. In dem verbale Kommunikation durch eine Hupe und primitive Gesten ersetzt würde. Das wäre skurril. Der Straßenverkehr holt aus uns – unabhängig vom Bildungsgrad – geradezu animalische Verhaltensweisen heraus.

Fast noch mehr als die bis Ende der 90er Jahre reichende Verkehrspolitik, die Radfahrer weitgehend aus dem Sichtfeld ausklammerte, ärgert mich die heutige, schlecht gemachte, angeblich fahrradfreundliche Verkehrspolitik. Da werden Radstreifen in superbreite Straßen gepinselt, um dann genau in den Engstellen zu enden. Da werden vom Senat Radverkehrsrouten eingeführt und beschildert, um dann jahrelang umleitungsfrei unter Baustellen zu verschwinden. Da wird die Frage in der öffentlichen Diskussion ignoriert, ob Radstreifen das Problem mit tödlichen Rechtsabbiegerunfällen überhaupt beheben können. Und ein Staatssekretär Christian Gaebler stellt sich hin und verkündet, nun „Fahrradbeauftragter“ zu sein. Kurzum: Man meint es zwar durchaus ernst mit den Radverkehrsinteressen, zumindest in der Berliner Landespolitik. Doch man kennt die Bedürfnisse nicht und will sie dann nicht befriedigen, wenn dafür Kompromisse zu Lasten des Autoverkehrs gemacht werden müssten. Und in manchen Punkten (Fahrradbeauftragter) nimmt man den Bürger nicht ernst.

Das System „auf Teilstrecken 50 km/h, dafür an Kreuzungen stehen und warten“, das in Durchschnittsgeschwindigkeiten von 20-30 km/h für den Autoverkehr resultiert, verlangsamt nicht nur alle anderen Verkehrsteilnehmer. Es gefährdet sie auch. Nach wie vor ist der Hauptunfallgegner des Radfahrers das Auto. Und es ist auch Hauptunfallverursacher. Das Risiko des eigenen Fehlverhaltens überträgt der Autofahrer in der Stadt auf Fußgänger und Radfahrer. Praktisch und bequem. Und völlig ungerecht! Dem wird noch die Krone aufgesetzt, indem Radfahrer, die in Berlin ca. 5.000 Unfälle im Jahr verursachen, als Rowdies hingestellt werden und Kraftfahrer, die über 100.000 Unfälle im Jahr verursachen, aus ihrer guten Ampelbeachtung schlussfolgern, immer korrekt zu fahren. Bußgelder sind gesellschaftstauglich und stehen nicht etwa für eigenes Fehlverhalten, sondern für behördliche Gängelung.

Ich halte mich an die Verkehrsregeln und stehe dennoch als Prügelknabe da. Keine Chance auf eine andere Wahrnehmung, egal was ich mache. Dafür kann ich jeden Tag aufs neue überlegen, ob ich hinter einem Falschparker auf der Busspur anhalte oder ihn überhole – dabei aber immer (ja, IMMER!) wieder so knapp überholt werde, dass jedes unvorhersehbare Ereignis mein Ende bedeuten kann. Ich kann mich über neue Radstreifen „freuen“, die in bisher gemütlichen Nebenstraßen dafür sorgen, dass ich nun rechts von den Rechtsabbiegern stehe. Und die den Autofahrer gegen mich aufbringen, sobald ich den Streifen verlasse, um mich als Linksabbieger einzuordnen. Dankbar soll ich sein, wenn da etwas mehr als ein Meter Breite für mich und all die anderen Radfahrer reserviert ist, obwohl wir schon die Mehrheit in vielen Straßen sind.

Ich denke, es wird noch viele Fahrradsternfahrten geben. Und solange ich so unzufrieden bin wie zur Zeit, werde ich immer mitfahren. Mein Mitleid für Menschen, die nicht einen einzigen Tag ohne Auto auskommen können, hält sich in Grenzen. Denn das können ja nur die sein, die die Probleme verursachen, indem sie eben ausschließlich das Auto nutzen und nicht mal an solchen Tagen auf S- und U-Bahn oder das Fahrrad umsteigen können.

30 Gedanken zu „Schränkt die Fahrradsternfahrt die Freiheit ein?

Kommentare-Feed
  1. Hallo,
    herlichen Dank für diesen absolut treffenden und prima formulierten und so gut nachvollziehbaren Beitrag,d er mir als häufiger Radel-Pendler – auch im Großraum Stuttgart (verrückte Auto-City!) – voll und ganz aus dem Herzen spricht!
    Nicht nachlassen!
    „Oben bleiben“ heißt die Devise hier um Stuttgart21, passt vielleicht auch für Radler, oder? ,-)
    LG
    pewa

  2. Als erstes mal an dieser Stelle, und ich denke auch im Sinne von SuSanne, der Organisatorin der Sternfahrt: !!! DANKE !!! an alle die, die sich von dem „Traumwetter“ nicht haben verschrecken lassen und gestern mitgefahren sind.

    Ich gebe dir hier für der Artikel in den meisten Belangen voll und ganz Recht. Aber ganz so schlimm, was den Kampf zwischen Autofahrer und Radfahrer betrifft, sehe ich es nicht. Es gibt sie sehr wohl, die rücksichtsvollen und verantwortungsbewussten Autofahrer. Die, die es nicht sind, fallen natürlich extrem auf, da sie oft eben auch gefährliche Situationen provozieren.

    Das ist umgekehrt aber genauso. Ich habe sehr wohl auch als Radfahrer das Gefühl, es schwer zu haben, als gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer akzeptiert zu werden, da auch den Autofahrern natürlich die Radfahrer, die sich daneben benehmen, am meisten auffallen. Insofern rufe ich auch im täglichen Verkehr oft anderen Radlern Kommentare zu (falsche Straßenseite, falschrum im Kreis, Rotlicht, …), da ich von deren Fehlverhalten eben indirekt auch betroffen bin.

    Den Gedanken „Sollen die Radfahrer sich doch erstmal an die Regeln halten, bevor sie Verbesserungen für sich einfordern.“ habe ich dementsprechend selber immer wieder. Und ich denke, dass er auch gerade für eine Demo gilt. Wenn ich mich für meine Interessen stark mache, sollte ich auch zeigen, dass ich mich benehmen kann.

    Ich bin gestern vom Kottbusser Tor aus als Ordner mitgefahren und habe im Verlauf der Fahrt auch immer wieder Teilnehmer (oder Radfahrer, die möglicherweise auch gar keine Teilnehmer waren) darauf angesprochen, auf den Gehwegen nicht zu fahren, sondern zu schieben. Manche halten sich dran, die meisten ignorieren es, und im letzten Jahr durfte ich sogar einen Kraftausdruck dafür einkassieren. Für Radler der letzteren Sorte will ich bestimmt nicht demonstrieren!

  3. Jo, schöne Zusammenfassung der Situation.

    Gut, man könnte beim Punkt der Öffentlichen Wahrnehmung jetzt noch die Rolle der Medien etwas genauer erwähnen, so z.B. die wohl nur extrem zu nennende Ambivalenz der Darstellung, wie sie kürzlich bei Stern TV auf RTL zu bewundern war.
    Was dann die Folgen solcherlei „Jorunalismus“ sind, darüber berichtet dann wieder niemand. Einen Teil der Folgen kann aber ein jeder radfahrender Mensch tagtäglich auf den Straßen erfahren, durch die nochmals gesteigerte Aggressitvität gegen Radfahrer, oder indem man in den Blog von Marco Laufenberg schaut – http://www.radfahren-in-koeln.de/2013/05/10/fanpost/

  4. Guter Beitrag!
    Weil mir „das Verkehrspolitische“ auch so nahe gegangen ist, habe ich mich letztes Jahr entschieden im ADFC im Bereich Verkehrspolitik tätig zu werden. Durch die Einsichten, die man da gewinnt werde ich zwar nicht immer glücklicher (kommunale Verkehrspolitik ist eine Schlangengrube), aber ich bringe mich aktiv ein und schaffe es kleine Akzente zu setzen. Immerhin für mich besser als von der Seitenlinie zuzuschauen.

  5. Hallo,

    ich bin ja meist stiller Leser und auch die Kommentare in besagten Tageszeitungen (nun ja es ist ja vor allem eine ;-)) geben mir oft Anlass zur Belustigung. Aber man darf diese Kommentare nicht überbewerten. Da machen sich doch immer die gleichen unbelehrbaren Leute Luft. Die sind nicht repräsentativ. Ich hab in meinem Bekanntenkreis schon sehr viel diskutiert und habe den Allein-Autofahrern mal die Radfahrersicht näher gebracht. Das bewirkt schon einiges (obwohl ich jetzt wohl als renitenter Radler gelte :-)).
    Ich habe mich auch schon öfter gefragt, warum ich (und viele andere) so emotional in Verkehrsdingen reagiere. Meine Erklärung für mich: ich habe einfach so viele schlimm gefährliche Situationen erlebt… Ich hatte das 1. Jahr ziemliche Angst in der Stadt zu radeln. Und man ist ja der Sündenbock für alles als Radfahrer.

    Zum Stichwort „Kampf auf der Straße“: unser Verkehr ist einfach so organisiert. Da kann das Individuum nicht soviel für (obwohl sich ja jeder mal reflektieren sollte, inwieweit er andere gefährdet). Wenn man z.B. die Verkehrsströme in zwei Richtungen freigibt (Rechtsabbiegerproblematik) kommt es zwangsläufig zu Konflikten. Und ich finde es wirklich erschreckend, dass immer so viele Tote in Kauf genommen werden, obwohl man diese Problematik an vielen Stellen locker lösen könnte. AUch die Radfahrer untereinander sind ja nicht fein, da gibt es dann auch sehr rücksichtslose Individuen. Das sind aber auf allen Seiten (Auto-, Roller-, Radfahrer und Fußgänger) immer die Leute, die nur ihr eigenes Ziel im Sinn haben ohne Rücksicht auf andere.

    Auch beim Gerede von wegen „Sollen die die Demo doch woanders machen“ ist mir aufgefallen, dass das nicht die Meinung nur bezüglich Radlern ist, sondern auch bezüglich ziemlich vielen anderen gesellschaftlich relevanten Themen. Da kommt dann oft der Spruch: „Sollen die doch erstmal richtig arbeiten gehen, dann wissen sie, was relevant ist im Leben“. Das ist alles Stammtischniveau. Das auf den PiratenMac beim Tagesspiegel immer soviel eingegangen wird mit Gegenargumenten, ist doch absurd. Meine Devise: ich rede darüber sachlich mit Leuten, bei denen man noch etwas bewirken kann. Bei den anderen macht es keinen Sinn.

    Von daher find ich es super, dass es diesen Blog gibt, sodass ich weiß: es gibt sie, die sachlichen Leuten, denen das Thema am Herzen liegt und vor allem nicht das Auto an sich verteufeln.

    Ich kann also obige Worte mit jeder Zeile unterschreiben. Aber das Radeln wird mit mehr Erfahrung und einer ruhigen inneren Einstellung besser. Und wenn man im Verkehr öfter mal freundlich ist, dann klappt das auch besser. Ich finde die meisten Autofahrer ok. Die schlimmen schätze ich mal auf ca. 5 %. Aber das reicht ja bei 7000 km im Jahr locker für etliche brenzlige Situationen.

    Danke für den Beitrag und bitte das Geschwätz einzelner Wichtigtuer, die sich für die Mehrheit halten, nicht so ernst nehmen.

    Susan

  6. sehr schöner post, eine treffende zusammenfassung. ich muss zugeben, ich konnte meine familie gestern nicht so recht überzeugen, mitzufahren. nächstes mal – und respekt an alle, die nicht aus zucker waren!

  7. Wenn man z.B. die Verkehrsströme in zwei Richtungen freigibt (Rechtsabbiegerproblematik) kommt es zwangsläufig zu Konflikten.

    Da sind –von Fußgängern abgesehen– keine zwei Richtungen. Das Problem ist hier, daß der Verkehrsstrom separiert wird, in Radfahrer und den links davon fahrenden motorisierten Verkehr.

    Ohne Separation gibt es keine Rechtsabbiegerprobleme, weil es ohne Separation keine geradeausfahrenden Radfahrer rechts von Rechtsabbiegern gibt.

    Ja: Das setzt voraus, daß Radfahrer hinter Autos langfahren, und daß sie auch mal warten, bis die vor ihnen wartenden Autos weggefahren sind.

    Wer meint, schneller vorankommen zu müssen, in dem er sich selbst vom Verkehrsfluss separiert und rechts neben dem Verkehrsfluss entlangfährt, begeht selbst den Kardinalfehler, den sonst Verkehrsplaner begehen, indem sie separierte „Radverkehrsanlagen“ einrichten.

    Man muss sich halt entscheiden: Den Kuchen essen oder behalten. Beides geht nicht.

    Die weltfremde Alternative, das Abschaffen motorisierten Verkehrs, ist eine Utopie.

  8. @Tom&Jerry
    Nun ja Geradeaus-Verkehr und Rechtsabbiegerverkehr sind beides zwei Richtungen. Und separierenden Verkehr hat man ja auch bei Fußgängern. Auch Fußgänger sind durch Rechts- bzw. Linksabbieger gefährdet. Ich verstehe nicht, warum Autofahrer rechts abbiegen dürfen, wenn der Verkehr (inklusive Fußgänger) geradeaus auch grün hat. Das kann man doch super trennen, zumindest an vielen großen Kreuzungen. Ich gehöre zu denen, die sich auf der Straße nicht rechts an abbiegenden Autos vorbeischleicht.

    Aber ich fahr auch viele Radwege, weil ich dann nicht mit Autos im Stau stehe. Ohne Radwege hätte ich nicht mit dem Radeln angefangen und ich empfinde auch jetzt Mischverkehr extrem stressig, da sich -egal wie eng es ist- immer noch ein Autofahrer vorbeiquetscht. Also mir fallen dazu sehr viele gefährliche Situationen ein.

    Ich glaube auch nicht, dass man den Radfahreranteil erhöhen kann, wenn es keine Radwege gibt. Dafür haben zu viele Leute Angst. Und ja – mir ist bewusst, dass Radwege statistisch gefährlicher sind – allerdings sind die meisten Radler, schätze ich mal, auch auf diesen Wegen unterwegs. Und der andere Aspekt ist eben, dass ich (zumindest auf meiner Strecke) ewig im Stau stehen würde, wenn ich nicht einen eigenen Weg/Spur hätte.

    Und bitte, ich habe nie gefordert Autos abzuschaffen. Die Sternfahrt soll ja wohl auch mal zum Nachdenken anregen und dafür werben auch Radfahrer den entsprechenden Platz einzuräumen. Ich hätte da viele Ideen, ohne den Autoverkehr abzuschaffen.

  9. Sorry hab den Nick falsch geschrieben 🙂

  10. diese fragen passieren hier jetzt ja nicht so gut.

    deshalb erst die gute nachricht: es macht trotz allem spaß mit dem rad zur arbeit zu fahren, auch gestern nachmittag war es schön in der stadt als der regen nachließ.

    und @jom&terry:

    warum ich mich mit der radfahren-wie-ein-auto regel nicht anfreunde:

    morgens in der 30er zone ohne radstreifen, mit ampeln und einigen vorfahrtsstraßen sowie rechts-vor-links-kreuzungen werde ich vor quasi jeder querung von 3-4 kfz überholt. dann kommt deren absehbare und zünftige bremsung. egal , ob die ampel längst gut sichtbar rot ist oder die nächste schlange schon zu sehen. morgens in mitte ist das so, auch wenn man als radfahrer die „spur dichtmacht“ – ein fahrrad wird hier grundsätzlich überholt. da ist auch kein „verkehrsfluss“, da ist höchstens stop & go oder viel mehr brake & run.

    da wo ich das sicher verantworten kann, fahre ich deshalb – auch ohne radstreifen – vorsichtig und langsam rechts am stau vorbei. es ist nunmal nicht mein stau. da wo ich das will, lasse ich aus sicherheitsgründen jemanden auch vor mir fahren. als regel lass ich mir das aber nicht aufdrücken, es sei denn die kfz lassen die zwischensprints sein und die ampelstaus hören auf.

    das „spur-dichtmachen“ klappt auf mehrspurigen straßen übrigens erst recht nicht mehr, da findet sich fürs überholen immer ne lücke. oder wird aktiv gefunden, gerade taxifahrer können das super. in der 30er zone gehts aber auch: wenns knapp wird schaut halt doch der radfahrer, wo er rechts abbleibt.

  11. Wenn die wenigstens die linke Spur auch benutzen würden. Ich habe in den vergangenen Wochen 7 Anzeigen wegen knappen Vorbeifahrens geschrieben, seitlicher Abstand 20-30 cm, nächst linke Spur frei.

    Es gibt da übrigens noch so ’ne Regel, von der die Meisten wohl das letzte Mal in der Fahrschule gehört haben: Es darf nur überholen, wer deutlich schneller ist. Das Bußgeld beim Missachten ist sogar höher als das dichte Vorbeifahren. Ich habe einige Male, wo der Autofahrer vielleicht eine Autolänge gutgemacht hat und trotzdem mit demonstrativer „Fahr gefälligst auf dem Radweg“-Manier besonders dreist überholt hat, in der Anzeige auf diese Regel hingewiesen.

    Ob die Polizei das auch entsprechend gesühnt hat, weiß ich aber nicht.

  12. @Karsten:

    Hast du schon irgendwelche Erfahrungen gesammelt, was bei solchen Anzeigen herauskommt? Lässt du eine Kamera laufen, um das knappe Überholen zu dokumentieren? Ohne irgendwelche Beweise ist so etwas wahrscheinlich schwierig nachzuweisen.

    Dass man zum Überholen deutlich schneller sein muss ist zwar grundsätzlich richtig. Allerdings haben Autos innerorts freie Fahrstreifenwahl und man darf mit geringer Differenzgeschwindigkeit vorbeifahren, sofern man dazu eine andere Fahrspur nutzt.

  13. Das Problem an der Sache liegt meiner Meinung nach daran, dass sich Politik für Radfahrer kaum lohnt. Wenn Ich das mit dem Autoverkehr vergleiche, die haben eine viel grössere und mehr beachtete Lobby, z.B. den riesigen ADAC oder auch der AvD. An so eine Publicity wird der ADFC in 100 Jahren nicht rankommen.

    Radfahrer wählen auch nicht eine Partei die sich für Radfahrer stark macht wenn das Restprogramm Müll ist, Autofahrer dagegen schon! Alleine schon deswegen weil autofahren viel mehr Geld kostet.

    Es wird eben immer so bleiben dass der motorisierte Verkehr mehr das sagen hat als der nicht motorisierte Verkehr.

    Auch Ich bin, als überzeugter Autofahrer und ebenso überzeugter Nicht-Fahhrad-Fahrer für ein besseres nebeneinamder und miteinander von Auto und Fahrrad, doch wird es eine totale Gleichberechtigung für Fahhradfahrer sehr wahrscheinlich niemals geben.

  14. Wer das Recht auf Demonstration nicht anerkennt als das was es ist, der hat idR nicht viel am Hut mit sozialem, demokratischen Miteinander. Wir alle dürfen demonstrieren, wo wir wollen. Das ist ein Artikel im Grundgesetz und eines der höchsten Güter im Lande. Die meisten wissen zum Glück warum.

  15. J&T schrieb:

    Die weltfremde Alternative, das Abschaffen motorisierten Verkehrs, ist eine Utopie.

    Das ist richtig, das fordert aber auch (fast) niemand. Genauso utopisch ist es aber, zu erwarten dass Radfahrer reihenweise gegen ihre subjektive Gefahrenwahrnehmung verstoßen werden und das fordern doch ein paar mehr Leute.

    Ehrlich gesagt ist es auch ziemlich egal, ob so etwas gefordert wird oder nicht, es wird auf absehbare Zeit keine Möglichkeit der Umsetzung geben. Wenn der Senat in den nächsten Jahren versuchen sollte, auf getrennte Radwege zu verzichten, gäbe es einen Sturm der Entrüstung. Die Mehrheit der Radfahrer liest keine Unfallstatistiken oder zieht Sicherheitsvergleiche, sondern fährt da, wo sichs subjektiv sicher für einen selbst fahren läßt. Das kann der gemeinsame Geh- und Radweg sein, das ist aber auch ohne weiteres Nachdenken der reine Gehweg. Was bei dem derzeit signifikanten Radverkehrsanteil definitiv gehen wird, sind Tendenzen in Richtung Tempo 30, sind Verteuerung von Parkraum, sind verbesserte Mitnahmemöglichkeiten und Abstellmöglichkeiten, sind Verbesserungen der „subjektiven Sicherheit“ (die womöglich in mehr Unfällen resultieren, womöglich aber auch nicht, wenn wie gewünscht die Anzahl der Radler ansteigt) durch die bekannten Pinselmaßnahmen, sind Freigaben von Einbahnstraßen und grünen Wegen etc. Wenn das alles irgendwann mal in 20-25% Radanteil resultieren sollte, wird auch ein höherer Anteil Radverkehr im Mischverkehr stattfinden können.

    Der Grundfehler ist die Menge, die Masse und die Geschwindigkeit des KFZ-Verkehrs in Verbindung mit der Steuerung durch Menschen. Selbst die rücksichtsvollsten §1-Anbeter können nicht verhindern, dass sie eines Tages weiß wie die Wand vor einem zerknüllten Kinderrad stehen und brabbeln „Ich hab es nicht gesehen, ich hab es nicht gesehen“. Wir müssen unseren Verkehr so umbauen, dass Fehler nicht zwangsläufig zum Tode führen. Das ist im Mischverkehr nicht möglich.

  16. […] Dankenswerterweise hat sich berlinradler drüben in der Rad-Spannerei gerade an diesem Thema abgearbeitet: Schränkt die Fahrradsternfahrt die Freiheit ein? […]

  17. Schöner Beitrag, Berlinradler. Du solltest Fahrradbeauftragter werden. 🙂

  18. Danke für die Blumen, aber Networking ist leider nicht meine Stärke, wenn ich ehrlich bin, Frederich. Aber es freut mich, dass ich eine interessante Diskussion anstoßen konnte.

  19. Das leidige Rechtsfahrgebot für Radler sollte abgeschafft werden und statt Radschutzstreifen sollte man mit mittig angebrachten Sharrows auf Radfahrer und deren Rechte aufmerksam gemacht werden.

    In deutschen Städten mit all ihren Radwegen fährt es sich schlechter mit dem Rad als dort, wo es keine gibt und der Radfahrer noch ein Fremdkörper ist.

  20. Ich bin mal gespannt, ob die City West jetzt verkehrstechnisch untergeht und wie der Sturm der Entrüstung aussehen wird:

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/altes-blech-kann-glaenzen/8293852.html

  21. @michael: was meinst du wohl?

    das ist selbstverständlich der legitime fahrzeugverkehr, an dem auch alte, lahme, blinde und kranke teilnehmen können und mit dem sie insbesondere zur arbeit fahren oder für uns supermarktregale befüllen, damit wir die sachen dann bei amazon billig kaufen können und dann noch stolz darauf sein, dass wir uns so ein schönes auto nicht leisten können. außerdem zahlen sie steuern, tragen kennzeichen, (leder)helm und schutzbrille, keine kopfhörer und dürfen in die umweltzone.

  22. My point exactly!! Vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag, der viele, viele Punkte enthält, die mich täglich im Berliner Verkehr belasten. Hinzu kommt noch eine (ich kann das nachweisen) aggressive und diskriminierende Haltung vieler Polizisten gegenüber Radfahrern.

    Punkt eins müsste sein, dass alle Verkehrsteilnehmer akzeptieren, dass es auch die anderen gibt. Und bevor sie losfahren einmal durchatmen und sagen: „Ich werde auf meinem Weg jetzt unzählige Male in meiner freien Fahrt behindert werden. Aber das ist o.k., weil wir halt viele sind auf der Straße.“ Dann kommt es auch nicht mehr so überraschend, wenn man mal kurz vom Gas gehen muss.

  23. Danke für diesen treffenden Kommentar! Gefällt mir besonders deshalb, weil keine Vorwürfe erhoben werden, sondern einfach nüchtern die Situation für Radfahrer beschrieben wird. Genauso ist es nämlich leider. Ich bleibe als Kurier an roten Ampeln stehen, und Mütter mit Kindersitz fahren bei rot an mir vorbei. Schuld bin aber wieder ich. Die Beobachtung von Radfahrern bezieht sich meist auf negative und falsche Aktionen einiger wenige. Wir fallen positiv zu wenig auf. Vielleicht führen Aktionen wie Stnfahrten und CMs zu einem langfristigen Umdenken.

  24. Schränkt die Fahrradsternfahrt die Freiheit ein?

    Ich denke, es wird noch viele Fahrradsternfahrten geben. Und solange ich so unzufrieden bin wie zur Zeit, werde ich immer mitfahren. Mein Mitleid für Menschen, die nicht einen einzigen Tag ohne Auto auskommen können, hält sich in Grenzen. Denn das können ja nur die sein, die die Probleme verursachen, indem sie eben ausschließlich das Auto nutzen und nicht mal an solchen Tagen auf S- und U-Bahn oder das Fahrrad umsteigen können.

    Mach mal eine Umfrage für was der grösste Teil der Sternfahrer eintritt. Du wirst dich wundern.
    http://www.youtube.com/watch?v=-9Q3LyA–v4
    Wenn sich noch mehr Menschen dazu berufen fühlen irgendwie irgendwo für das Rad fahren einzutreten werden die Massnahmen für Radfahrer mehr und mehr chaotische Formen annehmen.
    Weg mit dem ganzen Müll an Radverkehrsanlagen. Dort wo auch Autos fahren können komme ich mit meinem Rad bestens zurecht.

  25. Kraftfahrer, die […] aus ihrer guten Ampelbeachtung schlussfolgern, immer korrekt zu fahren.

    Man stelle sich an eine beliebige Ampel und beobachte Anzahl und Geschwindigkeit der KFZ, die am Ende der Grünphase über Orange und Rot fahren.

    Der Rest dieses sehr guten Artikels deckt sich mit meinen Erlebnissen als langjähriger Pendler (Berlin, Innenstadt, 10km one way).

  26. Ich nehme die Radzeit im wesentlichen als Werbebroschüre für den Rose Versand und die DEutschen Tourismusverbände wahr. Warum sie ein Argument für den ADFC sein soll ist mir unklar. In der letzten Ausgabe vor meinem Austritt hatte sie zum Beispiel eine ganze viertel Seite für die tEmpo 30 Kampagne des VCD übrig.

  27. Was ich an der Radzeit schätze, sind verkehrspolitische Standpunkte sowie statistische Auswertungen. Die verkehrspolitischen Äußerungen entsprechen eben oft meinem Denken, die statistischen Auswertungen entzerren weit verbreitete fahrradfeindliche Fehlauswertungen. Ob da nun Werbung drin ist, mir doch egal 😉

  28. @ Alexander: Meinst du die Berliner Radzeit oder die „Radwelt“? Bei letzterer liegst du mit der Einschätzung schon nahe dran, die Radzeit finde ich dagegen ok.

  29. Ich sprach auch von der Radzeit, die Radwelt finde ich inhaltlich weniger interessant.

    Kritisieren kann man natürlich immer, so wäre ich mir z.B. als Radfahrverband zu schade für Kampagnen wie diese blaue Rücksichtsdose oder und würde die STVO-Neuerungen etwas kritischer begleiten, insbesondere mit Blick auf die „vergessenen“ Verbesserungen (so z.B. das legale, radfahrende Begleiten eines Kindes, die unklare Linksabbieger-/-Benutzungspflicht-Formulierung etc.). Bei der derzeitigen Verkehrspolitik wäre etwas mehr Abstand und Kritik angebracht.

  30. Entfernung Berlins bis zur fahrradfreundlichen Großstadt so ca.
    600 Millionen Kilometer (das wäre dann so etwa beim Planeten Jupiter).
    Gute Reise !

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