„Die Radfahrer sind schuld!“ Warum hat Berlin zu wenig Fahrradwege? Finanzierung durch Sonderbesteuerung?

„Die Zahl der Radfahrer hat im Berliner Straßenbild in wenigen Jahren ungeheuer zugenommen. Bei den einschlägigen Geschäften herrscht ebenso wie bei den illegalen „Lieferanten“, den Fahrraddieben, eine ständig ansteigende Hochkonjunktur. Man braucht nur einmal eines der großen Fahrradgeschäfte im Zentrum Berlins in der Gegend der Weinmeisterstraße aufzusuchen, und man wird erstaunt sein über den riesigen Andrang in diesen Läden. Wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse, die starke Erwerbslosigkeit und der unaufhaltsame Lohnabbau nicht hemmend wirken würden, müßte sich Berlin schon jetzt zu einer Radfahrerstadt wie etwa Kopenhagen entwickelt haben.“

Überschrift und der zitierte Text sind aus einem Artikel der Zeitung „Berlin am Morgen“ vom 11. September 1932. Nach einem Klick auf das Faksimile seht ihr eine größere Version der Artikels.

Vielen Dank an Stephanie, die den Artikel bei der Recherche nach einem ganz anderen Thema entdeckt hat.

12 Gedanken zu „„Die Radfahrer sind schuld!“ Warum hat Berlin zu wenig Fahrradwege? Finanzierung durch Sonderbesteuerung?

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  1. Radwegmaut – na das wär doch mal was 😉 Interessanter Artikel, danke fürs Zeigen.

  2. „ich muss auf der fahrbahn fahren, den radweg kann ich mir nicht leisten“ – ja, würde mir gefallen 😉

  3. Kopenhagen war also schon damals offensichtlich führend vor Berlin . . . 😉

  4. Interessant, dass in dem Artikel bereits die Landsberger Allee angesprochen wird. An dem bemängelten Zustand hat sich offenbar innerhalb von 80 Jahren nichts geändert. Wobei die Lösung wohl eher in Verkehrsüberwachung (Geschwindigkeit!) als in Separatismus bestehen würde.

  5. @ hamburgize, ja Kopenhagen war schon damals führend. Hier ein Zeitungsartikel von 1931:

    https://p.twimg.com/AvGXixdCAAETWFp.jpg:large

  6. Ja, interessanter Artikel und die Radfahrer sind auch heutzutage ja irgendwie immer selbst schuld. 😉 Hat sich also gar nicht viel geändert.

  7. Doch, es hat sich viel geändert. In den 50, 60 und 70er Jahren wurde es noch viel schlimmer, bis kaum noch Radfahrer da waren. Jetzt sind wir bald wieder auf dem Stand von 1932. Nur das es damals nur einen Bruchteil der Autos von heute gab.

  8. Ja, wobei das keineswegs für ruhigere Verhältnisse sorgte. Wenn man sich innerstädtische Filme aus den 20er und 30er Jahren ansieht, ist gut was los. Allerdings war früher eine Mischnutzung der Fahrbahnen üblich. Man war kappere Abstände gewöhnt und die gesamte Geschwindigkeit war geringer. In asiatischen Ländern findet man heute noch vergleichbare Mischnutzungen.

    Dann folgte eine „die Fahrbahn gehört den Autos“-Philosophie mitsamt ihren bekannten Vor- und Nachteilen. Ob die jemals so ganz überwunden werden kann, wäre mal interessant. Die derzeitige Entwicklung für Fußgänger und Radfahrer würde ich zwar als positiv, aber doch als sehr langsam bezeichnen.

    Früher gab es wesentlich weniger Fahrzeuge – und dadurch wesentlich mehr Platz auf den Straßen. Heutzutage ist ein erheblicher Anteil der Straßen durch die Nutzung als Parkplatz nicht mehr nutzbar. Dies steht m.E. einer positiven Entwicklung im Wege, da es z.B. Straßen mit anderen Widmungen als für den Autoverkehr weitgehend ausschließt.

  9. Wenn die Benzinpreise weiter steigen und der Niedriglohnsektor weiter wächst, wird es immer mehr Radfahrer geben, weil sich immer weniger Leute ein Auto leisten können.

    Aktuell bei den hohen Benzinpreisen kommen immer mehr Kollegen mit dem Rad zur Arbeit. Vor 5 Jahren wurde ich belächelt – in der Abteilung war ich der einzige, der mit dem Fahrrad kam. Inzwischen mußte der Arbeitgeber neue Radstellplätze anbauen. Statt einer hand voll Fahrräder stehen dort heute mehr als 200.

    Polizei und Autolobby können Fahrradfahrer so aggressiv bekriegen wie sie wollen – aber es werden immer mehr werden, schon wegen der zunehmenden Armut. Automobile Mobilität wird in den nächsten Jahren zum Luxus werden.

  10. Kopenhagen hat einiges für Radfahrer zu bieten!
    Ich finde, aber Berlin steht schon ganz gut da. sehe aber auch viele Radwege in erbärmlichem Zustand hier.

    Wenn man da mit Kopenhagen vergleicht….

    Hier ein sehr informativer Artikel zum Thema Kopenhagen. Es wird auf die „Leckerli“ für die Radfahrer dort eingegangen und sie werden vorgestellt. Der Autor sagt, sie helfen NICHT direkt, aber indirekt:
    http://www.plantacionesedelman.com/erfahrungsbericht-als-radfahrer-in-kopenhagen/

  11. sehe aber auch viele Radwege in erbärmlichem Zustand hier.

    …was m.E. das allergeringste Problem aller den Radverkehr betreffenden Problematiken darstellt, solange diese Radwege in „erbärmlichem Zustand“ – und möglichst viele in perfektem Zustand ebenso – nur nicht benutzungspflichtig sind.

    Und da steht Berlin mit seinen ~20 % Hochbord-Benutzungspflicht (ich nehme mal an, dass bei der Zahl Radfahrstreifen nicht mitgezählt sind) wirklich gut da!

    Gibts eigentlich Benutzungspflicht in Kopenhagen? Falls ja, will ich da gar nicht erst hin, um es mir mal anzuschauen. Dann weiss ich auch so, dass mir die Angelegenheit in Berlin besser gefällt. 😉

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