Auf dem Fahrrad sind alle gleich: Mobilität und Gerechtigkeit an Hand der Generalisierten Geschwindigkeit

Dass ein Auto schneller fährt als ein Fahrrad ist unbestritten, da es eine bestimmte Strecke in viel kürzerer Zeit zurücklegen kann. Gilt als Maßstab aber nicht allein die gefahrene Zeit, sondern auch die Zeit, die benötigt wird um überhaupt fahren zu können, sieht das Ergebnis ganz anders aus.

Eine solche Berechnung ist möglich, wenn alle Zeitfaktoren in Beziehung gesetzt werden, die mit dem Kauf und Betrieb eines Fahrzeuges verbunden sind. Heraus kommt die sog. `Generalisierte Geschwindigkeit´. Sie gibt an, wieviel Zeit pro Kilometer ein Mensch, abhängig von Wohnort, sozialem Status und Fahrzeugtyp für Mobilität aufbringen muß. Dieser Ansatz ist von dem Theologen und Philosophen Ivan Illich (gest. 2002) in seinem Buch `Die sogenannte Energiekrise´ (1973) entwickelt, und zwei Jahre später von Jean Pierre Dupuy und Francois Gerin auf Frankreich angewendet worden.

Das Ergebnis hat gezeigt, daß die generalisierte Geschwindigkeit zunimmt, je höher die Person in der sozialen Pyramide steht. Gleichzeitig hat das Fahrrad in allen Fällen die höchste generalisierte Geschwindigkeit. Der Zugang zur (Auto)Mobilität sowie die Grade der Mobilität sind also anhängig vom sozialen Status. Der leitende Angestellte muß weniger Lebenszeit für sein Auto aufbringen und kann sich schneller damit bewegen als der Landarbeiter. Sobald ein Auto benutzt wird, bildet sich soziale Ungleichheit im Verkehr ab. Das Fahrrad hingegen macht alle (fast) gleich, wie die Tabelle zeigt.

Ist es das Vehikel der klassenlosen Gesellschaft?

Generalisierte Geschwindigkeit in Km/h

Schicht/Beruf Fahrrad Citroen 2CV Simca Citroen DS 21
         
Leit. Angest. Paris 14 14 14 12
Angest. mittl. Stadt 13 12 10 8
Facharbeiter mittl. Stadt 13 10 8 6
Landwirtschaftl. Arbeitskraft 12 8 6 4

Diese Faktoren fließen in die Berechnung ein: Jährliche Ausgaben für das Auto, Abschreibung der Kosten für den Kauf des Wagens, für den Erwerb des Führerscheins. Jährliche Fixkosten wie Steuer und Versicherung. Parkgebühren, Treibstoff, Reifenverschleiß und anderer, Geldbußen, Kauf von Zubehör, etc.

Wird die Summe dieser Ausgaben durch den Stundenlohn geteilt, kommt ein Zeitwert heraus. Dieser Wert zeigt, wie viele Stunden jemand im Jahr für sein Auto arbeiten muß. Addiert wird zu diesem Wert die Zeit, die tatsächlich für Fortbewegung aufgebracht wird, plus der Zeit, die sonst in Verbindung mit dem Fahrzeug steht: in Staus verbrachte Zeit, Parkplatzsuche, Lesen von Autoreklame, etc. Im Ergebnis steht die Gesamtzeit, die für Anschaffung, Betrieb, und Wartung eines Fahrzeuges nötig ist. Dividiert durch die tatsächlich gefahrene Kilometerzahl ergibt sich die `Generalisierte Geschwindigkeit´.

12 Gedanken zu „Auf dem Fahrrad sind alle gleich: Mobilität und Gerechtigkeit an Hand der Generalisierten Geschwindigkeit

Kommentare-Feed
  1. „Dass ein Auto schneller fährt als ein Fahrrad ist unbestritten,“

    Nein.

  2. Irgendwie hab ich es schon immer gewusst. Das Fahrrad ist dem Auto überlegen, wie ihr recht einleuchtend argumentiert. Aber die Rechnung für den Geher oder insbesondere den Läufer fehlt. Und was ist mit dem Sitzer? Der sich gar nicht wegbewegen will oder kann? Man könnte die Berechnung noch ergänzen um das Konzept einer „gewollten“ Geschwindigkeit. Wie schnell will jemand sein und wie schnell ist er und was bringt ihm das zur Verfügung stehende Verkehrsmittel an Wunscherfüllung?

    http://hareheath.blogspot.com/2009/03/weltverbesserung.html

  3. Solche Berechnungen wie die von Illich konnte man damals öfters lesen, auch mit deutschen Zahlen. Der Kick daran ist aber m.E. weniger die relative „Gleichmacherei“ des Fahrrades, sondern tatsächlich der Vergleich zwischen Rad und Auto (bzw. zwischen allen betrachteten Verkehrsmitteln): Es zeigt sich eben bei Betrachtung der notwendig dafür aufzubringenden Arbeits- (=Lebens-) Zeit, dass selbst der Gutverdienende mit dem Auto „langsamer“ ist als der Radfahrer. Das Auto „fährt“ nur schneller während man drin sitzt und es auf freier Strecke fortbewegt. Aber der Gewinn ist gleich Null. Eher „vernichtet“ man damit Lebenszeit, oder genauer gesagt: Man verbringt sie nur anders. Statt zu Hause im Schaukelstuhl zu sitzen oder andere Luxusdinge zu tun, sitzt man am Schreibtisch / steht man am Fließband, um das zu erwirtschaften, was das Auto braucht, damit es einen während seiner Fahrtzeit schneller fährt. Ein Nullsummenspiel nur für Gutverdienende, für alle Anderen sogar ein Verlustgeschäft.

  4. OT: Euer Programm verschluckt Umlaute in Domains. Die sind aber seit über fünf Jahren zulässig. Vielleicht solltet ihr dem Programm mal den aktuellen Stand der Technik beibringen…

  5. Dietmar,

    das stimmt, mit Umlautdomains kommt WordPress nicht gut klar. Habe gerade mal im WordPress-Forum gesucht, dafür gibt es auch kein Plugin. Eine Möglichkeit ist die Umwandlung einer Umlautdomain in so genannten Punycode. Davon hatte ich ehrlich gesagt noch nie gehört. So wird aus deiner Seite
    http://www.recht-für-radfahrer.de/
    die folgende Adresse
    http://www.xn--recht-fr-radfahrer-s6b.de/

    Ich bin gespannt, ob jedenfalls der zweite Link funktioniert.

    Gruß von Kalle

  6. Firefox 3.0.7 kommt mit dem zweiten Link klar.

  7. alt, aber gut: plugin für wp: clean-umlauts

    und nur weil umlaute jetzt in domains grundsätzlich stand der technik ist, heißt das noch lange nicht das man jede neue technik mitmachen muß. umlaute in domains oder url’s find ich ziemlich verzichtbar.

  8. Flo, das Plugin, von dem du sprichst, hatten wir hier sogar mal im Einsatz. Nach dem letzten Providerwechsel habe ich es nicht wieder installiert. Aber es würde das Problem nicht beheben. Es wandelt lediglich WordPress-Einträge mit Umlaut in umlautfreie WordPress-Einträge um. Wenn wir hier einen Beitrag schreiben würden mit dem Titel „Recht für Radfahrer“, dann würde das Plugin daraus eine URL …/recht-fuer-radfahrer/ machen. Dietmars Internetseite betrifft die so genannten internationalisierten Domainnamen, also die mit einem Umlaut drin. Die werden nicht in allen Browsern angezeigt und Links auf diese Domains kann WordPress nicht richtig verarbeiten. Beispiel dafür ist mein Kommentar weiter oben, wo der erste Link abrupt vor dem Umlaut abbricht.

  9. eh, aber ich mein ja auch, das ma nicht jeden technik schritt mitmachen muß, umlaute in einem internationalen system einzuführen, wo ein großteil die nicht mal auf der tastatur haben, und der rest bis lang auch ganz gut ohne ausgekommen ist, find ich einfach unnötig. da gehts einfach darum den domain verkauf wieder mal anzukurbeln, sonst nix.

  10. Ohje, da habe ich ja etwas losgetreten!
    Die so seltsam wirkende Adresse mit xn und — ist ja wohl die Adresse, die von DENIC in Wirklichkeit benutzt wird und die von aktuellen Browsern des deutschsprachigen Raums im Hintergrund angesteuert wird, wenn man die Klartextadresse mit Umlaut eingibt. Die funktioniert also immer. Die dürfte sogar mit kryptischen Tastaturen von sonstwo auf dem Erdball funktionieren.
    Die funktioniert (jetzt hier) sogar umgekehrt: Ich habe sie gerade hier in diesen Text geschrieben und schwupps macht euer Programm ohne mein Zutun das draus, was das menschliche Auge in deutscher Sprache gewohnt ist: meine Klartext-Adresse mit Umlaut.
    Wenn ich den Strang hier geahnt hätte, hätte ich gleich und nur meine umlautfreie Adresse in euer „Website“-Feld eingegeben – obwohl sie hier nicht so zielführend ist.

  11. Leider muss man auch mit dem Rad mehr Lebenszeit opfern, seit es das Auto gibt. Unsere Infrastruktur wird immer mehr auf die Mobilität mit dem Auto ausgerichtet. In den letzten Jahren haben sich dadurch die notwendigen Wege für das tägliche Leben vervielfacht. Dem können sich auch Radfahrer nicht entziehen.

  12. siggis Hinweis ist sicher richtig.
    Aber das ändert ja nichts daran, dass einen Autonutzer das Autofahren idR mehr Lebenszeit kostet als es ihm bringt. Ich habe gerade in die „Fahrradfibel“ geguckt, um die es auch in der aktuellen RadZeit geht. Der Berechnungsansatz dort bezieht das Fahrrad gar nicht ein. Dort wird nur errechnet, dass der Nutzer für einen preiswerten Mittelklassewagen bei normaler Laufleistung binnen 10 Jahren 3.300 Stunden Arbeitszeit investieren/aufbringen muss, um es binnen derselben 10 Jahre 1.500 Stunden zu fahren.
    Auch hier ergibt sich eine Durchschnitts-„Geschwindigkeit“ von (noch ohne Unfälle, TÜV, Strafzettel etc.) nur 18,75 km/h.
    Traut sich einer der Mitleser hier zu, für heute eine entsprechende Berechnung (mit oder ohne Vergleichsrechnung zum Fahrrad) zu erstellen?

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