Critical Mass – ein Dilemma?

Die CM wächst ganz offensichtlich, auch in Berlin. Ich bin erst zwei Mal mitgefahren, nun wo sie massig geworden ist. Als ich die ersten Male an eine Mitfahrt dachte, war ich noch nicht so recht von dem Sinn überhaupt überzeugt, dann kamen immer wieder Termine dazwischen oder ich vergaß die Sache über Monate hinweg einfach. Seit Anfang des Jahres ist der Termin endlich im Planer auf Wiederholung gesetzt. Vor diesem Hintergrund mag meine Frage merkwürdig klingen: Ist die CM noch eine CM? Mein Anfangsinteresse und meine Anfangsskepsis gleichzeitig basierten auf dem Charakter des subversiven. Als größere Gruppe deutlich sichtbar im KFZ-Verkehr einen Raum beanspruchen, die Selbstverständlichkeit des Radfahrens dort sichtbar machen und sich dabei der Regeln bedienen, die diese Auto-Verkehrspolitik geschaffen hat. Was ich jetzt erlebe, ist dagegen mehr oder weniger eine Demo mit Polizeibegleitung, incl. abgesperrter Straßen. Angefangen hat es für mich diesmal schon beim Treffpunkt in Lichtenberg, wo ich 2 Polizei-Motorräder vorfand. Mangels dort aufschlagender Radfahrer sind die zwar dann wieder abgedüst, was aber hätten die eigentlich dort gewollt, wenn tatsächlich 20-30 Leute aufgetaucht wären? Wer braucht denn diese Extrawurst? Neben diesem Versuch, die CM in eine normale, ordnungspolitisch handhabbare Form zu bringen, wundere ich mich auch über die Teilnehmer selbst, die sich scheinbar sehr wohl damit fühlen. Auch dort wo die Gruppe auseinandergezogen luftig entlang 3-spuriger Fahrbahnen rollerte, wurden einzelne KFZ auf der Aussenspur von Oberaktivisten gestoppt. Wozu eigentlich? Das ist doch eigentlich das angestrebte Bild – KFZ und Radler teilen sich den Verkehrsraum auf der Fahrbahn.

Foto: Autos als Mitfahrer auf der Elsenbrücke – 50m weiter gestoppt.

Es steht mir nicht zu, mich nach einer Ur-CM zu sehnen, die ich nie mitgefahren war. Ja, die geringe Gruppenstärke in den vergangenen Jahren irritierte mich sogar und ich kann den „Fahrspaß“ in der großen Menge natürlich auch nachvollziehen und selbst genießen. Aber irgendwie habe ich den Eindruck, die Masse bei der Critical Mass ist ein kritischer Faktor. Gibt es einen Mittelweg, der den Anspruch nach Sichtbarmachung im normalen Verkehr und Sichtbarkeit durch pure Masse mit Sonderregelungen besser darstellen könnte?

Gastbeitrag von M. Stoß

33 Gedanken zu „Critical Mass – ein Dilemma?

Kommentare-Feed
  1. Wo hast du denn für ein Problem?
    Ist dir die Critical Mass nicht „anarchistisch“ genug, weil die Obrigkeit sie zunehmend sichernd begleitet? Nach meinem Eindruck ist das sehr sinnvoll, denn die Masse von Radfahrern, die immerhin einige Zeit den Verkehr bestimmt, ist leider auch dem Risiko der Gefährdung durch nervenschwache KFZ-Beweger ausgesetzt.
    Natürlich wäre es wohl mehr im Sinne der Erfinder, wenn sich statt dieser Stadtrundfahrt mit Musik überall (oder wenigstens begleitend) viele Fahrradgruppen bilden würden, die dann als Verband an jeder Kreuzung den KFZ-Bewegern zeigen würden, daß die StVO nicht nur für sie geschrieben wurde, aber ich glaube nicht, daß die Radfahrer soviel subversive Energie aufbringen, um so etwas wirklich auf die Beine zu stellen.
    Die meisten sind doch genauso engstirnig wie die KFZ-Beweger, die jeden Morgen allein in ihren 2-Tonnen-Behältern allein zur Arbeit rollen.
    Ich denke, die Critical Mass ist zumindest ein guter Anfang, um die Radfahrer als Verkehrsteilnehmer stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

  2. Mir gehts ähnlich wie dem Autor. Ich wollte auch einmal mitfahren, aber mir war das alles viel zu langsam. Kleinere Gruppen von 20 bis höchstens 50 Radlern, die wirklich am Verkehr teilnehmen, also zügig fahren, und dabei Sonderregelungen in Anspruch nehmen, das würde mich reizen und könnte viel mehr das Bewusstsein verändern als ein oder zwei Mal im Monat demonstrativ langsam zu fahren und sich unnötig breit zu machen.

  3. Ich verstehe das Problem auch nicht!
    Endlich hat die CM auch in Berlin eine „kritische Masse“ (in Hamburg sind es über 5.000) . So soll es sein!
    Wir fangen an mit dem Fahrrad sternförmig im „Verbund“ zum Startplatz zu fahren. Klasse!
    „Safety by numbers“! Je mehr Fahrräder auf der Strasse, desto sicherer ist das Fahrradfahren!
    Von mir aus kann es eine kritische Masse jeden Tag geben. Wir erreichen dadurch mehr Sicherheit und steigern die Hoffnung, dass sich dieser Senat doch noch „bewegt“.

  4. Sinn der kritischen Masse war es einmal zu zeigen, dass viele Radfahrer genau das Gegenteil sind – eben keine kritische Masse.
    Irgendwie ist wohl dieser Gedanke verloren gegangen.
    Heute will man eine kritische Masse sein.

  5. Gibt es einen Mittelweg, der den Anspruch nach Sichtbarmachung im normalen Verkehr und Sichtbarkeit durch pure Masse mit Sonderregelungen besser darstellen könnte?

    Nein. Bzw. besteht dieser bereits. Daß es gelegentlich zu Fehl- oder Überinterpretationen seitens einiger Teilnehmer kommt, steht dem nicht entgegen, sondern ist Kennzeichen eines solchen Mittelweges.
    @HGZ

    Kleinere Gruppen von 20 bis höchstens 50 Radlern, die wirklich am Verkehr teilnehmen, also zügig fahren, und dabei Sonderregelungen in Anspruch nehmen

    Sie sitzen dem gleichen Irrtum wie zahlreiche Autofahrer auf, daß Verkehrsteilnahme von irgendeiner erreichten Geschwindigkeit abhinge und nur dann „wirklich“ sei.
    Die Teilnahme am Straßenverkehr auf dem Fahrrad ist aber mit 13km/h genauso „wirklich“ wie mit 33. Die CM ist eine wunderbare Gelegenheit, genau das zu demonstrieren. Auch deshalb sind die Teilnehmer inzwischen so zahlreich, weil die „Normalradler“, „Gemütlichkeitsradler“, „Langsamradler“ in die Fahrbahnradelei integriert werden.

  6. Die Critical Mass ist endlich auf dem Weg zu einer breiteren Bewegung. Freuen wir uns darüber anstatt zu zaudern und zu hadern! Freuen wir uns über Vielfalt! Ob 20 oder 2000. Ob die Polizei dabei ist oder nicht. Ob Rennrad oder Hollandrad, ob Cruiser oder Kinderrad, Lastenrad oder sonstwas. Hauptsache: Reclaim the streets. Also raus auf die Straßen! Eine Massenbewegung sind wir noch lange nicht. Wir brauchen jede und jeden. Also Leute: zögert nicht. Begeistert Euch und steckt andere damit an! Du und Du und Du – mitkommen Rad fahren!

  7. @ HGZ: So habe ich das nun nicht erlebt, ich fand das Tempo ausserhalb der Haltesituationen meist zügig und die einzige „Sonderregelung“, die ich erwarte ist das Fahren im Verband, also gerne auch nebeneinander quatschend und im Trupp gemeinsam über die zwischenzeitlich auf rot umgesprungene Ampel. Eine darüber hinausgehende Sonderrolle finde ich weniger erstrebenswert, hast du vielleicht aber hier auch nicht gemeint. Dazu gehört ja in der jetzt gefahrenen Realität, dass auch mal eine Lücke entsteht und die Nachzügler vor einer roten Ampel ankommen, die sie dann dennoch überfahren, polizeilich erwünscht und befördert.

    @bikeberlin: Toll, wenn man mit Polizeischutz zum Startplatz fährt. Das nennt sich dann also „safety by numbers“ demonstrieren? Hab ich da nach meinem bisherigen Verständnis etwas verpasst?

    Diese Form von Masse hat den Vorteil, in der öffentlichen Wahrnehmung aufzutauchen. Sie hat den Vorteil, dass sich Leute auf die Fahrbahn trauen, die sonst eher auf dem Gehweg rumradeln würden. Vielleicht reicht das ja auch schon aus, um mit dieser Form zufrieden zu sein. Aber schließlich tippern wir hier ja mehr oder weniger deshalb Kommentare in einem Radblog zu einer fahrradpolitischen Veranstaltung, weil wir etwas positiv in Richtung Radverkehr bewegen wollen. Da muss die Frage erlaubt sein, ob Masse in diesr Form das entscheidende Kriterium ist. Diese Masse hat nämlich Folgen, die ich so im ursprünglichen Gedanken nicht wiederfinde:

    1. Die Sache wird zu einem dicken Wurm in der Stadt, der sich als solcher, andere behindernd durch sie hindurchwindet. Ist nicht mein Verständnis von Radfahren, das sehe ich wie siggi. Darauf reagiert die Polizei und macht Sonderregeln für Radfahrer auf, angeblich für deren Sicherheit. Ist das Fürsorgeverständnis von Zoowärtern. Löwen und Elefanten bitte nicht frei rumlaufen lassen, sonst sind die gefährlich und werden am Ende abgeknallt.

    2. Manchen Teilnehmern steigt die Sache mit der großen Gruppe im Rücken sichtlich zu Kopf und sie nehmen für sich in Anspruch, dass die Straße (ich sage hier mal ganz bewußt nicht Fahrbahn) jetzt den Radlern allein gehört. Das hat figurenwerk-berlin ja schon mal treffend beschrieben.

    Ich bin mir eben unschlüssig, ob eine solche „Masse“ allein Kriterium für einen Erfolg sein kann. Anders als Peter Viehrig meint, scheint es sich mir nicht um gelegentliche „Fehl- oder Überinterpretationen seitens einiger Teilnehmer“ zu gehen, sondern um ein gruppenspezifisches Verhalten ab einer bestimmten Größenordnung. Mit der gleichen Entschuldigung kann ich dann auch auf Nahüberholer und ähnliche Gefährder im Stadtverkehr blicken: sind ja nur gelegentliche Fehleinschätzungen und Belehrungsversuche einzelner Verkehrsteilnehmer.

    Was ich mir schon mal im Ansatz wünschen würde:

    Den Netzgedanken mit Startpunkten beibehalten, aber definitiv auf Polizeibegleitung verzichten, bzw. diese umgehen.

  8. Ich kann die Bedenken nachvollziehen – es macht keinen Spaß sein Recht nur mit einem Erzwingungsstab genießen zu können.

    Vor Jahren habe ich mal einen Martinszug unserer Gemeinde als Ordner mit Fackeln begleitet. Wir hatten pro forma einen Polizeibeamten dabei, falls es Probleme gibt, haben aber die meisten Kreuzungen selbst gesichert.

    Über seine „Wichtigtuerei“ haben wir gestöhnt: Jede Kreuzung wollte er mit seiner Taschenlampe zuerst betreten und den Verkehr stoppen. Das hat auch immer ohne ihn geklappt – meistens jedenfalls.

    Bis ein Autofahrer vor mir mal ausgerastet und mit durchdrehenden Reifen angefahren ist. Ich bin rechtzeitig zur Seite gesprungen und nur durch verdammt viel Glück hat er keinen anderen Teilnehmer verletzt als er durch den Zug gerast ist.

    Wir waren alle ziemlich schockiert und mussten konsternieren, dass auch Geisteskranke in Besitz eines Führerscheins gelangen können. Und durch ein Motorrad oder Streifenwagen fährt man eben nicht so einfach durch.

    Mir ist Polizeischutz, wenn auch peinlich, lieber als irgendwann einen Verletzten oder Toten beklagen zu müssen. Es gibt zuviele Menschen und auch Autofahrer da draußen, denen ein Menschenleben nichts wert ist.

  9. @Michael S

    Ihre andere, kritischere Sicht in allen Ehren, aber

    Mit der gleichen Entschuldigung kann ich dann auch auf Nahüberholer und ähnliche Gefährder im Stadtverkehr blicken: sind ja nur gelegentliche Fehleinschätzungen und Belehrungsversuche einzelner Verkehrsteilnehmer.

    ist nicht haltbar. Die einen behindern, manchmal eben unzulässigerweise, den Autoverkehr. Das ist doch bitte in der Qualität deutlich von der bewußten Gefährdung anderer Leute Leben zu unterscheiden.

    Das kann man so nicht bringen, sorry.

  10. @ Peter Viehrig: Streiche Entschuldigung, ersetze Logik. Es geht darum, dass man nicht mit „Einzelne“ reagieren über, den Gesamtablauf für funktionierend halten kann. Diese Einzelnen reichen aus, um den Grundgedanken zu konterkarieren.

  11. Ja, und ja, und doch auch nein, und nein. Eine CM – das wird in Berlin genauso gelten wie hier in Düsseldorf – ist nicht, was sie einmal war. Sie ist kein anarchisches Den-Autofahrern-auf-der-Nase-herumtanzen und sie ist kein Beleg für funktionierendes Miteinander im Alltag. Sie ist eine Großdemonstration, die zeigt, wie viele Menschen sich mittlerweile mit dem Thema Radfahren identifizieren, nämlich zu viele, um sie zu ignorieren. Als Großdemonstration braucht sie den Polizeischutz, denn ein Miteinander von alltäglichem Autoverkehr und Abertausenden Radfahrern (darunter viele Kinder!) ist schlicht nicht möglich. Die gesetzliche CM-Regel, auf der das alles aufbaut, ist für ein paar Dutzend Radfahrer gemeint, und für den Alltag. Genauso, wie ein einzelner Traktor im Alltag im Schritttempo eine Landstraße entlang fahren kann, kann das ein ganzer Rosenmontags-Karnevalszug nicht.

    Aber ist das schlecht? Wir Radfahrer sind viele geworden, und die CM hat sich entwickelt. Ich habe kein Problem mit Entwicklung.

  12. Hmm, kann die Bauchschmerzen des Autors sehr gut nachvollziehen:
    Das ganze bewegt sich halt „Dank“ Masse immer mehr in Richtung „Yet another Sternfahrt“.
    Das ist zwar auch nett, aber hat nichts mit Teilnahme (!) am Verkehr einer kritischen Anzahl von Radfahrern zu tun. Wenn die anderen Verkehrsteilnehmer Dank polizeilicher Fürsorge immer mehr vom Geschehen ferngehalten werden, dann ist das halt eher eine Demo oder Parade und weniger mit Verkehr zu tun.

  13. Gelesen: http://www.zeit.de/mobilitaet/2014-06/critical-mass-radfahren-gesellschaft

    In dem Film erzählt George Bliss (…) von der chinesischen Methode, den Verkehr ohne Signalsysteme und Verkehrszeichen zu regeln und im Fluss zu halten: Man stoppt am Kreuzungspunkt, es staut sich eine Menge an, die sich in Bewegung setzt und die Kreuzung passiert, sobald sie eine bestimmte Größe erreicht hat. An den anderen Einmündungen wird so lange gewartet, bis auch dort der Fahrzeugstrom wieder auf kritisches Maß angewachsen ist.
    (…) Als die kalifornischen Cyclisten das gesehen hatten, war klar, wie ihr monatliches Fahrrad-Event heißen sollte: Critical Mass.

    Ich will damit nicht generell gegen eine „ganz schöne Masse an Radfahrern“ sprechen. Ganz sicher bietet diese Masse ja auch Chancen, die die CM in den Größenordnungen der Vorjahre nicht bieten konnte. Chancen sollte man sich weder verbauen lassen (Polizei) noch selbst verbauen (Selbstverständnis der Teilnehmer).

  14. Wer hat eigentlich die Polizei bestellt? Oder kamen die freiwillig, weil sie zufällig von der CM-Fahrt gehört haben?
    Bei der Sternfahrt handelt es sich jedenfalls um eine angemeldete Demonstration. Da müssen die kommen, um zu sichern.

    Ansonsten sehe ich das so wie streetcaballero. Sie sollten gar nichts tun, außer mitfahren und beobachten und erst eingreifen, wenn da Andere die Radfahrer gefährden oder sonstwie angehen.

    Ansonsten kann ich die Bedenken des Autors auch nachvollziehen. Die Radfahrer sollten ja eigentlich als „geschlossener Verband“ auftreten, der sich wie ein einziges Fahrzeug verhält. Auf dem Titelfoto sehe ich aber, dass sich dieser auf mehrere Fahrspuren verteilt. „Überbreiter Schwertransport, der nicht überholt werden kann“?

  15. […] aus Berlin eine Zwischenbilanz und stellt die Frage, ob aus der Critical Mass eine Fahrraddemo mit Polizeibegleitung geworden ist. Diesen Artikel teilenFacebookTwitterGoogleTumblrMehrE-MailDrucken Links am […]

  16. @ Thomas Arbs: Habe deinen Beitrag zuerst übersehen. Ja, vielleicht trifft es das ganz gut.

    Aber ist das schlecht? Wir Radfahrer sind viele geworden, und die CM hat sich entwickelt. Ich habe kein Problem mit Entwicklung.

    Ich will nicht sagen, dass es schlecht ist. Und Entwicklung ist eine geradezu zwangsläufige und auch begrüßenswerte Folge. Aber just in der Entwicklung sehe ich momentan das Defizit. Für eine kleine Gruppe kann man auch einen Inhalt, eine Botschaft gut vorgeben, eine Strategie entwickeln und sich auf einen Verhaltenscodex einigen. So wie ich das sehe, zeichnen sich mit der Masse nur zwei „Entwicklungen“ ab. Erstens der Ordnungsversuch der Polizei. Nach anfänglichen Versuchen der Verhinderung kann man das seitens der Polizei ja erstmal als eine positive Entwicklung betrachten. Ob sie auch darüberhinaus begrüßenswert ist? Fraglich. Zweitens seitens der Teilnehmer, deren Empfinden sich geändert (nicht zwangsläufig zum schlechteren) hat, deren Verhalten mit der zunehmenden Masse aber auch in Richtung Rücksichtslosigkeit geht. Damit kann man schlecht für sich werben und das empfinde ich daher als Fehl-Entwicklung.

  17. Ich habe ähnliche Gedanken, würde aber kein Dilemma daraus machen.

    Polizeibegleitung/Democharakter:

    Dass die Polizei vom Startpunkt ab dabei ist, ist mir als relativ neue Erscheinung aufgefallen. Bei der CM im Februar stießen sie erst bei ca 2/3 der Strecke dazu.

    Für mich eine ambivalente Geschichte, es hält auf der einen Seite Schwachköpfe mit 2 t-Waffe eher von Dummheiten ab (und von denen habe ich jetzt genug gesehen), auf der anderen Seite erinnert die CM so an einen Event wie die Sternfahrt.
    Die Intention der CM, als eine Gruppe Verkehrsteilnehmer mehr oder weniger zufällig eine gemeinsame Strecke zu fahren, wird durch diesen Democharakter natürlich ad absurdum geführt, die zweimal tägliche Rushhour passiert ja auch ganz von allein und jeder nimmt es hin.

    Wer hat eigentlich die Polizei bestellt? Oder kamen die freiwillig, weil sie zufällig von der CM-Fahrt gehört haben?

    Ich gehe davon aus, dass sie sich den Termin in ihrem Kalender eingetragen haben und mit oder ohne Anmeldung erscheinen.

    Mein Hauptkritikpunkt ist ein ganz anderer:

    Das Feld ist, trotz gelegentlicher Wartestopps teilweise extrem auseinander gezogen. Das führte bei der letzten (oder vorletzten?) CM dazu, dass sich mehrere Verbände bildeten, inclusive Verkehr dazwischen, weil man an Ampeln warten musste. Das empfand ich als chaotisch und teilweise gefährlich. Heißt, die Leithammel müssten mal einen Gang runterschalten.

  18. Habe ein paar Tage über diesen Beitrag zur Critical Mass nachgedacht und neige auch mittlerweile dazu, diese originelle Veranstaltung für Radfahrer mehr als Event zu sehen, der zwar Critical Mass heisst, aber den Gedanken, der dahinter steht, zunehmend als Begriff für eine Straßeninvasion durch Radfahrer in den Köpfen von Unbeteiligten verankert.
    Ich glaube eigentlich auch nicht, daß irgend etwas in den Köpfen von Verkehrsplanern oder motorisierten Straßenbenutzern passiert, wenn mal alle paar Wochen Tausende von Radfahrern für ein paar Stunden durch ihre Masse erzwingen, daß sich alle anderen incl. Fussgänger ihnen unterordnen müssen.
    Im Gegenteil, wenn ich sehe, wie die Zahl der Deppen zunimmt, die parallel zum Radlervolk, das bereits alle Fahrspuren benutzt, auf dem Fußgängerweg fahren, oder sogar das Fahrerfeld links auf der Gegenfahrbahn überholen, wenn der KFZ-Verkehr dort gerade eine Rotphase hat, bekomme ich das Gefühl, daß hier nach und nach eine Art Fahrrad-Love-Parade entsteht: Spassig, harmlos, für manche etwas lästig und ohne nennenswerte Botschaft.
    Und irgendwann für viele Radfahrer, die ohnehin nur mitfahren, weil sie’s lustig finden, in der Gruppe zu klingeln, oder ihr neues Fahrrad anderen vorzuführen oder einfach mal auf der ganz linken Spur fahren wollen, einfach nicht mehr hip.

  19. Das führte bei der letzten (oder vorletzten?) CM dazu, dass sich mehrere Verbände bildeten, inclusive Verkehr dazwischen, weil man an Ampeln warten musste.

    Mehrere „kleine“ Verbände und auseinandergezogen:

    – Kein ungeliebter Demo-Charakter mehr, sondern halt mehrere CMs parallel

    – Keine völlige Überstrapazierung der Geduld anderer Verkehrsteilnehmer (hier denke ich insbesondere an Fußgänger. Die tun mir da echt mitunter leid. Und viele lassen sich – nachvollziehbar – irgendwann zu roulettespielartig waghalsigen Queraktionen hinreißen.)

    Kurz: Vorn schnellfahrende, und damit das Feld auseinanderreißende CM- Teilnehmer machen die Fahrt fußgängerverträglich, ermöglichen CMs im ursprünglichen Sinn der Verkehrsteilnahme. (Da gehören Ampelstops halt auch dazu) – und reduzieren den polizeikontrollierten Democharakter, da fünf zickzack-fahrende Verbände sicher weniger wasserdicht begleitbar sind, als ein einziger, behäbiger, riesiger Lindwurm. 😉

    Ich hatte auch schon denn Gedanken ob es nicht mal eine versuchenswerte Idee wäre, wenn sich die zwei- oder dreitausend am Startpunkt aufteilen und in alle vier verschiedenen Himmelsrichtungen losfahren würden.

  20. Mal generell zum Nutzen der gesamten Fahrbahnbreite: Unter den Linden kann man beispielsweise im normalen Verkehr gut beobachten, dass herkömmliche Verkehrsregeln ab einem gewissen Fahrradanteil nicht mehr funktionieren. Würden alle in einer Reihe fahren, so gäbe der langsamste das Tempo vor – Überholen wäre schon wegen des kaum möglichen Wiedereinscherens schwierig. Und so nutzen die Radfahrer dort, wo sie eine Busspur vorfinden, diese in gesamter Breite – streng nach STVO fragwürdig, in der Realität aber kaum anders zu bewerkstelligen. Vielleicht benötigt man für die Masse der CM-Teilnehmer zumindest etwas mehr als den STVO-Verband in zwei Reihen?

  21. Ich finde es nicht problematisch, die ganze Fahrbahnbreite und zur Not sogar die Gegenrichtung zu nutzen. Typische Situation beim Massenstart am Heinrichplatz. Damit da überhaupt etwas losgeht, braucht die „Masse“ eben auch den Platz in diesen engen Straßen – jedenfalls wenn man aus ordnungspolitischer Sicht diesen Pulk möglichst schnell in Bewegung bringen will. Auch dort, wo die CM sich im dichten Strom über mehrspurige Straßen ergießt, ist es wohl legitim und im Sinne der anderen Verkehrsteilnehmer, dass die Teilnehmer den Platz in einer Richtung auch ausnutzen. Ein sicherer paralleler KFZ-Verkehr wäre da wohl nicht machbar (immer von der derzeitig zu beobachtenden Form der CM ausgehend). Was aber für mich unverständlich ist, sind Situationen, die ich immer wieder im späteren Verlauf beobachtet habe, wenn die Menge über längere Zeit ungestört fahren konnte. Dann zieht sich das ganze soweit auseinander, dass auf mehrspurigen Straßen langsam parallel fahrende KFZ oft kein Problem darstellen, so wie z.B. im Foto oben auf der Elsenbrücke. Diese werden dann aber bewußt gestoppt. Das empfinde ich als reine Machtdemonstration und kontraproduktiv.

  22. @ reclaim: Ich empfinde mehrere Blöcke auch als durchaus vorteilhaft und weniger verstopfend – natürlich auch weniger eindrücklich. Das Problem scheint mir auch hier wieder die Masse zu sein. Es ist wohl doch nicht so einfach, nur mal so „Süden/…“ in die Menge zu rufen und dann auch Leute zu finden, die das dann mitmachen. Wenn Menschen erstmal in der Herde drin sind, macht sich eine lemingoide Tendenz bemerkbar. Ich hab sowas für den Rückweg von der CM schon versucht, aber vielleicht mag mich ja nur keiner 😉

  23. Ich empfinde mehrere Blöcke auch als durchaus vorteilhaft und weniger verstopfend

    Das sehe ich auch so. Würde im übrigen auch weniger Hassgefühle gegenüber Radfahrern erzeugt werden. Die Ansicht, dass das wiederum weniger eindrücklich sei, kann ich nicht teilen. Wenn mehrere Gruppen in der Gegend rumfahren gemeinsam ihrem Ziel entgegen fahren, dann bekommen sicher auch mehr andere Verkehrsteilnehmer so eine Gruppe zu Gesicht. Die Radfahrer kommen so mehr ins Bewusstsein ohne die Geduld anderer übermäßig zu strapazieren. Ich fände es auch besser, wenn CMs öfter stattfinden würden als 1x im Monat, selbst wenn dann im Durchschnitt weniger teilnehmen. Bei über 3000 Teilnehmern bei der letzten CM (http://www.tagesspiegel.de/berlin/critical-mass-in-berlin-polizei-kapituliert-vor-radfahrern/10129468.html) kann man wohl mittlerweile davon ausgehen, immer eine ansehnliche Gruppe zu bilden.

  24. Im Tagesspiegelartikel kommt übrigens auch die Polizei zu Wort. Deren Rechtsauffassung scheint eine etwas andere zu sein, als die der CM-Teilnehmer. §27 (Verbände) interpretiert die Polizei (bzw. der Stabsmitarbeiter des Polizeipräsidenten) so, dass ein Verband zwingend einen Verbandsführer haben muss, um die Rechte aus §27 wahrzunehmen. Ich kann dies in dem Paragraphen nicht erkennen. Als zweiten Ansatzpunkt sieht die Polizei §29 (Übermäßige Straßenbenutzung).

    §29 (2) Veranstaltungen, für die Straßen mehr als verkehrsüblich in Anspruch genommen werden, bedürfen der Erlaubnis. […]

    Die VwV geht ab 100 TN von einer erlaubnispflichtigen Veranstaltung aus. Da eine CM aber m.E. keine Veranstaltung ist, greift das m.M.n. nicht.

    Man darf also gespannt sein, ob dazu mal ein Gericht befragt wird.

  25. @ Johann: Ob von den diversen Vorschriften gedeckt oder nicht: Wie will man denn so etwas verhindern? Die Polizei ist ja „leider“ in der dummen Situation, dass die „Demonstration“ in einer ganz alltäglichen Aktivität besteht. Wenn sie als großer Klumpen verhindert werden würde, fände sie halt anders statt. Ich glaube, das wollen die selber nicht und die derzeitige Form ist ihnen von allen ungeliebten Varianten sogar die liebste. Solche unterschwelligen Drohungen sollen womöglich ein paar brave Bürger abschrecken – wenn ich die Kommentare so verfolge, bewirken sie eher das Gegenteil. Trotz des negativen Tenors im Artikel sind wohl schon jetzt ein paar neue Interessenten dazugekommen 🙂

  26. Ob von den diversen Vorschriften gedeckt oder nicht: Wie will man denn so etwas verhindern? Die Polizei ist ja “leider” in der dummen Situation, dass die “Demonstration” in einer ganz alltäglichen Aktivität besteht. Wenn sie als großer Klumpen verhindert werden würde, fände sie halt anders statt.

    Das zu verhindern stelle ich mir auch ziemlich schwierig vor. Andererseits müsste die Polizei nicht, wenn Sie denn Verstöße gegen §27/29 zu erkennen vermag, auch zur Ahndung schreiten (Ermessensgrenze dürfte wohl überschritten sein)?

    BTW: Der alltägliche Pendlerverkehr ist ja recht ähnlich. Massen an Autos verstopfen alle Straßen auf dem Weg in (aus) die Stadt. Fußgänger und Radfahrer müssen deswegen an roten Ampeln und zugestellten Furten minutenlang warten. Und das zweimal täglich und nicht 1x im Monat. Ich finde dort wäre mal Polizeibegleitung notwendig 🙂

    Trotz des negativen Tenors im Artikel sind wohl schon jetzt ein paar neue Interessenten dazugekommen

    Das ist zu hoffen.

  27. War auch diesmal wieder vom Anfang an mit dabei und hab mich an der Oberbaumbrücke abgesetzt, um ein Video zum Auszählen aufzunehmen.
    Ich komme auf 1.717 Teilnehmende… also ca. 1700 Radfahrende.

    Wie bitte kommt der Tagesspiegel auf 3.500 ??? Das ist mehr als das Doppelte.

    Im Vergleich (meine Auszählungen der letzten Berliner CMs):
    Apr.: 1.100
    Mai: 1.200
    Jun.: 1.700

    Verfahren: Video machen -> Video anschaun -> Köpfe bzw. Fahrräder in 10er-Intervallen laut zählen -> Gehilfe macht Strichliste

  28. Johann schreibt:
    Mittwoch, 02.07.2014 um 13:03

    BTW: Der alltägliche Pendlerverkehr ist ja recht ähnlich. Massen an Autos verstopfen alle Straßen auf dem Weg in (aus) die Stadt. Fußgänger und Radfahrer müssen deswegen an roten Ampeln und zugestellten Furten minutenlang warten. Und das zweimal täglich und nicht 1x im Monat. Ich finde dort wäre mal Polizeibegleitung notwendig

    Genau das wollte man mit dem CM Bewegung beweisen.
    So etwas passiert eben nicht wenn sich die Menschen mit dem Rad fortbewegen würden.
    Radfahrer sind keine kritische Masse.

    Doch heute ist will man zeigen, dass das nicht nur der Autoverkehr ein Verkehrschaos anrichten kann sondern auch der Radverkehr, wenn man es nur richtig „organisiert“.
    Besser kann man den Behörden nicht Vorlage bereiten die ganze Sache zu unterbinden.

  29. Eine ähnliche Auseinandersetzung über die eigentlichen Ziele und den heutigen Stand der Dinge findet auch im Ursprungsland der Critical Mass statt – hier mal ein Beispiel aus Cleveland: http://bikeretrogrouch.blogspot.de/2014/06/critical-mass.html .
    Ich teile die Grundhaltung des Autors, dass es wohl kaum gelingen wird, andere Verkehrsteilnehmer (namentlich die Autofahrer) davon zu überzeugen, dass wir Radfahrer gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer sind, wenn während der Critical Mass-Veranstaltungen die Rechte der anderen Teilnehmer und die Straßenverkehrsregeln beeinträchtigt bzw. mißachtet werden …

    Ich denke, es wäre wichtig, sich zu entscheiden, was diese Veranstaltungen nun eigentlich sein, und vor allem was sie eigentlich bewirken sollen, und sich dann entweder an die für alle geltenden Regeln zu halten, um per „schierer Menge“ zu beeindrucken, oder eben eine Demonstration anzumelden, um Sonderrechte in Anspruch zu nehmen (Straßensperrungen, Polizeibegleitung etc.).
    Der anscheinend derzeit übliche „Mittelweg“, keine Demonstration anzumelden, aber den Verkehr insgesamt zu behindern, scheint mir für die Ziele der Bewegung (und für uns Radfahrer im Allgemeinen) eher schädlich als nützlich zu sein.

  30. Vielleicht sind die Überlegungen etwas zu theoretisch. Da die CM keinen Veranstalter hat, kann man die Teilnehmer nicht dazu bringen, eine bestimmte Verhaltensweise an den Tag zu legen. So, wie der Straßenverkehr täglich und an jeder Straße mit Regelbrüchen aufwartet und man damit leben muss, wird man auch die CM wohl nicht ohne solche hinbekommen. Auch im normalen, teilweise recht chaotischen Straßenverkehr arrangiert man sich letztendlich damit, dass die Regeln oft nicht eingehalten werden.

    In gewisser Weise ist das für die CM wirklich schade, weil ich es auch so sehe, dass es den Zielen, als Verkehrsteilnehmer ernstgenommen zu werden, entgegensteht.

    Vielleicht wird das Wasser aber einfach etwas zu heiß gekocht – irgendwie ist es doch schön, wenn das gemeinsame Feierabendradeln solche Dimensionen annimmt. Eine Stadt lebt und ist zum darin leben da, und vom alleinigen Feierabendvergnügen-Blickwinkel aus betrachtet ist die CM wirklich positiv.

  31. @reclaim,
    interessante Punkte, danke.

    Keine völlige Überstrapazierung der Geduld anderer Verkehrsteilnehmer

    Das sehe ich bei einem extrem auseinandergezogenen Teilnehmerfeld eben auch. Mein Gedanke war eher: dichteres=kürzeres Feld -> weniger Überstrapazierung der Geduld und damit verbundene Manöver.

    Bisher hatte ich im Hinterkopf, dass die CM als ein Verband unterwegs sein sollte/will. Und so habe ich es bisher gehalten, dass ich häufig zwischen größeren Gruppen in Sichtweite fahre ohne nach vorn aufzuschließen, in der Hoffnung, die mir nachfolgenden würden das tun.

    Das ist aber augenscheinlich ab einer gewissen Masse nicht mehr möglich, weil Radfahrer wie im echten Leben™ so homogen sind wie Rohmilch.

    Wenn man also nicht zwingend auf den Erhalt _eines_ Verbandes aus ist, macht es das für mich einfacher in solchen Situationen. Man muss sich nur einig sein…

    wenn sich die zwei- oder dreitausend am Startpunkt aufteilen und in alle vier verschiedenen Himmelsrichtungen losfahren würden.

    Sehr gut. Und wir nennen es „The Bike Bang“. 😀

  32. Die ursprüngliche Idee der CM ist super. Die CM, wie sie jetzt ist, entspricht nicht der ursprünglichen Idee. Ist aber trotzdem super. Nur eben anders.

    Was hindert die Anhänger der ursprünglichen Idee daran, sich jeden zweiten Freitag des Monats zu treffen eine CM im ursprünglichen Sinne abzuhalten?

  33. Dilemma hin oder her. Egal wie es heute (Fr. 29.08.2014) regnet. Bitte alle kommen. Wir sind ja nicht aus Zuckerwatte oder so. Bis dann.

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