1987

Bis zum Jahre 1987 wurden in West-Berlin Radwege in einer Gesamtlänge von 520 Kilometern gebaut. 720 Kilometer des Westberliner Straßennetzes waren Hauptverkehrsstraßen, insgesamt bestand es aus 2350 Kilometern (ausschl. Autobahnen).

Radwege ohne Qualitätskriterien – meist schlecht gepflastert, sehr oft weniger als einen Meter breit, oft auch in Rechts-vor-Links-Straßen. Und in jedem Falle benutzungspflichtig. Eine so fahrradfreundliche Verkehrspolitik ermunterte die Polizei dazu, in einer Sonderuntersuchung die Auswirkungen der Radwege auf das Unfallgeschehen zu untersuchen. Das Ergebnis war für die damalige Zeit verheerend, es konnte – so der Autor – „der falsche Eindruck entstehen, dass etwa Straßen mit Radwegen gefährlicher sind als Straßen ohne Radwege“.

Tatsächlich ereigneten sich im Jahre 1985 bereits 47,2% der Unfälle auf Straßen mit Radwegen, die aber nur an 22% des Gesamtstraßennetzes vorhanden waren. Eine Aufschlüsselung der Unfälle nach Art der Fahrbahnbenutzung gibt es seither nicht mehr.

Grüne Radler Berlin / Polizei Berlin: Verkehrsunfälle mit Radfahrern 1981- 1985 (PDF)

Danke @Jeremy für den Hinweis.

6 Gedanken zu „1987

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  1. Da kann man echt froh sein, dass die Zeiten vorbei sind.
    Leider ist das bei einer Vielzahl von Leuten im Kopf noch nicht angekommen.

    Da hat die Verkehrspolizei mit ihrer Propaganda in West-Berlin wirklich ganze Arbeit geleistet. So lief damals auch die Verkehrserziehung ab.

  2. Ich hatte das PDF zugegebenermaßen gestern abend nur noch überflogen. Interessant fände ich, wieviele Unfälle an Hauptverkehrsstraßen und wieviele in Nebenstraßen stattfanden. Denn überwiegend dürften Radwege ja an Hauptverkehrsstraßen gebaut worden sein. Kann man das aus den Tabellen ablesen?

  3. Es ist unglaublich schade, dass es zum Gutachten keine Verkehrszählung gab. Ohne Aussagen, wie viel größer der Radleranteil auf Straßen mit Radwegen ist, sind die Daten nicht halb so viel wert, leider.

    Besonders brauchbar fand ich die Aussage, dass auf radbewegten Straßen Rechtsabbieger zu 33 % die Hauptunfallursache sind, während die Zahlen bei radweglosen Routen schlicht gedrittelt wird. Hier ist die Hauptursache, die sich plötzlich öffnende Autotür mit über 20 % sehr leicht durch weites Linksfahren zu vermeiden.

  4. Wer Hintergundinformationen zur Problematik der Unfallanalysen speziell im bezug auf den Radverkehr sucht, sollte sich einmal diesen Thread im Verkehrsportal ansehen:

    http://www.verkehrsportal.de/board/index.php?showtopic=34544&hl=unfallanalysen

    Einige Erkenntnisse kurz zusammengefasst:

    1. Es gibt so gut wie keine Vorgaben, die eine einheitliche Analyse vorschreiben.
    2. Die Analysen sind sehr undifferenziert – so werden Unfälle auf Radwegfurten oftmals als Fahrbahnunfälle deklariert, so daß es aussieht, als ob viele Unfälle im Mischverkehr passieren. Sowohl das Fahren auf Radwegen in nicht freigegebener Richtung als auch die Nichtbenutzung benutzungspflichtiger Radwege werden einfach als Unfallursache „falsche Fahrbahnbenutzung“ deklariert. Da viele Unfälle durch Geisterfahrer enstehen, liest man dann tatsächlich in Unfallstatistiken die falsche Interpretation, dass eine häufige Unfallursache die Nichtbenutzung benutzungspflichtiger Radwege sei!

    So schreibt der ADFC-Sachsen:

    „In der genannte Studie des ADFC-Sachsen wurden Polizeipräsidien angeschrieben und um Auskunft über ihre Aktivitäten bezüglich Radverkehrsunfällen gebeten. Dabei wurde bekannt, dass lediglich die Polizeidirektion Bautzen Radverkehrsunfälle gesondert auswertet. Alle anderen antworteten auf diese Frage mit nein oder „wenn im Rahmen der allgemeinen Unfallauswertung Schwerpunkte auftreten sollten“.

    Die Definition von Unfallschwerpunkten wurde aber so getroffen, dass in Sachen Unfallhäufigkeit mit Radfahrern sehr auffällige Straßen nicht als Unfallschwerpunkt auftauchen. Dementsprechend wurden von über der Hälfte der Polizeidirektionen keine Unfallschwerpunkte im Radverkehr genannt.“

    Quelle: http://www.adfc-sachsen.de/files/2005-08-01_adfc-sachsen_stellungnahme_radverkehrskonzeption.pdf

    Ein erschreckendes Beispiel hat Critical Mass Hamburg dokumentiert. Hier kam es auf einem 1 Kilometer langen Radwegabschnitt innerhalb von 8 Monaten zu 96(!) Unfällen mit Radfahrern, von denen 32 von abbiegenden KFZ verursacht wurden. Die zuständige Behörde sah darin keinerlei Anlass irgendwelche Maßnahmen zu treffen:

    Quelle: http://www.critical-mass-hamburg.de/VG11A60603.htm

  5. @Jeremy, hättest Du nicht Lust, mal einen Artikel über die unzulängliche Unfallursachenerfassung zu schreiben?

  6. Auf der Webseite von John Allen

    http://john-s-allen.com/research/berlin_1987/index.html

    findet sich noch ein weiteres interessantes PDF mit Zusatzinformationen, nämlich ein Review von 1987 von ADFC-Mitglied Tillman Bracher:

    http://john-s-allen.com/research/berlin_1987/Berlin%20supplementary%20papers1.pdf

    @Martin LE

    in diesem PDF findet man auch einen Hinweis auf erfolgte Radverkehrszählungen, Zitat (Seite 2):

    „Radfahrer fahren jedoch überwiegend auf Straßen ohne
    Radweg. Dies steht fest, weil nur 18% der Straßen einen
    Radweg haben und nach den Radverkehrszählungen des Senats
    auch viele Straßen ohne Radweg hohe Radverkehrsmengen
    aufweisen (4).“

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