Frühjahr – Zeit für Fahrradhetze

Der Frühling ist da und die Zeitungen nutzen die Gelegenheit, um über die moralische Verkommenheit von uns Radfahrern zu berichten. Ein paar Beispiele:

Tagesspiegel-Leser Horst Petri ist leidenschaftlicher Radfahrer. Er schreibt von den Gefühlen der Angst, des Erschreckens und der Wut. Nicht etwa der Radfahrer, wenn sie im Sekundentakt nah überholt werden, sondern der Autofahrer, die mal wieder beinahe einen der vielen unbeleuchteten Radfahrer umgefahren haben. Er nennt Unfallzahlen und in diesem Kontext die oft fehlende Beleuchtung und das – nach Aussage eines Polizisten – fehlende Einschätzungsvermögen der Radfahrer.

Tagesspiegel / Horst Petri:  Radfahrer im Dunkeln, denn sie wissen nicht was sie tun

Roland Sonntag im „Sonntagsblitz“ verzichtet lieber ganz auf nervige Argumente, er schreibt eben wie es ist. Normale Münchner Familienväter und -mütter werden auf Fahrrädern zu Anarchos, halten sich nicht an Ampeln, Einbahnstraßen, ja Verkehrsregeln allgemein. Und was macht die Stadt? Erlaubt auch noch das Fahren entgegen der Einbahnstraße, damit die Rambos wenigstens etwas legaler unterwegs sind.

Die Radl-Rambos sind wieder unterwegs

Bei so viel Informationsflut darf auch n-tv nicht fehlen. Auch hier beschwert man sich zunächst über die generelle Nichtbeachtung von Ampeln und Verkehrszeichen sowie „verbindlicher Symbole auf der Fahrbahn“, und natürlich nutzen Radfahrer ihre „Radwege“ nicht, sondern schlängeln sich lieber durch Fußgängerzonen. Die Radfahrer gefährden damit das „partnerschaftliche Verhältnis aller Verkehsteilnehmer“ – daher ist das also so zerrüttet. Danach werden dann Bußgelder und Straftatbestände aufgeführt die, oh Wunder, auch Radfahrer treffen können.

n-tv: Rambos auf dem Fahrrad – Führerschein in Gefahr

27 Gedanken zu „Frühjahr – Zeit für Fahrradhetze

Kommentare-Feed
  1. also die forderung nach beleuchtung im dunkeln find ich völlig legitim.
    geht mir nämlich auch tierisch aufn sack, wenn einer ganz toll mit helm und warnweste, aber komplett unbeleuchtet in falscher richtung mir entgegenkommt.
    andererseits stimmt es natürlich, dass trotz allem erstaunlich wenig unfälle (gabs da überhaupt mal was?) aufgrund fehlender beleuchtung passieren.
    ist halt wie mit den roten ampel. da passiert auch in relation zu den verstößen erstaunlich wenig.

  2. Beim fehlenden Licht denke ich, ist die Dunkelziffer höher. Vorstellen könnte ich mir, dass der typische Radwegunfall auch dann dem Autofahrer zugeschrieben wird, wenn der Radfahrer kein Licht hatte und damit gut mitgewirkt hat. Aber das ist nur eine Vermutung.

    Bei den Ampeln fahren die meisten sehr vorsichtig bei rot – Ausnahmen gibt es. Da muss man wirklich unterscheiden zwischen Radwegampeln, wo man eben bei grüner Ampel trotzdem Querverkehr hat – also keinen Sicherheitsgewinn gegenüber der roten Ampel. Und Fahrbahnampeln, bei denen grün sicherlich vergleichbare Sicherheit gibt, wie bei einem Autofahrer.

    Die einseitige Darstellung stört mich aus dem Grunde, weil die daraus folgenden Schlüsse MIR keinen Vorteil bringen. Ich bin Radfahrer, ich halte mich an die Regeln. Wenn das andere Radfahrer auch tun, ist das schön. Den größten Sicherheitsgewinn hätte ich jedoch, wenn auch Autofahrer sich an die Regeln hielten – die werden bei derartigen Artikeln aber ausgespart und gar noch als Opfer hingestellt. Sicherheitsgewinn nur für geläutere Chaoten – in meinen Augen ungerecht.

  3. aber stimmt natürlich, dass die berichterstattung über das thema meistens extrem undifferenziert und einseitig ist.

    aber da dürfen wir radfahrer uns bei den gehweg-, rot- und unbeleuchteten-radlern bedanken.
    merken tun sich die leute nämlich nur die idioten unter den verkehrsteilnehmern. ist ja aus sicht des radfahrers nicht anders. die nahüberholen, an die erinnert man sich. an diejenigen, die die spur wechseln zum überholen erinnert man sich in der regel nicht

  4. Die Bezeichnung „Rambo“ fasse ich, in Bezug auf die physical fitness der gleichnamigen Filmrolle, durchaus als Kompliment auf.

  5. Rambo ist ja auch nur so durchgedreht, weil er so drangsaliert wurde 😉
    Ähnlichkeiten zum Radverkehr sind also rein zufällig.

    ciao
    Holger

  6. Ramboverhalten spart zumindest Gesundheitskosten ein. Wenn man seine eigenen Wunden zunäht.

  7. Man sollte bei diesen ganzen Forderungen nach Regeltreue auch mal genauer hinschauen, wo Radfahrer z. B. besonders häufig über rote Ampeln fahren. Das sind nämlich in der Regel diejenigen Stellen, wo es in der Fahrlinie des Radfahrers genau gar keinen künstlichen Regulierungsbedarf gibt.

    Paradefall für sowas ist z. B. die Radampel am Sachsendamm, in östlicher Richtung kurz vor der Unterführung. Ein schnurgerade verlaufender Radweg ohne einmündende Straße, aber Unterhaltungselektronik aufgestellt. Potsdamer Straße stadteinwärts ggü. der Philharmonie ähnlich. Wer nun argumentiert, dass diese Radampeln der Fußgänger wegen dort stehen, bekommt zumindest von mir dafür nur ein herzhaftes Lachen. Wieso soll ich als Radfahrer auf einem womöglich noch benutzungspflichtigen Radweg für Fußgänger anhalten, wenn diese mir auf dem Rest der Strecke ungeniert auf dem Radweg rumlaufen?

    Überhaupt, Fußgängerampeln. Solange Radfahrer und Fußgänger immer wieder mittels Blauschildern wild vermengt werden, soll sich niemand wundern, wenn reine Fußgängerampeln von Radfahrern ignoriert werden. Die Verkehrsplaner machen ja Radfahrer oft genug zu Fußgängern, was den Verkehrsraum angeht.

    Mal abgesehen von diesen Fehlplanungsfolgen kommt generell noch dazu, dass man als Radfahrer oft genug diskriminiert wird im Vergleich zum motorisierten Verkehr. In Berlin geht es zwar noch so einigermaßen, aber auch hierzustadt gibt es genügend Radampeln mit verhältnismäßig kurzen Grünphasen – verglichen mit dem motorisierten Verkehr. Und das teilweise in Gegenden, wo das Verhältnis Radfahrer zu Autos näherungsweise 1:1 ist. Würde man Autofahrer mit solchen Reglementierungen konfrontieren, würde auch kein Pkw-Fahrer mehr auf die bunten Lichtlein schauen.

    Überhaupt sind Rotlichtverstöße von Autofahrern gar nicht mal so selten. Wer ganz viele davon in kurzer Zeit sehen möchte braucht sich nur vor dem Bahnhof Zoo an die hübsche Chaoskreuzung zu stellen. Wenn da höheres Verkehrsaufkommen herrscht, also tagsüber fast immer, gibt es in jeder(!) Ampelphase 1-2 Autofahrer, die bei tiefrot in den Kreuzungsbereich einfahren. Heute hätte mich da z. B. ein über „rot“ fahrender Autofahrer fast auf dem Rad erwischt, nachdem „meine“ Ampel schon mehrere Sekunden auf „grün“ war. Aber für sowas interessiert sich die Polizei komischerweise nie. Stattdessen werden Radfahrerfallen an irgendwelchen Schikaneampeln (s. o.) aufgebaut, angeblich „zur Sicherheit des Radverkehrs“.

    Ich bleib‘ dabei: als Radfahrer die ganze bunt blinkende Unterhaltungselektronik einfach komplett ignorieren, stattdessen lieber auf den Verkehr drumherum (und auf evtl. anwesende Grünröcke) achten.

  8. Der Nürnberger Artikel ist doch lustig. Da hat doch offenbar jemand aus der Radprovinz intensiven Kontakt mit der Landeshauptstadt gehabt und nicht viel verstanden.

  9. @Philip
    Ich finde, da müssen wir uns eher bei der Politik und den Verkehrsplanern bedanken.
    Wer Radfahrer nicht als Fahrzeugführer ernst nimmt und sie als schnelle Fußgänger behandelt, darf sich nicht über mangelndes Pflichtbewußtsein wundern.

  10. @Philip
    Bei den Nahüberholern ist es eher so, dass ich mich an die erinnere, die genug Abstand halten, da das immer noch die deutliche Unterzahl ist.

  11. Mir geht es so das es mir mal auffällt wenn bei einer Arbeits oder Unifahrt mal gar nichts oder nur was positives auffällt, die negativen Sachen versuche ich schnellstmöglich zu vergessen, wenns kein Fall für die Polizei ist.

    Die letzten 4 Fahrten waren ein Wechselbad zwischen unvorhersehbar handelnden Autofahrern und wunderbar freundlichen Menschen in Autos die mich behandeln wie ein Fahrzeugführer, also so wie es sein soll 😀

  12. nachdem ich ehrlicherweise auch jahrelang nur mit meist schon fast erloschenem blinkrücklicht durch die gegend gegurkt bin, hat mich der schwere unfall einer freundin geheilt.

    zu eng vorbeifahrenden autos ist imho nur dadurch zu begegnen, dass man sich NIEMALS ganz rechts in der spur bewegt. nur wenn nicht mehr genug platz in der spur ist, wird auch ausgewichen.

    offensiv aber NICHT aggressiv fahren.

    und meidet die radwege

    > http://commonman.de/wp/?page_id=2974

    lg

  13. „offensiv aber nicht aggressiv“ würde ich auch unterschreiben

  14. aber das „sich die Spur nehmen“ wird von den folgenden Autos auch oft als persönlicher Angriff aufgefasst, und dann kommen die wirklich haarigen Reaktionen. Es ist schon tricky.

    und zur zeit fahre ich sehr aggressiv aber nicht devot, mit der folge das mich alles noch aggressiver macht.

  15. das „sich die spur nehmen“ ist aber lebenserhaltend. bis auf eine schon leicht kafkaeske situation während einer fahrrademo in den neunzigern (da ist mir ein pfarrer mitten im demogewühl von hinten gegen das rad „gebrettert“), traut sich wohl keiner mit absicht auf dich drauf zu fahren.

    entspann dich (und meide die radwege)

    > http://commonman.de/wp/?page_id=2214

  16. wird doch nicht ernsthaft irgendwer hier bezweifeln, dass fahrradbeleuchtung im dunkeln, unzwar HELLE, nicht so ein kleines froglicht-funzelchen, ein absolutes muss ist!
    gibt ja auch keine autos, die ohne licht fahren..

    ich bin oft genug erstaunt, dass da radler hinter mir sind, ich sehe sie nämlich gar nicht, weil sie unbeleuchtet daherfahren.

    @ felix: stimmt schon, die autos, die besonders abstand zu einem halten beim überholen, die merkt man sich und denkt sich ‚hui, der hat aber schön überholt‘ ^^

    @ze kohl: die tage, wo nix passiert, stechen für mich auch besonders hervor

  17. > gibt ja auch keine autos, die ohne licht fahren..

    Was Du so alles glaubst. Doch, sowas gibt es auch, ist aber erheblich seltener als Radfahrer ohne Licht und erst recht seltener als Radfahrer mit zu wenig Licht.

  18. …weil halt keine Billig-Baumarkt-Autos, Geländewagen oder Pseudo-Sportwagen ohne Licht verkauft werden dürfen. Billig-Baumarkt-Fahrräder, MTBs und Pseudo-Rennräder als Sportgerät aber schon…

    Ist mir schon immer ein Rätsel, warum Fahrräder nicht halbwegs StVO-konform sein müssen, um in den Verkauf zu gelangen…

  19. >http://www.abendblatt.de/hamburg/kommunales/article1847405/Fahrrad-schlaegt-Auto-in-Hamburgs-Berufsverkehr.html

    Wenn man „mobil“ statt „www“ davorschreibt, kann man es sogar lesen. 😉

  20. haha, ich lach mich schlapp: Fahrrad gewinnt auf allen Strecken und was fordert der ADAC sinngemäß: Ja, dann brauchen wir wohl mehr strassen

    am besten kies und zement in die elbe giessen und kräftig umrühren 😉

  21. Mir ist schon längst klar, dass Radfahrer den Automobil-Lobbyisten ein Dorn im Auge sind, denn an diesen Menschen können sie nichts verdienen.
    Das die Regierung, sprich Gesetzgeber, einer Meinung ist und diese auch gern publiziert versteht sich ebenso, denn sie verdienen auch nichts. Das die Strassenverhältnisse für Radfahrer unter aller Sau sind ist reines Kalkül. Das die Polizei lieber im Gebüsch lauert um nachts um 3 Uhr Radfahrer, die bei Rotlicht die Ampel überqueren, zu erwischen ist auch pure Berechnung bzw. Radfahrer die ständig die Strassenseiten wechseln müssen da die Wege nie durchgängig sind, zur Kasse zu bitten, wenn sie wieder einmal auf der linken Seite fahren weil sie dort auch hinwollen.

    Dieses ewige Geschrei nach Licht ist haushoch übertrieben. Ich habe schon so oft festgestellt, dass mich eingeschaltetes Licht am Fahrrad zur Zielscheibe für rambomäßige Autofahrer macht die sich an mir abreagieren wollen. Bei Fußgängern ist es ebenso die bleiben einfach vor dir stehen ob du Licht anhast oder nicht. Wenn du kein Licht anhast können sie dich nicht richtig einschätzen, das flößt ihnen irgendwie mehr Respekt ein. Dann höre ich hin und wieder dämliches Geblöke „Hey Licht an“, meistens von Leuten die schwarz gekleidet in Dreierreihen die Wege blockieren. Ich mache dann die Probe aufs Exempel und schalte das Licht ein und siehe da die nächsten Passanten reagieren nicht auf Klingeln, Zurufe und mein Licht interessiert die auch nicht.

    Auf der Strasse ist der Radfahrer Freiwild. Hier werden keine Regularien mehr eingehalten. Hier gilt das Recht des Stärkeren.
    Nur das es hier niemanden wirklich juckt außer den betroffenen Radfahrern die ständig von der Stasse geschubst werden.

  22. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die anderen Verkehrsteilnehmer bei richtig viel Licht auch etwas rücksichtsvoller fahren. Das wirkt wahrscheinlich nur so lange, bis die anderen Radler ebenfalls aufgerüstet haben und man als Christbaum nicht mehr alleine auf der Straße unterwegs ist und als beachtenswerter Sonderfall auffällt. Zur Zeit zeigt meine Flakbeleuchtung aber noch seine Wirkung und im Sommer kommt noch eine Piko dazu. Mir ist sogar schon passiert, dass ein entgegenkommender Taxifahrer in eine Parklücke gefahren ist, um mich vorbeizulassen. Als einfach mehr Power!

  23. @Peter: Fußgänger können nichts dafür, dass Du Dich auf der Fahrbahn durch aggressive Autofahrer gefährdet siehst. Fußgänger können auch nichts dafür, dass der Gesetzgeber in Ausnahmefällen mittels Anordnung von Benutzungspflicht nach rechts des Bordsteins zwingt.

    Wenn ein Zoodirektor beschließt, die Wölfe zu den Kaninchen ins Gehege zu sperren (sogenannte Kaninchengehegebenutzungspflicht), dann können die Kaninchen nichts für diesen Quatsch. Und ein Wolf, der dann anfängt, sich über im Weg rumstehende Kaninchen aufzuregen – von aufgefressenen Kaninchen garnicht zu reden -, statt zu versuchen aus dem viel zu engen Ghetto wieder auszubrechen, ist kein Wolf, sondern eine Memme und wäre er kein Wolf, sondern ein Mensch, so wäre sein Verhalten unmoralisch

  24. p.s @Peter: Und Deine Argumentationslinie zur Rechtfertigung des unbeleuchteten Fahrens erscheint mir vollkommen an den Haaren herbeigezogen und absurd.

  25. reclaim schreibt: „Und ein Wolf, der dann anfängt, sich über im Weg rumstehende Kaninchen aufzuregen – von aufgefressenen Kaninchen garnicht zu reden -, statt zu versuchen aus dem viel zu engen Ghetto wieder auszubrechen, ist kein Wolf, sondern eine Memme und wäre er kein Wolf, sondern ein Mensch, so wäre sein Verhalten unmoralisch“.

    Der Vergleich hinkt natürlich. Wölfe die sich so verhielten, wären verhaltensgestört, keine Memmen. Letzteres wäre eine unangebracht vermenschlichende Wertung.

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