Der Marabout auf dem Single-Speed. Eindrücke über die Fahrradkultur im Senegal.

Fahrräder führen im Senegal eher ein Nischendasein, obwohl ein Großteil des lokalen Warentransportes über muskelbetriebene Fahrzeuge erfolgt. Außer in der Casamance, einer Region im Süd-Westen des Landes. Dort ist das Fahrrad ein alltäglicher Begleiter. Es gibt Reparaturwerkstätten in jedem Ort und eine Fahrradkultur, die diesen Namen verdient.

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Gemuffte Stahlrahmen mit Eingang-Antrieb: Was in Deutschland Gebot der Mode, ist in der Casamance Gebot des Gebrauchswertes. Ersatzteile sind rar, neu meist nicht zu bekommen, eine Gangschaltung ein schöner aber überflüssiger Luxus. Zwar sind auch Aluräder auf den Straßen zu sehen aber sie sind nicht alt und werden es auch nicht werden, glänzend-bunter Schrott mit kurzer Lebenszeit.

Was überlebt, hat Qualität bewiesen. Weit verbreitet sind uralte Oma- und Oparäder mit starker Gabel-Vorbiegung. Und: Rennräder! Sammlerstücke aus den 70ern, meistens Peugeot, werden zentnerschwer beladen um Schlaglöcher manövriert, dass es fast wehtut. Oft sind die Fahrräder schön gemacht, in leuchtenden Farben lackiert, die Felgen und Schutzbleche handliniert oder mit dem Namen eines Cheikhs oder Marabouts bemalt, woran zu erkennen ist, zu welcher Glaubensgemeinschaft das Fahrrad gehört.

Bei Fahrrädern jüngeren Datums sind die Bremsen abmontiert. Die anfälligen V-Brakes, die nur mit Spezialteilen zu reparieren sind, werden schnell stillgelegt. Ein Beleg für den sehr geringen Gebrauchswert der V-Brake. Cantilever-Bremsen werden repariert und auch ausgetauscht, sonst dominieren Trommelbremsen, die zwar furchtbar quietschen aber ewig halten. Und nicht zu vergessen die guten alten Stempel- und Gestängebremsen, oft noch im Originalzustand. Klingeln oder Rufen ist meist effektiver als Bremsen.  Wichtigstes Zubehör ist die Luftpumpe, die an Bord keines Fahrrades fehlen darf. Es mangelt zwar nicht an Reparaturwerkstätten, doch oft liegen zwischen zwei Orten 10 oder 20 km Schotterpiste, und mit einem Platten 10 km zu Fuß durch den Busch ist schon ein halber Tagesmarsch.

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In den Werkstätten wird so gearbeitet, wie wohl viele von den SchrauberInnen dieser Welt angefangen haben: Fahrrad auf den Kopf gestellt, einen großen Engländer, eine Handvoll Schraubenschlüssel einen Blech-Nippeldreher für alle Größen und eine Dose Schmierfett, vielleicht noch einen Kurbelabzieher, aber ein Hammer tut es auch. Die häufigsten Reparaturen sind Platten, gefolgt vom Felgenwechsel (Schlagloch) mit einer hohen Toleranz für Seiten- und Höhenschläge, Lagerschäden jeglicher Art und Umbauten auf Single-Speed. Dabei wird entweder das Schaltwerk abmontiert und die Kette um das noch taugliche Ritzel am Zahnkranz gespannt oder der Kranz gegen ein einzelnes Freilaufritzel getauscht. Kettenlinie und Übersetzung ergeben sich meistens aus den noch nicht verschlissenen Kombinationen zwischen Kettenblättern und Ritzeln. Nicht zu vergessen sind Schweißarbeiten. Alles was nicht Alu ist wird geschweißt in der Schlosserei nebenan, manche Rahmen sehen aus wie mit Geschwüren übersäht, so viele Schweißnähte prägen ihr Gesicht.

Die große Stärke der Mechaniker ist die Fähigkeit zur Improvisation. Der Mangel an Material und Werkzeug nötigt zu einigen Kunstgriffen. Die Sperrklinken-Federn im Freilauf gebrochen? Kein Problem. Drahtbürstendraht eignet sich hervorragend als Ersatz. Das vorrangige Ziel ist es, das Rad am Fahren zu halten. Wie es fährt, spielt eine untergeordnete Rolle. Es wäre ohnehin widersinnig, bei den örtlichen Strassenverhältnissen mit Fein-Tuning zu beginnen. Deshalb ist eine Busch-Gurke mit Linksdrall, vereierten Laufrädern und geschweißtem Vorbau das Fahrzeug der Wahl. Schlangenlinien muss man sowieso fahren, und Geschwindigkeit ist im Senegal kein Maßstab. Hauptsache, es fährt.

 

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