Bicyclophobia berlinensis

Ein Brasilianer besucht Berlin und kehrt fürs Leben gezeichnet nach Rio de Janeiro zurück. Ganze acht Mal wird er von Radfahrern angefahren, das Rad wird für ihn zum gefährlichsten aller Verkehrsmittel. Er glaubt, nie wieder im Leben ein Fahrrad ansehen zu können, ohne zu zittern. Lest hier die traurige Geschichte eines von der Krankheit Bicyclophobia berlinensis befallenen Touristen.

 

"Für die Brasilianer ist eine der touristischen Attraktionen Berlins, Menschen zu beobachten , die brav warten, bis die Ampel auf Grün schaltet, um die Straße zu überqueren. Das erscheint uns fast wie ein Wunder, ist Stunden der Betrachtung, tief schürfender Kommentare und erstaunter Briefe an die Freunde wert. Was den Fahrzeugverkehr angeht, ist die Verwunderung noch größer, und wenn ein Berliner sich über den Verkehr beschwert, denken die Brasilianer, er mache einen Scherz.
In Brasilien ist alles oft genau das Gegenteil von dem, was in Deutschland geschieht. Es heißt, wenn zwei Deutsche eine Straße ohne Ampel überqueren und einer von ihnen sich erschrickt, weil plötzlich ein Wagen auftaucht, dann sagt der andere: „Nicht erschrecken, der hat uns schon gesehen!"
Man erzählt sich auch die Geschichte eines Ausländers (wer weiß, vielleicht eines Deutschen) in einem Taxi in São Paulo, der dauernd die Augen schloss, weil der Fahrer an keiner roten Ampel hielt. Aber bei der ersten Ampel, die auf Grün schaltete, hielt der Fahrer einen Augenblick. Entsetzt fragte der Gast, warum. „Ach, bei Grün muss man halten", erklärte der Fahrer, „weil manchmal ein Verrückter aus der anderen Straße kommt."
Man könnte also meinen, eher ertrinkt ein Olympiaschwimmer in einem Kinderschwimmbecken, als dass ein Brasilianer in Berlin angefahren wird. Weit gefehlt. Wir haben beide, meine Frau und ich, noch immer das Überqueren der am stärksten befahrenen Straße von Rio de Janeiro über lebt, wurden aber in Berlin schon mehrmals angefahren. Ich halte den Rekord. Mich traf es etwa achtmal, jeweils ohne größere Folgen, nur hier und da mal ein Verstauchen, oder es kamen empörte Proteste derjenigen, die mich angefahren hatten. Ja, denn ich wurde nicht von Autos, Bussen oder Lastwagen angefahren, sondern von dem schrecklichsten, unerbittlichsten und bedrohlichsten Vehikel, das durch die Straßen Berlins fährt: dem Fahrrad.
Ich habe mittlerweile so viel Angst davor, dass ich mich neulich, als ich in der Ferne eine Horde von Radfahrern erblickte, die noch ausgelassener als sonst war, weil die Sonne gerade einen ihrer fünfjährlichen Auftritte hatte, schleunigst hintereinen Baum flüchtete, bis die vorbei war, mit einer Geschwindigkeit, die ihr bestimmt eine gute Qualifikation bei der Tour de France gesichert hätte.
Wenn es etwas Heiligeres gibt als den Zahlteller*, dann ist es der Fahrradweg. Die Vorübergehenden haben mich nur wahrgenommen – und mich dann angesprochen, als hätten sie mich bei einer Verschwörung zum Sturz der Regierung ertappt -. wenn ich nicht aufgepasst hatte und auf einem Fahrradweg stehen geblieben war. Oder wenn ich unfreiwillig anhielt, wie an bestimmten Stellen, wo die Bustür sich genau auf den Fahrradweg öffnet. Beim Aussteigen muss man sportlich sein und sofort auf eine sichere Stelle springen, weil dort bestimmt irgendeine Fahrradpatrouille wartet. Denn wenn ich länger als zwei Sekunden zögere, habe ich einen Lenker im Rücken und muss mir unflätige Kommentare über meinen Geisteszustand anhören. Ich glaube, ich werde nie wieder im Leben ein Fahrrad ansehen können, ohne zu erzittern.
Aber es gibt auch immer eine positive Seite. In diesem Fall hat die Wissenschaft einen kleinen Fortschritt gemacht, denn ich glaube, ich bin der erste nachgewiesene Fall einer Krankheit, die zur Epidemie werden kann und für die ich den Namen Bicyclophobia berlinensis vorschlage. Es gibt noch kein Heilmittel dagegen, aber durch Straßen mit Bäumen zu laufen hilft die Symptome zurückzudrängen. Und natürlich den Radlern zu entgehen.
*kleiner Teller, auf den man in Geschäften das Geld zum Bezahlen legt
Quelle: Joao Ubaldo Ribeiro: Ein Brasilianer in Berlin. Frankfurt a. M. 1994"

aus: German Joys: The Meaning of Bicycle Bells
siehe Kommentar von Sean Garrett am 31. Januar 2006

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