Perlenkette

Heute findet wieder eine Critical Mass (CM) in Berlin statt. Dabei treffen sich hunderte Radfahrer an einem vorher festgelegten Ort (Heinrichplatz, 20 Uhr), um im Idealfall STVO-konform durch die Stadt zu fahren und durch die bloße Anzahl an Radfahrern auf die eigenen Belange aufmerksam zu machen.

Die Critical Mass lotet Grenzen aus – es gibt keine Anmeldung und keinen Ansprechpartner. In Hamburg erstattet die Polizei daher jeden Monat Anzeige gegen Unbekannt wegen Verstoßes gegen das Versammlungsrecht. In Berlin duldet die Polizei die CM, sieht aber eine rechtswidrige übermäßige Straßennutzung (§29 STVO). In beiden Städten begleitet sie die Ausfahrten.

Wenn sehr viele Verkehrsteilnehmer gemeinsam eine Straße nutzen, bremsen sie andere aus. Das gehört zum Alltag in den Städten, insbesondere der „schnelle“ Autoverkehr führt zu einer Verlangsamung aller Verkehrsströme durch Stau, lange Wartezeiten an Kreuzungen, verlängerte Wege etc.

Und auch durch die Critical Mass werden andere ausgebremst. Dem Selbstverständnis nach aber nur so weit, wie das die STVO hergibt. Was zum Beispiel bedeutet, dass ein geschlossener Verband mit mehr als 15 Radfahrern gebildet wird, die in Zweierreihen fahren dürfen und von denen die letzten nicht bei Rot anhalten müssen, wenn die ersten bei Grün durchgefahren sind. Allerdings muss der Verband „in angemessenen Abständen“ Zwischenräume für den übrigen Verkehr freigeben, wenn seine Länge dies erfordert. Spätestens hier besteht ein Dilemma zwischen Realität und Gesetz, denn wegen der nicht vorgegebenen Fahrstrecke wird bei der CM auf diese Lücken verzichtet. Andernfalls würden verschiedene, „angemessen“ lange Verbände unterschiedliche Strecken fahren.

Und auch gegen die Zweierreihen spricht einiges. Man stelle sich eine Kette aus 3500 Radfahrern – so viele waren es im Sommer bei der Berlin CM – vor. Wenn ein Rad 1,80 Meter lang ist und man einen ebensolchen Abstand annimmt, dann benötigt man pro Radfahrer 3,60 Meter Länge. Knapp gerechnet. Multipliziert man das, wegen der Zweierreihen, mit 1750 Radfahrern, so kommt man auf eine Verbandslänge von 6,3 Kilometern. Eine „unendliche“ Perlenkette, die bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 20 km/h insgesamt 19 Minuten den Verkehr blockieren würde. Vierrerreihen halbieren diese theoretische Dauer, das STVO-widrige Fahren im Pulk ist ein Kompromiss zwischen Machbarkeit und Regeltreue.

Im Verkehrsalltag hat man schnell erkannt, dass Einspurigkeit ihre Grenzen hat. Jede wichtigere Straße hat daher mehrere Fahrspuren pro Richtung. Nebeneinanderfahren ist – für Autos – der Normalfall. Radfahrern ist es bis heute nur dann erlaubt, wenn „der Verkehr“ dadurch nicht behindert wird. Unabhängig von ihrem Verkehrsanteil müssen sie sonst hintereinanderfahren. Auf der Critical Mass funktioniert das nicht, und auch im Alltag würde es in vielen Straßen nicht funktionieren. Man stelle sich vor, Unter den Linden führen die Radfahrer hintereinander statt im Pulk. Pro Ampelphase kämen dann vielleicht 10 Fahrräder durch, man würde viele Ampelphasen pro Kreuzung benötigen und das Einreihen in die volle Schlange wäre kaum möglich.

Die CM ist ein Grenzfall, nicht richtig erlaubt und nicht richtig verboten.

Der Radverkehr mit seinen hohen Anteilen ist auch schon lange ein solcher Grenzfall – der heute etablierte Radfahrerpulk, der sich in der Realität einfach ergibt, widerspricht den Verkehrsregeln. Grund genug, heute wieder auf sich aufmerksam zu machen!

14 Gedanken zu „Perlenkette

Kommentare-Feed
  1. Ich habe so ein bisschen Probleme mit der Art und Weise, wie hier demonstriert wird. Eigentlich soll doch normales Verhalten demonstriert werden. Mit 3500 Teilnehmern geht dies beim besten Willen nicht.
    Die „Critical mass“ ist doch ab 16 Teilnehmern gegeben. Warum macht man dann nicht viele kleine Gruppen, die natürlich auch aus mehr als diesen 16 Rädern bestehen dürfen, und fährt auf verschiedenen Wegen durch die Stadt?
    Das hätte nebenbei noch den Vorteil, dass die „Demo“ an vielen ganz verschiedenen Stellen der Stadt gleichzeitig stattfinden würde. Außerdem dürfte das „auf-sich-aufmerksam-machen“ besser wirken, wenn man dabei nicht andere Verkehrsteilnehmer verärgert, eben die sich ausgebremst fühlenden Autofahrer.
    Letztendlich will man ja für Verständnis werben, und das bekomme ich nicht mit einer 6 km langen Perlenkette, sondern nur mit einer für andere Verkehrsteilnehmer (Autofahrer, Fußgänger) überschaubaren Einschränkung, zumal sie auch nicht wirklich angekündigt ist (im Vergleich mit z.B. der Sternfahrt).

  2. Sehe ich genauso… aber organisier das mal. Dann muss es von vornherein unterschiedliche Startplätze geben, denn während der Masse einen anderen Weg einschlagen funktioniert nur selten. Alle fahren stur dem großen Haufen hinterher.

  3. Michael, die zweite Hälfte stimmt, die erste nicht.
    Es werden sich nicht alle Radfahrer zur exakt gleichen Zeit einfinden. Sobald sich eine ausreichend große Gruppe gebildet hat, kann man die in irgendeine Richtung losschicken. Und wenn dann doch plötzlich viele auf einmal da sind, bitte die südliche Hälfte nach Süden, die nördliche nach Norden fahren, oder so ähnlich.
    Ich denke, am Startpunkt könnte man das gut organisieren, wenn man diesen Gedanken an wenigstens ein paar der Teilnehmer kommuniziert.

  4. Gerade das Auftrennen ist gar nicht so leicht. Wenn ich jetzt in der Gruppe fahre und an einer Kreuzung anhalte, fahren die hinter und neben mir trotzdem weiter (das gleiche übrigens, wenn ich auf einem Radweg anhalte, weil ein Lkw rechts abbiegt). Damit das funktioniert, müsste es wirklich Organisatoren und Gruppenführer geben, auf die gehört wird.

    Die Kritik kann ich gut verstehen, da einige der Ideale durchaus nicht immer eingehalten werden. Die STVO-Treue ist nicht gerade überstreng, und „der Verkehr“ wird aufgehalten. Andererseits: „Der Verkehr“ hält andere manchmal auch über Gebühr auf. Jemand, der allmorgendlich Stau mitverursacht, weil er zu faul ist, S-Bahn oder Rad zu fahren, denkt darüber schon gar nicht mehr nach und wird auch von niemandem kritisiert.

    Für mich macht die CM eine große Faszination aus. Weil eine große Masse da etwas tut, was irgendwie nicht direkt so vorgesehen ist – und dem Staat (repräsentiert durch die Polizei) gar nichts anderes übrig bleibt als einfach mitzufahren. Um das aufzuhalten, müsste man Polizisten aus dem ganzen Bundesgebiet mobilisieren oder auf Wasserwerfer und Gewalt setzen. Was glücklicherweise nicht getan wird.

  5. Die unfreiwillige Aufspaltung der CM gab es doch schon letzten Monat. Da fuhr die Marianne nach Norden und der Heinrich nach Westen und dann nach Süden. Noch mehr CMs, die am gleichen Tag und zur gleichen Stunde in Berlin an verschiedenen Orten losfahren bräuchte eben eine Abstimmung von Mitfahrern in den Bezirken. Gab es dazu nicht beim Treffen in Neukölln am 7. November realisierbare Ideen?
    Ich denke, dass diese Unorganisiertheit noch nicht an ihre Grenzen gekommen ist. Die liegt viellleicht bei 5000 Teilnehmern, wenn die sich durch enge Straßen bewegen.

  6. *GÄHN*
    Soll man sich eigentlich noch darüber aufregen, daß es kein Lautsprecher bei der Polizei auf die Reihe bekommt die geltende Rechtslage auch nur einmal korrekt wiederzugeben? Vielleicht sollten wir uns einfach unseren Teil dazu denken und … weiterfahren, denn es gibt bis auf jenes ewige Trauerspiel nichs zu sehen.

  7. Welche Rechtslage soll die Polizei vermitteln? Ich verstehe nicht ganz …

  8. Oops, hab ich mal zuwenig geschrieben. Ich bezog mich auf den MOPO Artikel aus Hamwurch.

  9. Oh ja, CM und die Cops. Hier in der weltbesten übertollen Fahrradstadt hatten wir vor ein paar Monaten auch so einen übereifrigen Provinzbullen. Die CM erreicht in diesem dreckigen Provinznestmeist keine zwanzig Teilnehmer und entspricht damit in etwa einer spontanen Ausfahrt eines Fußballvereins. An einer nichtigen RVA winkt der Cop dann die CM raus, weil sich ein Lieferwagen-Premiummensch über uns Radlinge beschwert hatte. Geahndet wurde nur die CM – zumindest wurde das an mir versucht. Nach ein wenig Hin und Her hat auch das „Ordnungsamt“ Münster (denen ist scheißegal, wie viele Leute auf ihren benutzungspfichtigen Schrottradwegen verrecken) eingesehen, dass ich wohl nicht Verbandsführer war. Was niemanden interessiert hat: Der Lieferwagentyp hatte extrem scharf überholt und reingeschnitten. Aber solche Angriffe auf Radlinge werden in Münster nicht geahndet. Radfahrer sind hier halt nur Roadkill und nicht nur im Zweifelsfall selbst schuld, wenn sie umgenietet werden…

  10. Ich hatte den MOPO-Artikel gar nicht so genau gelesen, der ist aber lesenswert. Die MOPO versucht, gegen Radfahrer scharfzumachen und trifft auf einen besonnenen Polizeidirektor, der darauf nicht einsteigt. So herum ist es selten 🙂

  11. „Gab es dazu nicht beim Treffen in Neukölln am 7. November realisierbare Ideen?“

    Was war das für ein Treffen? Und widerspricht das nicht dem Geist der CM, dass es sich dabei um eine unorganisierte Zusammenkunft handelt?

    Erklärt das auch, warum so vehement auf den Mariannenplatz als Startpunkt „hingearbeitet“ wird, obwohl es doch der Heinrichplatz ist und man jetzt nicht mal mehr vor zum Heinrichplatz kommt? Wurde da auch was mit der Polizei ausgeheckt, die habe ich am Freitag, bis auf ein Fahrzeug, was sich offenbar am Strausberger Platz aber verabschiedet hat, auch nicht gesehen.

    Wäre ich paranoid, würde ich mich über einige Dinge wundern…

  12. @Anke
    http://mitradgelegenheit.org/mein-kalender/?mc_id=51

    Ich habe ja nur die Einladung gesehen, wäre ich nicht krank gewesen, hätte ich hier bestimmt etwas darüber berichtet. Leider habe ich auch keine weiteren Informationen gefunden, weshalb ich hier ja die Frage nach dem Treffen gestellt hatte.
    Das mit dem Mariannenplatz hat glaube ich einfach nur damit zu tun, dass 2000 Teilnehmer nur schwer auf dem Heinrichplatz Platz finden. Ob es da nun Gruppen gibt, die die Marianne durchsetzen wollen weiß ich nicht, ist vielleicht auch egal. Ich bin auch kein Traditionalist (fahre jetzt seit einem Jahr sehr regelmäßig mit) und wenn die nächste CM am Hermannplatz gestartet würde oder vorm Zoo würde ich auch dort starten.
    Zu Team Blau: Erstaunlicher als die sichtbare Nichtbegleitung fand ich das plötzliche Auftauchen am Tiergartentunnel oder am 4.10. die massive Begleitung auf der B96.

    @Alle
    Kann irgendjemand was zum 7. November sagen?

  13. @Thalmayr,

    danke für die Info. Von 2000 Leuten sind wir ja nun wieder ein halbes Jahr entfernt. Und wenn am Hermannplatz gestartet würde, müsste man das zum einen aber auch kommunizieren und zweitens hat das wer zu entscheiden?

    Die Bewachung des Tiergartentunnels finde ich nun gar nicht erstaunlich, die CM-Standort-App kann nunmal jeder benutzen.

    (etwas grotesk mutete die Begleitung u.a. mit Zivilauto auf streckenweise menschenleeren Straßen bei der nächtlichen Juni-CM an, wo panikartig auch die Avus-Auffahrt Wannsee mit mehreren Wannen dicht gemacht wurde, dabei wollten wir nur den Sonnenaufgang auf dem Drachenberg sehen…)

  14. Irgendjemand muss ja auch mal Heinrich- oder Mariannenplatz festgelegt haben. Wenn der erwischt wird … 🙂

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