Wenn die „Bild“ über Radfahrer schreibt …

Radfahrer sind ein Phänomen. Ständig verursachen sie neue Riesenprobleme, von denen man vorher noch nie gehört hat, die nach Bekanntwerden aber umgehend gelöst werden müssen. Wer erinnert sich nicht an die Zeit, in der VerkehrsAutominister Ramsauer das Wort „Kopfhörer“ in den Raum rief und dieses Thema monatelang die Diskussion beherrschte. Die Bild-Zeitung hat nun das Problem Zweite-Reihe-Radfahrer ausgemacht. Tenor: Auf manchen Straßen fahren so viele Radfahrer, dass sie nicht mehr auf den Radweg passen oder auf der Fahrbahn in zwei Reihen fahren. Das wiederum ist verboten, so lange dadurch „der Verkehr“ behindert wird – also in solchen Straßen eine Minderheit an Autofahrern, die genötigt werden, die rechte Spur zu verlassen oder mal etwas langsamer zu fahren.

Tatsächlich hat der Gesetzgeber bei der Regelung, Radfahrer dürften nur so lange nebeneinanderfahren, wie „der Verkehr“ dadurch nicht behindert würde, wohl eher eine damals übliche Situation im Auge gehabt, nämlich eine geringe Anzahl an Radfahrern, die nebeneinanderfahrend den Autoverkehr aufhalten würden. Das Verbot passt aber nicht in Straßen, in denen so viele Radfahrer unterwegs sind, dass sie schon rein physisch nicht mehr hintereinanderpassen. Und es ist ungerecht gegenüber Radfahrern, die genau wie Autofahrer von A nach B kommen wollen, ohne dabei kriminalisiert zu werden. Die Bildzeitung schreibt von „Riesenradwegen“ in Berlin, die nicht ausreichen, um allen Radfahrern Platz zu bieten, übersieht dabei aber, dass es wohl keinen einzigen straßenbegleitenden Radweg gibt, der auch nur die Breite einer Fahrspur hat. Und in vielen Straßen stehen den Autos davon sogar mehrere zur Verfügung.

Und, was darf nicht fehlen, nachdem man so über die Radfahrer gemeckert hat? Genau – ans Ende eines solchen Artikels stellt man dann die Unfall- und Totenzahlen. Der aufmerksame Leser wird es sich schon so zurechtreimen, wie es gemeint ist – nämlich dass Radfahrer durch Fehlverhalten oder Zweite-Reihe-Fahren all ihre Unfälle selbst verschulden.

Bild: Zweite-Reihe-Radler verstopfen die Stadt (25.9.2013)

23 Gedanken zu „Wenn die „Bild“ über Radfahrer schreibt …

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  1. „Weil für so viele Radfahrer aber gar kein Platz ist, soll auch die Benutzungspflicht von Radwegen auf Ausnahmefälle beschränkt werden.“

    … als wenn die Aufhebung der allgemeinen Radwegebenutzungspflicht nicht schon 15 Jahren her wäre. Die Frage, ob Prinzip dahinter steckt schenk ich mir mal, die Antwort kennen wir ja eh. Ich überlege bloß, warum die damit jetzt am Ende der ‚Radsaison‘ kommen. Können die es etwa nicht verschmerzen, daß wir bei ungemütlicher werdendem Wetter immer noch auf dem Rad unterwegs sind?

  2. Was für ein Inhaltsarmer Artikel, der dennoch geltendes Recht seit 15 Jahren ignoriert. Warum gibt es die Bild nochmal? Ach ja, wegen der Tittenbildchen und AgitProp…

  3. Das hier ist auch witzig, Bild-Zeitung betitelt „Knöllchenhorst“ als Alptraum aller Autofahrer: http://www.bild.de/regional/hannover/strafanzeige/knoellchen-horst-am-ende-32558572.bild.html

    Eigentlich müssten die, die vernünftig parken, ja unbehelligt bleiben. Aber wenn die Bildzeitung meint, dass alle Autofahrer betroffen seien, ist die Konsequenz ja, dass kein einziger die Regeln einhält 😉

  4. Der Radfahrer als gesetzloser Geselle, der den (Auto)Verkehr gefährdet, weswegen er sich selbst zuzuschreiben hat, daß jedes Jahr einige seiner Art ums Leben kommen – das übliche reaktionäre Bild-Geschwafel . …
    Hier in Köpenick merke ich von solchen „Verstopfungen“ durch Radfahrer nichts, in Prenzlauer Berg sieht es schon anders aus, aber auch dort sind es nach meiner Beobachtung fast immer lange Kolonnen auf den Radwegen – wo ist das Problem?

  5. Da fällt mir nur eins ein: Autos stehen nicht im Stau, sie sind der Stau!

    Das Umdenken hat gerade erst angefangen, wird jedoch noch seeeehr lange dauern bis es die breite Masse erreicht hat.

  6. Von der der „Blöd“-Zeitung habe ich eigentlich nichts anderes erwartet. „Zweite Reiher-Radler verstopfen die StadT…“ und erst die vielen Zweite-Reihe-Radparker, die umfahren werden müssen.

    Oh, oder hatte ich mich da geirrt und es waren faule Autofahrer, die einfach mal ihr Blechhütchen irgendwo in die zweite Reihe stellen.

  7. […] Wenn die “Bild” über Radfahrer Schreibt […]

  8. Ist doch alles wie gehabt. Bild war wiedermal dabei und sprach als erste
    mit der Leiche. Wer hat denn von der Blöd-Zeitung anderes erwartet?
    Lest lieber den Tagesspiegel, die kümmern sich aufrichtig um uns Radler.

  9. Die Regeleung gehört sowieso abgeschafft. Jedesmal nach einer CM denke ich mir: „Ach, wie schön könnte es sein…“. Kommunikation ist beim Hintereinanderfahren ja doch eher Glückssache.

    Ich empfinde das als gravierende Benachteiligung gegenüber Autos (im Schnitt mit 1,x Insassen!)
    Wie ist das eigentlich rein rechtlich mit Zwei/Mehrspurigen Fahrrädern? Wie breit darf ein Fahrrad sein?

  10. Ganz verräterisch ja auch die Unterscheidung in „Radfahrer“ und „der Verkehr“, wirklich völlig veraltet.
    Auf den Ramsauer mit seiner Verkehrskampfrhetorik bin ich eh … sauer. Vor kurzem hat mich ein Autofahrer mit den Worten „Scheissradfahrer“ vom Fahrrad geholt, obwohl ich mich völlig StVO-konform verhielt. Für einen Verkehrsminister ist das mE mindestens die Größenordnung eines Peer-Mittelfingers – ein Rücktritt dieses verantwortungslosen Gesellen, dessen Rhetorik schonmal gegen §1 der StVO verstösst, ist wohl nicht in Sicht, leider.
    Am Verkehr beteiligte Menschen gegeneinander auszuspielen ist nicht lustig, das ist fahr-lässig.

  11. Der Gesetzgeber hat damals auch vergessen, dass zu Fahrrädern beim Überholen ein Sicherheitsabstand einzuhalten ist. Deshalb ist es in den meisten Strassen völlig egal, ob da ein Radfahrer oder zwei oder sogar drei nebeneinander fahren. Der Überholende muss sowieso auf die andere Spur oder die Gegenspur ausweichen. Und diese ganze „Behinderung“-Sache ist in der Stadt, wo alle 100 m eine rote Ampel alle gerade Überholten wieder zusammenbringt, auch Unsinn und nur gefühlt vorhanden. Man wieder typisch BLÖD. Ich hoffe mal, der zitierte ADFC-Sprecher hat das nicht wirklich gesagt.

  12. In Holland könnte so ein Skandal nicht passieren. Ich habe schon Straßen gesehen, da war die Fahrbahn 14 Meter breit, zwei Spuren in jede Richtunng und es waren nur ein paar vereinzelte Autos unterwegs. Der Radweg war nur 2 Meter breit und dort haben sich dutzende von Radfahrern abgequält – mehr als Schrittgeschwindigkeit ging in dem Stau nicht – aber kein einziger kam auf die Idee, die völlig freie Fahrbahn zu benutzen.

  13. Es ist ja immer gut zu wissen, was ein …. Medium … so schreibt, das auch mal gerne am Wahlwochenende unbestellt im Briefkasten steckt. Aber sich inhaltlich damit zu beschäftigen, liegt mir nun gänzlich fern.

  14. Die meisten unterscheiden ja nicht mal nebeneinander fahren und überholen. Ja, wie soll der fast nur Auto fahrende Mensch auch auf die Idee kommen, das Radfahrer sich gegenseitig überholen können. Die fahren mit 10 km/h bis 35 km/h im Schnitt ja fast alle gleich schnell….

  15. Mir fallen auf Anhieb eigentlich kaum Straßen ein, auf denen Radfahrer in mehreren Reihen auf der Fahrbahn fahren. Die einzige Straße, die bei mir die Assoziation auslöst, ist Unter den Linden – dort ist das schon seit Jahren so. Dadurch sind die Busstreifen für Busse kaum mehr benutzbar. Aber wenn man dort mal die Verkehrsanteile aufschlüsselt, liegt das „Problem“ eindeutig darin, dass die Flächen nicht entsprechend der Verkehrsanteile aufgeteilt werden.

    Natürlich haben solche Artikel – schon weil keine klare inhaltliche Linie erkennbar ist – kaum eine Relevanz. Andererseits schaffen sie durch geschickte Manipulation – denn ein Problem wird geschickt so verdreht, dass der Radfahrer als „Verbrecher“ dasteht – ein feindseliges Klima. Zudem verdrehen sie Probleme bis hin zur Absurdität, denn selbst bei einem Verkehrsanteil von 100% würden Radfahrer die Stadt nicht verstopfen, allenfalls würden sie das Vorankommen mit übertriebenen Riesenfahrzeugen (aka Pkw) etwas verlangsamen.

  16. Lustig. Schreibt das Qualitätsmedium „Bild“ auch bei jedem Stau, dass es einfach zu viele Autos für unsere Straßen gibt?

  17. @ berlinradler: Alles richtig, aber ja nichts neues. Und da wir keinen Einfluss auf diese Manipulationsmaschine haben, also z.B. durch Argumente oder Daten keinen einzigen zukünfitigen Artikel in diesem …. Blatt … sachgerechter machen können, ist es jenseite einer Vergewisserung, dass der vermutete Stand noch weiter andauert, reine Zeitverschwendung sich auf dieser Grundlage mit dem Thema zu befassen.

  18. Fortsetzung:

    Das scheint mir beim TSP z.B. anders zu sein. Da herrschte vor Jahren die gleiche Ignoranz, nicht zuletzt aufgrund permanenter Einwirkung durch die Leser in Gestalt von Kommentaren scheint dort aber ein Meinungswandel möglich gewesen zu sein. Ich will nicht behaupten, dass man einen solchen Wandel auch dort erzeugen könnte, wo der TSP ideologisch festgelegt ist. Aber der Bereich Fahrrad gehörte scheinbar jedenfalls nicht dazu, anders als bei der Blöd, wo wir noch einige Führungswechsel werden erleben müssen, damit sich (zumindest in dem Punkt) etwas verbessert.

  19. Jeremy schreibt:
    Freitag, 27.09.2013 um 07:46

    In Holland könnte so ein Skandal nicht passieren. Ich habe schon Straßen gesehen, da war die Fahrbahn 14 Meter breit, zwei Spuren in jede Richtunng und es waren nur ein paar vereinzelte Autos unterwegs. Der Radweg war nur 2 Meter breit und dort haben sich dutzende von Radfahrern abgequält – mehr als Schrittgeschwindigkeit ging in dem Stau nicht – aber kein einziger kam auf die Idee, die völlig freie Fahrbahn zu benutzen.

    Versuche mal in Holland auf der Fahrbahn zu radeln wenn ein Radweg irgendwo in der Nähe ist, da kannst Du was erleben.

  20. Wie heißt es noch so schön:
    „BILD
    BELLT
    BALD
    BLÖD
    BALD
    BLIND“
    Mit Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.

  21. siggi schreibt:
    Freitag, 27.09.2013 um 14:28
    Versuche mal in Holland auf der Fahrbahn zu radeln wenn ein Radweg irgendwo in der Nähe ist, da kannst Du was erleben.

    Und trotzdem fahre ich 1000x lieber in Holland mit dem Fahrrad als in Deutschland (wohne im Grenzland).

  22. Im Artikel steht wörtlich:
    „Deswegen wird in der ganzen Stadt auch in zweiter Reihe gefahren – und die Straßen verstopfen.“

    Lukas Breitenbach von der Axelspringerakademie, sagen mir doch mal, was ist da genau bei dir verstopfen?

    (und wechslen mal den Frisör, du aussehen ja fast wie Heinrich Himmler. Dem ja dann auch erzählenkönnen dann Theorien über das Verkehr.)

  23. >> Und trotzdem fahre ich 1000x lieber in Holland mit dem Fahrrad als in Deutschland (wohne im Grenzland).

    Zumal die Radwege in Holland (den Niederlanden) in weitaus besserem Zustand sind als jene in Deutschland. Was hier, im Südosten Berlins, teilweise als Radweg bezeichnet wird ist teilweise unzumutbar. 1m breite Schlaglöcher, austretendes Wurzelwerk von Bäumen, teils kaum 60cm breit.

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