5 Minuten Mitleid mit den Autofahrern

Christine Richter ist Mitglied der Chefredaktion der Berliner Morgenpost und schreibt für das Ressort Berlin/Brandenburg der Springer-Tageszeitung. Gestern schüttete sie ihr Herz aus für die Autofahrer. „Ich bin sie leid, diese Politik gegen Autofahrer“, klagt Frau Richter. „Wir haben uns seit langem an Bus- und Fahrradspuren auf dem Kurfürstendamm gewöhnt… Auch über die vielen Radspuren auf den Hauptverkehrsstraßen und Vorrangampelschaltungen für Radfahrer wundern sich höchstens noch die Besucher aus anderen Hauptstädten. Wir Autofahrer akzeptieren inzwischen klaglos, dass etliche Radfahrer auf die Straße ausweichen, weil sie die Fahrradwege nicht nutzen. Und ich kann, besser: mag, gar nicht mehr zählen, wie viele Parkplätze in Prenzlauer Berg weggefallen sind für die metallenen Bögen, an den die Räder angeschlossen werden sollen. Von der „Fahrradstraße“ Choriner Straße ganz zu schweigen.“

Es ist wirklich schlimm, wie böse den Autofahrern mitgespielt wird. Richters Kommentar endet in einem flammenden Appell an die Politiker: „Es gibt für Politiker also genug zu tun. Es müssen nicht noch mehr Fahrradwege und Radstellplätze sein.“

Der Verweis auf die Choriner Straße ist deshalb putzig, weil durch die Umwandlung der Choriner in eine Fahrradstraße mehr Parkplätze entstanden sind. Statt der längsgeparkten Autos können Kfz nun zwischen Fehrbelliner und Schwedter auf der einen Seite schräg parken. Dadurch ist die Fahrbahn insgesamt schmäler geworden, was ja auch okay ist. Autos können jetzt nicht mehr durch die Straße brettern, das scheint das eigentliche Problem von Frau Richter zu sein.

Berliner Morgenpost: Das Leid der Autofahrer]
[via Urbanophil]

11 Gedanken zu „5 Minuten Mitleid mit den Autofahrern

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  1. ach, bei solchen leuten brauch man gar nicht erst versuchen es zu erklären. die merken eh nichts mehr, wenn man so komplett unreflektiert an ein thema rangeht. kennen nur die perspektive durch die scheibe und wollen das andere auch gar nicht kennenlernen

  2. Tolle Mentalität: Man sieht da vielleicht 10 Fahrräder an einem der extrem seltenen öffentlichen Fahrradständer und denkt sich, wie gut da doch das eigene eine Auto hinpassen würde. Schließlich gehört die Welt nur einem selbst.

  3. ‚Politik gegen Autofahrer‘ – LOL! Wenn fast alle Verkehrsflächen hauptsächlich für den Kfz-Verkehr gedacht sind. Am meisten behindern sich die Dosen doch immer noch gegenseitig. Wenn die Hälfte davon mit dem Rad fahren würde, wäre viel mehr Platz für alle. In Berlin ist es mir auch extrem aufgefallen, dass fast jeder, der im Alltag ÖPNV-Nutzer ist, noch irgendwo sein Stück Blech geparkt hat. Kein Wunder, wenn dann irgendwann kein Platz mehr ist.

  4. Na sowas, nun müssen die Leute bei den Zeitungen nicht mal mehr zählen können…

  5. Meint sie wirklich ernst, was sie da schreibt, oder ist mir die Ironie einfach nicht aufgefallen?
    War hier nicht neulich erst von einem neuen Teilstück der Autobahn 100 zu lesen? Berliner Autofahrer sind schon bemitleidenswerte Wesen.
    Vielleicht könnte RTL mal einen Spendenmarathon dafür organisieren?!

  6. Politik gegen Autofahrer? Hä?
    Muss eine sehr spezielle Tönung sein, von ihrer Sonnenbrille.

    Letztlich gehts bei solchen Blättern aber nicht um Inhalte, oder gar Wahrheiten/Fakten, sondern lediglich um die tägliche Herausforderung den Werbepartnern genug Leser zu besorgen.

    Und die Politik funktioniert auch nicht mehr so deutlich anders. Nur werden die Werbepartner dort anders genannt. 😉

  7. Vielleicht ist das ja eine Parodie?

    Naja, letzten Endes wahrscheinlich die selektive Wahrnehmung der Autofahrer, dass die bisherigen Zustände nicht total verrückt sind, weil sie bisher alle als normal wahrgenommen haben.

    Am besten gar nicht drüber aufregen, der Ölpreis arbeitet für uns.

  8. Aber die Vorrangschaltungen für Radfahrer sind echt ne Benachteiligung der Autofahrer 🙂 Wenns sowas mal in echt gäbe.

  9. Mal losgelöst von dieser ganzen Radfahrer-gegen-Autofahrer-Denke möchte ich mal einen ganz anderen Gedanken in den Ring werfen:

    Wenn ich so radkuriermäßig in der Stadt unterwegs bin, dann fällt mir vor allem auf, dass es so einige Ecken gibt, wo sich die Blechdosen ständig im Weg rumstehen, während nur wenige Meter weiter gut fahrbare Verkehrsachsen vorhanden sind. Autofahrer scheinen mir größtenteils Gewohnheitstiere zu sein, den Rest erledigen die „Segnungen“ moderner Navigationstechnik.

    Nun ist die Sache mit den Gewohnheitstieren sicher kein Spezifikum der Autofahrer, sondern es dürfte auf alle Menschen und somit auch auf Radfahrer zutreffen. Da kommt dann aber ein zweiter Punkt zum Tragen: unter Radfahrern ist es doch nicht unüblich, dass man an das Thema „Verkehr“ sehr kopflastig herangeht, bzw. sich mit dem Thema „Verkehr“ als Radfahrer stärker auseinandersetzt. Der Vernetzungsgrad unter Radfahrern, egal ob hier oder im Echtwelt-Gespräch, erscheint mir höher zu sein als der der Autofahrer. Die Bereitschaft, die eigene Verkehrsteilnahme antizyklisch zum Gesamtverkehrsaufkommen zu betreiben, ebenfalls. Ist eine Straße chronisch verstopft und eine Parallelstraße fast immer gut fahrbar, dann ist es für die meisten Radfahrer selbstverständlich, wo sie fahren. Autofahrer bleiben stoischer bei ihrer einmal gewählten Route.

    Berlin hat eigentlich, im Gegensatz zu vielen anderen Städten, ein relativ gutes nutzbares Verkehrsnetz. Trotz der gefühlten 20 Mio Baustellen. Vielerorts nutzen speziell die Autofahrer das Potenzial dieses Verkehrsnetzes nicht aus. Sondern stehen sich gegenseitig im Weg herum. Und jammern dann über die Benachteiligung gegenüber denen, die über ihre Mobilität etwas mehr nachdenken.

  10. Prinzipiell finde ich es gut, wenn Autofahrer nicht jede Nebenstraße verstopfen. Der fließende Verkehr – oder eben der sich stauende – sollte auf den Hauptverkehrsachsen gebündelt werden bzw. bleiben. In Nebenstraßen wartet man schon genug wegen der umständlichen Ein- und Ausparkmanöver.

    Ich denke aber, dass die kopflastigen oder vernetzten Radfahrer nur eine Minderheit darstellen. Der Großteil steigt einfach aufs Rad ohne groß drüber nachzudenken. Viele haben ja auch ein sehr entspanntes Verhältnis zu dem Thema, weil sie nicht nur radfahren.

  11. @berlinradler:

    Meinetwegen können Autofahrer gern auch Nebenstraßen benutzen und „verstopfen“. Eine wirkungsvollere Lösung gegen T30-Zonen-Raserei gibt es nicht, als wenn alles mit Blech vollsteht.

    Allerdings dachte ich bei obenstehendem Kommentar gar nicht mal so sehr an die echten kleinen Nebenstraßen in reinen Wohnvierteln, sondern an so manche brauchbar breit ausgebaute Straße z. B. in Kreuzberg. Auf der Prinzenstr. beispielsweise ist ständig die Hölle los, während die parallele Alexandrinenstraße quasi unbefahren ist. Die Oranienstr. ist auch ständig mit Tiergarten-Kreuzberg-Verkehr verstopft, obwohl man wunderbar obenrum via Bethaniendamm/Wrangelstr. ins tiefe Kreuz kommt. Dass man das Kottbusser Tor südlich z. B. via Maybachufer umfahren kann, wenn’s Richtung Schlesier oder Alt-Treptow gehen soll, scheint auch kaum jemand zu wissen. Lieber stehen die Autos alle 200 Meter vor roten Ampeln und zwischendurch noch zusätzlich im Stau.

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