Kinder können immer schlechter Fahrrad fahren

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV) hat 2009 eine Studie „Psychomotorische Defizite von Kindern im Grundschulalter und ihre Auswirkungen auf die Radfahr-Ausbildung“ durchgeführt. Bereits vor zwölf Jahren hatte der GDV eine erste Untersuchung zu diesem Thema erstellt. Ergebnis: Kinder in Deutschland können immer schlechter Fahrrad fahren. „Viele Kinder, vor allem im großstädtischen Bereich, haben im Vergleich zum Jahr 1997 deutliche psychomotorische Schwächen. Das wird besonders bei der Fahrradausbildung sichtbar, die nahezu alle Grundschüler in (der) 4. Klasse absolvieren.“

Den größten Nachholbedarf sehen die Forscher bei Stadtkindern, Mädchen mit Migrationshintergrund, Übergewichtigen und überbehüteten Kindern. „Um den Teufelskreis Fehlende Bewegung – mehr Unsicherheit – weniger Fahrradpraxis – weniger Bewegung zu durchbrechen, müssten Schulen, Eltern und Lehrer gezielt Bewegungsdefizite erkennen und bekämpfen.

Rund 95 % aller Viertklässler legen pro Jahr die Fahrradprüfung ab. Einerseits ist die Radfahrausbildung ein wichtiger Teil der Mobilitäts- und Verkehrserziehung, anderseits werden durch sie auch psychomotorische Mängel schonungslos aufgedeckt. So beherrschen immer mehr Kinder wichtige Alltagssituationen des Radfahrens nicht, beispielsweise das Spurhalten beim Blick zur Seite oder nach hinten. Diese Defizite, die vor allem in Großstädten sichtbar werden, können während der Fahrradausbildung aber immer seltener ausgeglichen werden.“

Psychomotorische Defizite von Kindern im Grundschulalter und ihre Auswirkungen auf die Radfahr-Ausbildung (pdf-Dokument)
via: Fahrradportal

10 Gedanken zu „Kinder können immer schlechter Fahrrad fahren

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  1. Das betrifft nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene.

    Die sind sich des Problemes nicht bewusst, beherrschen aber weder die Technik ihres Fahrrades noch das sichere Fahren auf einem im Verkehr mit mehr als 10 Teilnehmern pro km².

    Das Nichtbeherrschen der Technik wird gerade beim Anfahren sichtbar: Schön großer Gang bei der Gangschaltung eingestellt, der beim Anfahren ein Anschieben mit nachfolgendem sehr langsamen Wiegetritt erfordert, das mit Pendelschlingerbreiten von nicht unter 2 Metern.

    Kaum jemand fährt mit einem vernünftig eingestellten Sattel, erschreckend wenige haben funktionierende Bremsen (die gerissenen Bowdenzüge sind zur Abschreckung um den Lenker gewickelt) oder funktionierendes und eingestelltes Licht (Fahrradscheinwerfer sind cool, wenn sie den Himmel anleuchten).

    Wird auf einer Straße links von geparkten Autos gefahren, so wird nicht eine gerade Spur ca. 1 m links der Fahrbahnmarkierung gefahren, sondern auf oder gar rechts von der Fahrbahnmarkierung so nah wie nur möglich an den geparkten Autos entlang. Und jede längere Parklücke wird „mitgenommen“, d.h. ein Schlenker hinein und wieder herausgefahren.

    Naja, und das Einhalten von so Dingen wie Verkehrsregeln ist auch eher Glückssache; nicht jede Regelung ist so schwachsinnig wie alles, was „Radwege“ betrifft.

    Wie sollen Leute, die so vor sich hin gondeln, die motorischen Defizite ihrer Kinder erkennen?

  2. Mit Kinder in der Stadt Fahrrad zu fahren ist ein Abenteuer. Wenn man sich an die Verkehrsregeln hält, muß man als begleitender Erwachsener auf der Straße fahren. Das Kind ist durch parkende Autos dann oft nicht sichbar und man selbst wird angehupt und geschnitten, weil man Kindertempo fährt. Und an jeder Kreuzung muß man eigentlich absteigen und zu Fuß die Straße queren. Kein Spaß.
    Mir kam vor kurzem die Idee: Radrouten für Kinder, die auf dem Bürgersteig fahren müssen. Das wäre doch was, dass man mal schaut wo für Kinder gute Verbindungen sind (breiter Bürgersteig, gute Oberfläche, wenige kreuzende Straße, Absenkung des Bordsteins, wenn Straßen kreuzen etc.) und diese als Kinderroute kenntlich macht.

  3. … ich beobachte das genaue Gegenteil dieser Untersuchung – die offenbar aus subjektiven Beobachtungen in den Jugendverkehrsschulen herrührt. Schon alleine die Formulierung „immer schlechter“ deutet auf die Unseriösität der Aussagen hin.

    Konnten Kinder 1978 wirklich besser Rad fahren, als damals mit 1.595 Radfahrern gegenüber 456 im Jahre 2008 noch 3,5 Mal so viele Radfahrer im Straßenverkehr tödlich verunglückten? Auch wenn es nicht alles Kinder waren die damals verunglückten – dann scheint damals von der tollen Fahrradausbildung auch bei den Erwachsenen weniger übriggeblieben zu sein als heute. Und wo sich übrigens seit der guten alten Zeit der Radverkehrsanteil bis heute verdreifacht hat.

    Neulich hatte ja mal die Tagesschau in ähnlicher Manier behauptet, es gäbe „immer mehr“ tote Radfahrer (http://www.benno-koch.de/article09588_fahrradunflle-ard-tagesthemen-ahnungslos2). Richtig hätte es heißen können: „immer weniger – mit einer kleinen Schwankung im letzten Jahr“ …

    Persönlich habe ich auf den vielen Touren der letzten Wochen den Eindruck gewonnen, dass immer mehr Kinder, immer größere Strecken mit ihren Eltern auf dem Rad zurücklegen und dabei von der Bekleidung und der Fahrradtechnik immer professioneller wirken. Es ist zwar „nur“ Tourismus – aber mal ehrlich, wer ist vor 30 Jahren mit seinen Kindern auf einen 500 Kilometer Fahrradurlaub gefahren?

    Auch finde ich, dass gerade kinderfreundliche Routen in Berlin und Brandenburg um Lichtjahre mehr geworden sind – die Radfernwege sind ja fast immer als gemeinsame Geh- und Radwege mit meist mindestens 2,5 Meter Breite asphaltiert wie die Pilze aus dem Boden geschossen. Während ich heute stressfrei mit Kindern um den Müggelsee radeln kann, endete der befahrbare Weg in der guten alten Zeit in Müggelseeperle und am gegenüberliegenden Fürstenwalder Damm befand sich eine Radspur (!) von vielleicht 1,5 Meter Breite für den Zweirichtungsverkehr ohne Sicherheitsabstand zum Kfz-Verkehr.

    Kinder dürfen bis zum Alter von 10 Jahren ja überall auf den Gehwegen fahren – im Ergebnis sind unter anderem dadurch Abbiegeunfälle die Hauptunfallart für Fahrradunfälle. Nicht zu vergessen die wütenden Fußgänger … 😉

    Das Wichtigste ist, dass Eltern ihren Kindern Mut machen Rad zu fahren – absolut verunglücken mehr Kinder im Auto oder zu Fuß als mit dem Fahrrad …

  4. Mein Eindruck ist, um auf die Mädchen mit Migrationshintergrund zu sprechen zu kommen, dass heute mehr Mädchen aus Einwandererfamilien mit dem Rad unterwegs sind, was wohl daruf zurückzuführen ist, dass bestimmtes „kulturbedingtes“ Denken in den Familien sich langsam liberalisert und die Bewfürchtung, das die Mädchen im heiratfähigen Alter nach langjährigem Radfahren nicht mehr jungfräulich sein könnten, abnimmt.

    Mein subjektiver Eindruck ist auch eher der, dass in Berlin heute mehr Eltern (die selbst radfahren) darum bemüht sind, ihre Kinder aufs Rad zu bringen, als es „früher“ der Fall war.

    Eventuell stechen aber die Kinder einiger Bevölkerungsschichten mit besonderem psychomotirischem Unvermögen heraus, denn nicht alle Schichten profitieren gleichermaßen von der Popularisierung des Radverkehrs.

    Dort, wo die Ernährung besonders einseitig, die Bewegung kaum vorhanden, die Zeit vor dem Rechner bzw. der Glotze besonders lang ist, findet man natürlich auch besonders starke Defizite und diese mögen heftiger Ausfallen, als es in der letzten Dekade der Fall war.

    Hieraus einen allgemeinen Trend für alle Kinder abzuleiten halte ich aber für unseriös.

  5. Wen wundert das noch? Wer fährt denn noch Fahrrad von den Kindern? Überbehütung ist wohl ein Hauptknackpunkt 🙂 . Selbst hier in einer relativ fahrradfreundlichen Stadt werden viele Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht, nachmittags dann zu den diversen Freizeitveranstaltungen. Es ist die Angst der Eltern vor dem „bösen“ Verkehr, den sie ja letztendlich selbst erzeugen. Man achte einmal auf das Fahrverhalten von Autofahren (=Eltern) mit Kind, also auf dem Weg zur Schule, und kurz danach ohne Kind. Viele mutieren sofort in den gemeinen Autofahrer, der keine Rücksicht auf Radfahrer nimmt, insofern ein Teufelskreislauf …
    http://velowahnsinn.wordpress.com/2009/08/26/deutsche-kinder-konnen-immer-schlechter-radfahren/

  6. Das finde ich etwas zu verallgemeindernd. Es ist schon richtig, dass Kinder heute deutlich mehr zu leisten haben und dass sie weniger Zeit zum Gammeln, (Fußball)-Spielen, Radfahren etc haben, allerdings ist das Entwicklungsdefizit hinsichtlicher psychomotorischer Fähigkeiten eher ein Problem der Vernachlässigten (sicher und Überbehüteten) und weniger der Kinder, die soz. von ihren Eltern überfördert bzw. überfordert werden und garnicht mehr Kind sein dürfen, weil es in ihrem Leben nur noch um Leistung und Vorbereitung auf das „wirkliche Leben“ geht.
    Schöner Artikel hierzu überigens in einem ältern Zeit-Magazin, lesenswert.
    http://www.zeit.de/2009/32/Das-therapierte-Kind-32

    Das Maß, in dem Kids heute mit Leistunshanforderungen drangsaliert werden, nimmt sicher ungesunde Züge an, man kann den überengagierten Eltern allerdings nicht vorwerfen, sie würden ihren Kinern das Radfahren vorenthalten – es wird schon deshalb vermittelt, weil es zu den Basics gehört und ein Kind, das nicht Radfahren kann, wäre aus dieser Perspektive defizitär.

    Ach, man kann es drehen und wenden, es gibt halt solche und solche Eltern. Das Beste wird wohl tatsächlich sein, mit seinen Kindern viele Radtouren außerhalb der Statd zu machen bzw. Fahrradurlaube mit ihren zu unternehemen. Die meisten Kinds, die ich so auf radtouren sehe, machen immer einen ziemlich glücklichen Eindruck auf mich auf ihren Rädern.

    PS @ Benno: Kann an der unschönen Situation, dass Eltern mit ihren Kindern in der Stadt regelkonform nur auf getrennten Wegen fahren dürfen (Eltern auf der Straße fahren müssen), wenn sie mit ihren Kleinen unterwegs sind, etwas geändert werden? Es ist schon sehr uneinsichtig vom Gesetzgeber hier den Eltern das Fahren auf Bürgewrsteigen zu verbieten. Und es ist natürlich gut und richtig, dass sich die meisten, die ich sehe, sich darüber hinwegsetzen und hinter ihren Kindern auf dem Gehweg fahren.

  7. Ganz wichtig ist frühes vermitteln von Werten. Wenn man als Kind immer die geilen Räder der Eltern im Fahrradzimmer (!) stehen sieht, dann will man a) so eines später auch unbedingt haben und b) übt sobald es geht das Fahren. Ich spreche aus Erfahrung. 😀

  8. genau so wie linda haben wir es mit unseren kindern auch gemacht. immer schön meine leichtbau-projekte gezeigt ;-)) ergebnis: zuerst haben wir die räder zusammen geputzt und nun kann unser 3-jähriger sohn ohne probleme aufsteigen, allein losfahren, entspannt im park rumradln, anhalten und wieder absteigen. nur mit dem 1-jährigen zwerg klappts nich nicht…

  9. Solange das dann nicht wie bei mir auf dem Gymnasium ist – da war das Fahrrad das, was anderswo die Markenklamotte ist. Auch nicht erstrebenswert 😉 Dass einer von den damaligen Fahrradfreaks noch regelmäßig fährt, bezweifle ich.

  10. In Berlin Fahrrad fahren ist leider zum Teil ein Krampf. Wir fahren sehr gerne und viel. Wir fahren auf dem Fahrradweg, wenn vorhanden, ansonsten auf dem Gehweg, obwohl meine Tochter sehr sicher fährt. Es ist mir zu gefährlich, so wie die meisten Autofahrer sich verhalten und uns Radfahrer „hassen“ und die Fußgänger motzen einen an. Es sollte erlaubt sein, mit seinem Kind auf den Gehweg fahren zu können, wenn kein Radweg vorhanden ist. Aber leider liegen auch sehr oft Glasscherben herum, man achtet nicht nur auf den Verkehr, auf sein Kind, sondern auch noch auf den Weg.
    Leider nehmen alle Menschen, ob Autofahrer, Fahradfahrer und Fußgänger KEINE Rücksicht aufeinander.

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