Unfall wie im Meldeportal beschrieben

Im November 2013 konnten Berliner Radfahrer die aus ihrer Sicht gefährlichsten Stellen nennen. Dazu führte der Senat ein temporäres Meldeportal ein.

Auf Platz 8 schaffte es ein Beitrag mit dem Titel: „Unter den Linden/ Wilhelmstraße: Autofahrer erkennen Vorfahrt von Radfahrer nicht„. User „TK“  beschrieb die Situation wie folgt:

Fahrradfahrer überqueren bei „grün“ die Straße unter den Linden in Richtung Charite, werden aber von Autofahrern, die entgegenkommen kommen und nach links in die Straße Unter den Linden (Richtung Alex) einbiegen, ignoriert. Ursache: Die Fahrradfahrer werden über den gesperrten Teil der Wilhelmstraße geführt.

Gestern ereignete sich ein schwerer Unfall, als ein aus der Wilhelmstraße nach links in die Straße „Unter den Linden“ abbiegender Autofahrer einen bei grüner Ampel entgegenkommenden Radfahrer anfuhr. Dabei erlitt der Radfahrer mehrere Knochenbrüche. Die Unfallsituation gleicht exakt der im Portal gemeldeten.

Die Wilhelmstraße Ecke Unter den Linden ist ein Spezialfall: Aus Angst vor Anschlägen ist die Wilhelmstraße nicht durchgängig befahrbar, ein kurzes Stück vor der Britischen Botschaft ist mit stabilen Pollern für Kfz gesperrt. Radfahrer dürfen durch den gesperrten Bereich fahren und müssen sich an seinem Ende nach einer Lichtsignalanlage richten. Bekommen sie grün, so kommen ihnen Fahrzeuge entgegen, die wegen der Straßensperrung nach links oder rechts abbiegen müssen. Die linksabbiegenden Fahrzeuge rechnen häufig nicht mit entgegenkommenden Radfahrern, kritische Situationen sind die Regel.

Schon normale Kreuzungen sind trotz Lichtsignalanlage oft Unfallschwerpunkte, weil Abbieger gegenüber Geradeausfahrern nicht die nötige Sorgfalt walten lassen. Gerade, wer als Radfahrer die Wilhelmstraße in Richtung Unter den Linden überquert, befindet sich bei grüner Ampel in der grotesken Situation, dass er in den Hauptverkehrsstrom – also die entgegenkommend von der Wilhelmstraße nach Unter den Linden Abbiegenden – geleitet wird. Geschützt wird er nur vor den wenigen Fahrzeugen, die vom Pariser Platz kommen.

Schon bei der Einführung des Meldeportals dämpfte Verkehrsstaatssekretär die Hoffnungen der Radfahrer – große Änderungen könne man sich aus finanziellen Gründen nicht leisten. Immerhin wolle man die 20 meist unterstützten Vorschläge intensiv prüfen. Vielleicht wird’s mal Zeit?

Berliner Polizei: Beim Abbiegen Radfahrer übersehen vom 21.2.2014

17 Gedanken zu „Unfall wie im Meldeportal beschrieben

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  1. Auch wenn es natürlich ein Schlag ins Gesicht der Berliner Lippenbekenntnisverkehrspolitik ist, meine ich, dass man die Top-20-Liste auf dem Portal nicht allzu ernst nehmen kann. Was dort in den ersten Tagen eingestellt wurde, ist automatisch weit oben auf der Liste geblieben und strukturelle Gefahrenschwerpunkte, wie z.B. ganze Straßenabschnitte sind aufgeteilt auf mehrere Meldungen weiter hinten gelandet, Beispiel Frankfurter Allee. Ebenfalls passend für viele Einzelmeldungen an einem Punkt, ist der ebenfalls erst vor wenigen Tagen geschehene schwere Unfall an der Stralauer Allee/Warschauer Straße, wo die RF kurz vor der Kreuzung benutzungspflichtig im dunklen U-Bahnviadukt geführt und dann von Rechtsabbiegern gefährdet werden. Wenn noch nicht mal die (unkoordinierte Auswahl der) Top 20 konkret beseitigt werden, was wird erst mit den anderen, teils noch gravierenderen Gefahrenschwerpunkten passieren?

    Der einzige Nutzen dieses Portals wird der Nachweis zur Unfähigkeit der Berliner Verkehrspolitik bleiben. Als solcher dürfte sicher kein nachhaltiges Interesse an der dauerhaften Verfügbarkeit bestehen.

  2. Noch dazu ist diese Stelle doch ein schönes Beispiel, wie die Gefahrensituation (zumindest die genannte) supereinfach und ohne Investitionen entschärft werden kann: Einfach den Autos ein paar Sekunden später grün geben, dann sind die Radler (zumindest die, die schon bei rot gewartet haben) weg, wenn die Autos kommen.

  3. Dieses Geld-Argument ist doch eh völliger Blödsinn. Wieviel spart man denn bitteschön an jedem Unfall, der nicht passiert? Ist bloß der falsche Geldtopf. Aber ganzheitliches Denken passt halt nicht in Haushaltsdenken.

    Mal ganz abgesehen davon, dass es eh zynisch ist, aufgrund von angeblichem Geldmangel Menschenleben zu riskieren.
    Da baut man dann doch lieber für 400 Millionen 3 km neue Autobahn …

    Fahrradstadt Berlin. Dass ich nicht lache …

  4. einfach berlin für den Autoverkehr sperren

  5. Puh, da hätte es wohl fast einen unserer Besten aus dem Bundestag befördert: Rüstungslobbyist und „CSU-Verteidigungsexperte“ MdB Florian Hahn.
    http://www.merkur-online.de/lokales/muenchen-lk-nord/bundestagsabgeordneter-florian-hahn-radunfall-schwer-verletzt-3390296.html

  6. Interessant. Warum scheint der nicht als PM der Berliner Polizei auf? Zu prominent für einen verunfallten Grünradler?

  7. @Michael S:
    Das frage ich mich auch gerade, wenn man nachfragen würde wird wie immer nur das „es handelt sich lediglich um eine kleine Auswahl des täglichen geschehens“ Argument kommen…

  8. Äh, am Fuße des Blogbeitrags, gleich über den Kommentaren, findet sich ein Link zur geradezu beispielhaft diskret gehaltenen (keine Berufsangabe, keine Mützendetails) Pressemeldung der Berliner Polizei über ein Vorkommnis, was ich für genau den Politiker-Unfall halte. Alter, Verletzungen, Ort, letzte Woche: passt alles zusammen – oder etwa nicht? Ich hab die Wahlkreisseite der Geschichte nicht umsonst hier gepostet.

  9. Na ist das mit Florian Hahn nicht genau der hier beschriebene Unfall? Zeitlich könnte das passen.

  10. Diese Ecke ist tatsächlich besonders kritisch, weil für Autofahrer nicht wirklich zu erkennen ist, dass Radfahrer auch aus dem gesperrten Bereich der Wilhelmstraße kommend die Linden überqueren dürfen. Hinzu kommt, dass des öfteren an der Einfahrtkontrolle Fahrzeuge stehen, die die Sicht auf die Wilhelmstraße vor der britischen Botschaft behindern, Polizisten immer wieder den Radwegstreifen kreuzen und es eine ganze Reihe von Radfahrern gibt, die mit einem ordentlichen Tempo aus dem gesperrten Bereich der Wilhelmstraße auf die Linden fahren.

    Ganz abgesehen davon, dass die Rotphasen für Fahrradfahrer des öfteren von diesen ignoriert werden (die daneben stehenden Polizisten kümmert das nicht oder sie dürfen sich aus Sicherheitsgründen nicht darum kümmern).

  11. Naja @Jürgen, Du bemängelst das „ordentliche Tempo“, das manche Radfahrer in diesem Bereich draufhaben. Wenn ich da an die umliegenden Kreuzungen in dieser Gegend denke, gibt es kaum eine, wo bspw. Autofahrer auf „ihr“ Tempo 50 verzichten. Ampelkreuzungen sind ja nunmal normalerweise so angelegt, dass man bei grüner Ampel sein Tempo nicht verringern muss. Dass die Lage hier besonders gefährlich ist, vermag nicht jeder Radfahrer zu erkennen, genau das ist ja das Perfide.

  12. @berlinradler:

    Du beschreibst das Dilemma völlig korrekt: „Dass die Lage hier besonders gefährlich ist, vermag nicht jeder Radfahrer zu erkennen, genau das ist ja das Perfide.“

    Und genau deswegen kann ich als Radler nicht mit dem selben Tempo in den Kreuzungsbereich einfahren, das ich im Bereich Wilhemstraße vor der britischen Botschaft draufhabe. ich muss auch als Radfahrer vorausschauend fahren.

    Ein Verweis auf Autofahrer, die „an (den) (…) umliegenden Kreuzungen in dieser Gegend (…) kaum (…) auf “ihr” Tempo 50 verzichten“, ist nicht ganz passend.

  13. Ein Verweis auf Autofahrer, die “an (den) (…) umliegenden Kreuzungen in dieser Gegend (…) kaum (…) auf “ihr” Tempo 50 verzichten”, ist nicht ganz passend.

    wieso?

    mir scheint dies wesentlich passender als ihr verweis auf rotradler, wo es doch um eine für bei grün fahrende gefährliche situation und einem in eben dieser entstandenen unfall geht.

  14. @Jürgen, wie gesagt liegt hier ein ungünstiger Spezialfall vor. Grüne Ampel heisst immer und überall freie Fahrt. Auch Radfahrer vertrauen darauf, dass dieses Prinzip gilt. Der Fehler liegt hier in der Ampelkreuzung, nicht bei denen, die sich darauf verlassen. Versteh mich nicht falsch, ich bin die Straße auch ein paar Mal gefahren und habe größten Respekt vor ihr, bei Erstbenutzung war aber auch mir nicht klar, wie unaufmerksam fast alle entgegenkommenden Abbieger – denen Du bezeichnenderweise nicht den Vorwurf der zu hohen Geschwindigkeit machst – sind. Egal, was der Radfahrer macht – und sei es hier, bei grüner Ampel zu fahren – es findet sich immer ein Weg, ihn als den Schuldigen dastehen zu lassen.

  15. @berlinradler
    Es kommt sogar noch besser, die Situation wird dadurch noch unübersichtlicher, weil hier auch so gut wie alle Fußgänger die Wilhelmstraße bei rot queren, und, wie gesagt, die Polizei daneben steht und sich zumeist miteinander unterhält.

    Zum Thema Autofahrer mit zu hoher Geschwindigkeit. Die gibt es auch, gar keine Frage, nur mich stört mittlerweile, wie oft in Fahrradforen reflexartig auf die Fehler anderer Verkehrsteilnehmer hingewiesen wird. Und das ist in der Tat eben nicht immer der Fall.

    Ich verfolge die Diskussion zu Verkehrsunfällen mit Radfahrern relativ aufmerksam, und ich kenne mindestens vier Stellen in Berlin, an denen Fahrradfahrer zu Schaden gekommen sind durch öfteres befahren sehr gut. Verfolge ich die Diskussion dann hier oder in anderen Foren zu diesen Unfällen, sitze ich des öfteren sprachlos vor den Diskussionsbeiträgen und frage mich, was ist denn da alles schief gelaufen, das kann doch nicht sein. Und es wird zumeist darauf verwiesen, dass Kraftfahrer oder die Verkehrsführung für die Unfälle verantwortlich seien. Aber, abgeleitet aus meinen täglichen Fahrradfahrten kann ich diesen Schlussfolgerungen einfach nicht pauschal folgen.

    Das heißt aber beileibe nicht, dass Radfahrer bei Unfällen immer die alleinige Schuld oder auch nur anteilig dafür verantwortlich sind, in keinster Weise!

  16. @Jürgen, die Fassungslosigkeit teile ich, wenn auch in einer ganz anderen Richtung. „Unser“ Denken ist konditioniert in einer Richtung, die sehr autofreundlich ist. Selbst, wer nicht oder kaum Auto fährt, erklärt die hohen Verletzten- und Totenzahlen im motorisierten Straßenverkehr gerne mit der Unaufmerksamkeit der Unfallopfer.

    Man muss sich das mal vorstellen: Da fährt ein Radfahrer bei grüner Ampel und hat einen so schweren Unfall, dass er mehrere Rippenbrüche hat. Und dennoch – ja auch im Meldeportal selbst – wird der Fokus sofort auf diejenigen Radfahrer und Fußgänger gelenkt, die sich falsch verhalten. Man fragt nicht, wie schnell und aufmerksam der Autofahrer abgebogen ist, sondern suggeriert, dass der Radfahrer der schnelle und unaufmerksame war. Das ist ein verbreitetes Denk- und Argumentationsmuster, bei dem am Ende der Unfallverursacher nicht mehr als solcher dasteht.

    Da „unser“ Denken immer wieder in diese „selbst Schuld“-Richtung gegenüber den unmotorisierten Verkehrsteilnehmern geht, bin ich da ziemlich allergisch und kann es mir nicht verkneifen, auf solche Aussprüche zu reagieren.

    Und ja – ich staune, wie manche Radfahrer sich benehmen. Fahre ich durch den Tiergarten, so rast mancher 15 Zentimeter an den Fußgängern vorbei. Diejenigen, die ich auf freier Strecke überhole, überholen mich dann wieder in Gefahrensituationen oder an Kreuzungen. Unbestritten, auch Radfahrer sind oft sehr unaufmerksam und handeln unüberlegt. Dennoch sollte man argumentativ vermeiden, dies als Alleinstellungsmerkmal der Radfahrer und Fußgänger herauszustellen. Diese Unbesonnenheit betrifft einen Großteil der Verkehrsteilnehmer, ist aber eben unbestreitbar – und durch Statistiken auch leicht zu belegen – im Auto besonders gefährlich. Da hilft die Argumentation an die Gefährdeten, dass man eben besser aufpassen muss, kein Stück.

    Und wie ich schon schrieb, ist es absurd, zwei sich querende Verkehrsströme gleichzeitig grün zu signalisieren. Hier biegen alle Kraftfahrzeuge von der Wilhelmstraße in die Straße Unter den Linden ab. Die Ampeln sind nur deshalb gleichzeitig grün, weil die Straßen rechtwinklig zueinander stehen. Würde der Hauptverkehrsstrom geradlinig verlaufen und die Wilhelmstraße als Stichstraße dort herankommen, käme kein normaler Mensch auf die Idee einer gleichzeitig grünen Signalisierung. Bei so absurder Ampelschaltung ist es mir völlig egal, wer da bei rot oder grün fährt oder geht. Man muss nämlich in beiden fällen höllisch aufpassen. Ampelbefolgung soll Sicherheit bringen, nicht nur irgendeiner Verkehrsordnung dienen.

  17. @berlinradler:
    Alles absolut korrekt. Insbesondere dein Satz „bei so absurder Ampelschaltung ist es mir völlig egal, wer da bei rot oder grün fährt oder geht. Man muss nämlich in beiden Fällen höllisch aufpassen.“

    Vielleicht hilft ja schon eine Haltemarkierung für linksabbiegende Autofahrer, um die Situation zu entschärfen? Dann würden auch Fußgänger nicht des öfteren aufs Korn genommen. Oder noch besser, die Durchfahrtsbeschränkung würde an dieser Stelle komplett aufgehoben.

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