Fahrradklima-Test 2018

Alle zwei Jahre ruft der Fahrradclub zur großen Befragung der Radfahrer auf, um das Fahrradklima in Deutschlands Städten und Gemeinden zu beurteilen. Die letzte Befragung dieser Art gab es im Herbst 2016. Berlin ergatterte mit einer Durchschnittsnote von 4,3 einen denkbar schlechten Platz. In der Stadtgrößenklasse über 200.000 Einwohner kam Berlin damit auf den Rangplatz 36 von 39 teilnehmenden Städten.

Etwa zeitgleich zur letzten Befragung wurde das neue Abgeordnetenhaus gewählt. Nach der Wahl gab es einen rotrotgrünen Senat, eine grüne Verkehrssenatorin, das Mobilitätsgesetz und die Ausrufung der Fahrradwende. Doch ist damit das Fahrradklima in dieser Stadt besser geworden? Fühlt sich der Durchschnittsradfahrer weniger vom Kraftverkehr bedrängt, sind die Fahrradwege komfortabler geworden? In dieser Hinsicht ist die achte Auflage des Fahrradklima-Tests auch ein Test, wie die Fahrradpolitik des Berliner Senats von den Radfahrern wahrgenommen wird.

Wobei natürlich nicht sicher ist, ob die Teilnehmer des Fahrradklimabefragung wirklich repräsentativ für die Radfahrer Berlins sind. Am 22. Oktober lag der Zwischenstand der Berliner Teilnehmenden bei 2900 und damit ganz knapp unter der Berliner Gesamtteilnehmenden des letzten Tests im Jahre 2016. Es nehmen also in Berlin etwa soviele Radfahrer teil wie bei einer großen Sommer-CM mitfahren. Dagegen ist die Zahl der Radfahrer in Berlin, die sich nicht für den Klimatest interessieren, siebenstellig.

Schwerpunktthema beim diesjährigen Fahrradklima-Test ist die Familienfreundlichkeit. Können Kinder ohne Bedenken alleine zur Schule fahren und unterstützen die Schulen den täglichen Weg mit dem Rad? Wie ist es um die Sicherheit auf Gehwegen bestellt? Außerdem geht es darum, ob die passende Infrastruktur vorhanden ist, damit Radfahrende auch mit Lastenrädern und Fahrradanhängern gut und sicher ans Ziel kommen.

Bis zum 30. November haben Radfahrer die Möglichkeit das Radklima in ihrer Stadt zu beurteilen. Das Ergebnis der Befragung wird unverständlicherweise erst im kommenden Jahr im Rahmen einer PR-Show des Bundesverkehrsministeriums vorgestellt.

Fahrradklima-Test 2018

Niederlande: ab Mitte 2019 Handyverbot auf dem Fahrrad

Es erscheint ein wenig kurios, aber zur Zeit ist es nicht verboten, in den Niederlanden auf dem Fahrrad ein Mobilfunkgespräch zu führen oder die App eines Smartphones zu bedienen. Als man die Nutzung eines Mobiltelefons hinter dem Steuer eines Kfz beschloss, wurden die Radfahrer ausgenommen. Begründung: Radfahrer sind langsamer unterwegs, haben eine geringere Masse und stellen deshalb ein geringeres Unfallrisiko dar.

Seitdem haben sich aber die Marktdurchdringung von Smartphones und die Nutzung der Geräte stark verändert. Und auch die Anforderungen im Radverkehr sind durch gestiegenes E-Bike-Aufkommen und unterschiedliche Geschwindigkeiten größer geworden. Verkehrsministerin Cora van Nieuwenhuizen-Wijbenga: „Radfahrer, die sich mit dem Telefon beschäftigen, haben ein größeres Risiko für einen Unfall“. Deshalb gilt das Verbot der Handynutzung ab dem 1. Juni 2019 auch für Radfahrer, Straßenbahnfahrer und für Rollstuhlfahrer.

Fietsberaad: Met ingang van 1 juli 2019 bellen op de fiets verboden

Fahrradparkhaus Oranienburg

Wenn eine Verkehrsministerin zu einer Eröffnung persönlich anreist, dann muss es sich um ein besonderes Bauwerk handeln. Zusammen mit dem Oberbürgermeister der Stadt Oranienburg durchschnitt Ministerin Schmeider vor einem Monat ein rotes Band mit der Aufschrift „Fahrradparkhaus Oranienburg“. Stadt (500.000,- €) und Land Brandenburg (1,1 Mio. €) hatten sich die Kosten von 1,6 Millionen Euro für ein Parkhaus mit 1.056 Stellplätzen für Fahrräder geteilt. Zusätzlich sind in dem Gebäude 9 Fahrradboxen, 14 Gepäckschließfächer mit Lademöglichkeit für Elektrofahrräder, eine öffentliche Luftpumpe, ein öffentliches WC sowie ein Raum für eine eventuelle Fahrradstation untergebracht. Die Fahrradabstellplätze können kostenfrei genutzt werden, die Schließfächer, Ladestationen und Fahrradboxen werden von der Stadt bewirtschaftet. Nach Bernau und Potsdam wurde damit das dritte Fahrradparkhaus im Bundesland Brandenburg in Betrieb genommen.

Die Doppelstockradparkplätze sind leichtgängig und lassen sich mühelos bedienen. Auch für die Fußgänger ist das Parekhaus angenehm, denn der Bürgersteig ist überdacht und man kommt bei Regen trockenen Fußes zum Bahnhof. Die Fahrradparkplätze im der oberen Etage sind nicht per Fahrstuhl zu erreichen. Man kann sein Rad aber relativ locker schieben, denn links und rechts der Treppe laufen 20 Zentimeter breite Auffahrrampen. Der Vorteil eines Parkplatzes in der oberen Etage ist zudem, dass man nur noch wenige Stufen zum Bahnsteig hochsteigen muss.

Nur Alibicharakter haben die Fahrradboxen und die Schließfächer. Man findet keinen Hinweis darauf, wo und zu welchem Preis die Boxen gemietet werden können.

Oranienburg hatte bereits vorher etwa 370 angenehme, überdachte Fahrradparkplätze nahe des Bahnhofs. Dieser Fahrradparkplatz war allerdings restlos überfüllt, bei Zählungen wurden durchschnittlich weitere 300 wild abgestellte Räder ermittelt. Die „alten“ Fahrradparkplätze werden aber bald abgerissen, da an dieser Stelle in Zukunft die Stadtbusse am Bahnhof halten werden. Das neue Angebot von gut über eintausend Fahrradparkplätze wird sich schon bald als zu knapp bemessen herausstellen. Die gute Nachricht ist aber, dass das neue Parkhaus problemlos nach Süden verlängert werden kann. Ein Durchschnittspreis von 1.502,- € pro Fahrradparkplatz scheint auch relativ günstig zu sein.

Fahrradportal: Neues Fahrradparkhaus am Bahnhof Oranienburg

Dafne Schippersbrug bekommt beheizte Fahrbahn

Die Dafne Schippersbrug ist eine Fahrrad- und Fußgängerbrücke über den Amsterdam-Rhein-Kanal im niederländischen Utrecht. Die Brücke ist deshalb besonders, weil eine Brückenrampe in elegantem Schwung mitten über einer Schule verläuft. Die im Mai 2017 eröffnete Brücke zeigte jedoch Schwächen im Winterbetrieb: bei Minustemperaturen war die Fahrbahn oberhalb des Kanals empfindlich glatt. Für den kommenden Winter wird eine Fahrbahnheizung eingebaut, deshalb bleibt die Brücke vom 18. Oktober bis zum 5. November gesperrt.

Tweet von Bicycle Dutch
Wikipedia NL: Dafne Schippersbrug

Fahrradmitnahme in Zügen soll in Europa verpflichtend werden

Der Verkehrsausschuss des Europäischen Parlaments (TRAN) hat heute eine Überarbeitung der Fahrgastrechte im Bahnverkehr verabschiedet. Danach soll in allen neuen und überholten Zügen die Möglichkeit zum Transport von Fahrrädern angeboten werden. Wörtlich heißt es im Beschluss: „To help in take-up of cycling, new and refurbished trains must in the future have a well-indicated space to transport assembled bicycles, MEPs say“. Keine Aussage werden über Mindeststellplätze in Zügen gemacht.

Michael Cramer, für die Grünen im Europäischen Parlament und selbst Mitglied im Verkehrsausschuss, kommentierte das so: „Ich begrüße es außerordentlich, dass es künftig für alle Züge eine verpflichtende Fahrradmitnahme geben soll – ohne Ausnahme und Schlupflöcher! Zu lange haben Bahnunternehmen sich mit fadenscheinigen Begründungen dem Einbau von Fahrradstellplätzen widersetzt.“

EU: MEPs back update of rail passenger rights across EU
Michael Cramer: PM: Verkehrsausschuss stimmt über Bahnfahrgastrechte ab

„Lizenz zum Töten“

Nicolas Kayser-Bril betreibt Datenjournalismus. Er recherchiert öffentlich zugängliche Informationen, bereitet sie auf, analysiert und publiziert sie. In seinem jüngsten Blogbeitrag untersucht er die tödlichen Verkehrsunfälle von Fußgängern und Radfahrern in Berlin in den vergangenen zehn Jahren.

Kayser-Bril: „Seit 2008 in Berlin wurden ungefähr 190 Fußgängerinnen und 100 Fahrradfahrerinnen umgebracht. Die Totschläge wurden von Fahrern von Mercedes, Opels und Renault Trucks begangen. Ich wollte wissen, wer die 290 Täter waren.“

Bei 88 von insgesamt 290 Fällen konnte Kayser-Bril Informationen beschaffen. Seine Recherche ergab, dass 90 Prozent der Täter männlich sind. Abgesehen von einigen Ausnahmen wurde kein Täter verhaftet. Sehr viele Beschuldigte durften den Führerschein behalten. Und: es ist nicht ungewöhnlich, dass Richter den Opfern eine Mitschuld vorwerfen

Sein Resumee: „Eine kleine, fast nur männliche Gruppe von Autofahrern, unterstützt von der Polizei und der Justiz, besitzt das enorme Privileg, andere töten zu dürfen, ohne dabei erhebliche Folgen fürchten zu müssen. Ihren Opfer, meistens Fahrradfahrerinnen und Fußgängerinnen, wird oft die Schuld vorgeworfen wenn sie versuchen, am Leben zu bleiben. Solange diese Kultur der Straflosigkeit weitergeht werden Fahrradfahrerinnen und Fußgängerinnen weiter sterben, und Berlin wird die gefährlichste Großstadt Europas bleiben.“

Blog nkb: Lizenz zum Töten

Wie teuer ist ein Kfz-Parkplatz?

In Berlin sind zur Zeit etwas mehr als 1,2 Millionen Kraftfahrzeuge registriert. Ein Großteil dieser Fahrzeuge wird im öffentlichen Straßenland geparkt. Die große Masse dieser Autos kann in Berlin kostenlos geparkt werden. Lediglich in der westlichen und östlichen City sowie in Spandau wird Parkraumbewirtschaftung betrieben. Wer als Autobesitzer in einer der 44 Parkzonen gemeldet ist oder auch nur einen Zweitwohnsitz dort hat, hat Anspruch auf einen Bewohnerparkausweis. Dieser Ausweis wird für zwei Jahre erteilt und kostet 20,40 €. Ein Kfz-Besitzer muss also am Tag 2,79 Cent zahlen für das Recht, vor der eigenen Haustür zu parken. Da diese Summe aber lediglich den Verwaltungsaufwand für Bewohnerparkausweise abdeckt, müssen die Bereitstellungskosten für Parkplätze von allen Berlinern gezahlt werden, egal, ob sie ein Auto besitzen oder nicht.

Was kostet es für die Gesellschaft, einen Parkplatrz zu schaffen? Da an Brandenburger Pendlerbahnhöfen in den vergangenen Jahren große Parkareale entstanden sind, um den Berufspendlern die Möglichkeit zu geben, vom Auto direkt in den Regionalzug nach Berlin zu steigen, kann man recht genau abschätzen, wieviel eine Kommune für einen neu erstellten Standplatz zahlen muss. Je nach Standort liegen diese Kosten zwischen 8.000,- und 10.000,- € je Stellplatz.

Die Agora Verkehrswende hat errechnet, dass die Bereitstellungskosten für einen bewirtschafteten Stellplatz am Straßenrand in Berlin sich auf circa 220,- € pro Jahr belaufen. In dieser Summe sind folgende Kostengruppen enthalten:

99,00 € für öffentliche Sicherheit und Ordnung (Überwachung und Ahndung von Regelverstößen),
59,40 € für allgemeine Verwaltung (Planung, Regulierung, Management von Parkraum),
61,40 € für die tatsächliche bauliche Herstellung, Entwässerung, Reinigung und Beleuchtung .

Wenn man die ersten beiden Kostengruppen weglässt, weil nur in einem geringen Teil Berlins Parkraumbewirtschaftung betrieben wird, bleiben also gut 60,- Euro pro Parkplatz, die die Berliner zu zahlen haben. Und wie viel Parkplätze braucht man für ein Auto? Verkehrsforscher gehen von etwa drei Parkplätzen aus, ein Parkplatz vor der Haustür, ein weiterer am Arbeitsplatz und ein dritter virtueller Parkplatz, der alle weiteren benötigten Parkplätze zusammenfasst, etwa wenn man einen Einkauf macht, ins Kino geht oder den Arzt besucht.

Selbst wenn man von der völlig unrealistischen Annahme ausgeht, dass ein Kfz nur einen Parkplatz benötigt, muss das Land Berlin für die bauliche Unterhaltung aller Parkplätze mehr als 70 Millionen Euro pro Jahr zahlen.

Agora Verkehrswende: Umparken – den öffentlichen Raum gerechter verteilen (pdf-Dokument)

18. Kreisfahrt des ADFC: Umbau statt Autostau

Der Aufruf des Fahrradclubs ADFC zur Kreisfahrt am kommenden Sonnabend steht noch nicht lange im Netz und ist dennoch bereits hoffnungslos veraltet. Es heißt dort wörtlich: „Acht Geisterräder für getötete Radfahrerinnen und Radfahrer mussten wir in diesem Jahr bereits aufstellen.“

Seit gestern Abend stehen insgesamt zehn Geisterfahrräder im Berliner Stadtgebiet, die auf getötete Fahrradfahrer in diesem Jahr hinweisen. Gestern wurde das zehnte Rad an der Kreuzung Moll- und Otto-Braun-Straße im Rahmen der Mahnwache aufgestellt.

Aus dem Aufruf zur Kreisfahrt: „Die rot-rot-grüne Koalition ist mit dem Ziel angetreten, die Verkehrswende voranzubringen. Doch zwei Jahre nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus ist in Berlin alles beim Alten: Immer mehr und größere Autos verstopfen die Stadt. Staus, Stress und Aggressivität auf der Straße nehmen zu. Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide werden überschritten. Radfahrende und Fußgänger werden benachteiligt und gefährdet.

Bei der 18. ADFC Kreisfahrt machen wir die Straßen Berlins zur Bühne für alle, die endlich sicher, zügig und stressfrei Rad fahren wollen. Gemeinsam wenden wir uns an die Zögerer und Bremser, die es auf allen Ebenen von Politik und Verwaltung noch gibt: Wir haben nicht für Deutschlands erstes Mobilitätsgesetz gekämpft, um jetzt 20 Jahre auf die Umsetzung zu warten. Die Verkehrswende muss gemeinsam angepackt werden – und sie ist so notwendig wie nie.“

Kreisfahrt des ADFC am Sonnabend, 22. September 2018 um 14.00 Uhr
Start: Potsdamer Platz (Nordwest-Seite)

ADFC: 18. Kreisfahrt

Heute 18:00 Uhr Mariannenplatz: CM #HambacherForst

Seit den Morgenstunden werden Baumhütten im Braunkohleabbaugebiet Hambacher Forst von der Polizei ausradiert. Begründung der @Polizei_NRW_AC: „Aufgrund der von den Aufsichtsbehörden festgestellten Brandschutzmängel sollen ab heute Baumhäuser geräumt & entfernt werden.“

Ende Gelände ruft deshalb für heute Donnerstag, den 13. September 2018 zu einer Critical Mass auf.

Treffpunkt:
18:00 Uhr Mariannenplatz
18:30 Uhr Abfahrt

Ob auf dem Fahrrad oder nicht, kommt heute Abend um sechs an den Mariannenplatz!

Ende Gelände bei Twitter
Ende Gelände Berlin bei Twitter

Ende Geländewagen!

In Bezug auf den Verkehrssektor gilt: Klimaschutz ist Handarbeit! Die Autoindustrie heizt mit ihren immer größeren und schwereren und übermotorisierteren Autos die Klimakrise an. Der Verkehrssektor ist mit einem knappen Fünftel an den deutschen Treibhausgasemissionen beteiligt. Und als einziger Sektor steigen die Emissionen weiter an.

In München hat mit BMW nicht nur einer der größten deutschen Autokonzerne seinen Sitz. Hier werden auch regelmäßig Rekordwerte bei den Stickoxidemissionen gemessen. Wie der Dieselskandal beweist, sind Autoindustrie und Politik in Deutschland nicht willens, die dringend notwendige Abkehr vom Verbrennungsmotor und vom motorisierten Individualverkehr einzuleiten. Das gilt auch für München. Obwohl die Stadt bereits im Jahr 2012 dazu verklagt wurde, etwas gegen die viel zu hohen Schadstoffemissionen aus dem Autoverkehr zu unternehmen, ist bisher nichts passiert.

Deshalb nehmen Aktivisten von „Ende Gelände!“ und besorgete Bürger den Schutz von Klima, Umwelt und Gesundheit selbst in die Hand. Am 8. September 2018 heißt es in München „Ende Geländewagen!“ In einer Aktion zivilen Ungehorsams soll ein symbolischer Ort blockiert werden.

Ende Geländewagen!
Ende Gelände München bei Twitter

Skurrile Fahrräder auf der CM

Schon immer wurden auf der Critical Mass Fahrräder der besonderen Art gefahren. Mit der schieren Größe der CMs nimmt auch die Zahl der Räder zu, die ein wenig anders sind. Auf der August-CM in Berlin konnte man ein Rücken-an-Rücken-Tandem in Aktion betrachten. Nach Aussage des Stokers ist das besonders kommunikativ, man hat schließlich den rückwärtigen Verkehr fest im Blick.

Sehr schön ist auch die Idee, die auf der Hamburger CM gezeigt wurde: eine mobile Seitan-Bräterei mit drei verschiedenen Marinaden. Frisch Gegrilltes direkt auf die Hand, lecker!

Prozess gegen eine Autofahrerin, die eine Polizeibeamtin genötigt haben soll

Am 1. November 2016 fährt die Polizistin H. mit dem Fahrrad in zivil auf dem Weg zu ihrer Dienststelle durch die Blankenfelder Chaussee stadteinwärts. Sie fährt auf der Fahrbahn, weil der daneben liegende Radweg nicht benutzungspflichtig ist. Nachdem die Polizistin die Beuthener Chaussee passiert hat, wird sie von einer Kraftfahrerin L. knapp überholt und durch das offene Seitenfenster wird gebrüllt: „Fahr auf dem Radweg!“ Danach schneidet der Pkw den Weg der Polizistin, die hart bremsen muss, um nicht zu stürzen. An der nächsten Ampel erreicht die Polizistin die Autofahrerin und stellt sie zur Rede. Sie zeigt ihren Dienstausweis und fordert die Kraftfahrerin auf, die Papiere auszuhändigen. Die Autofahrerin stellt sich stur und weigert sich, ihre Personalien aufnehmen zu lassen. Daraufhin legt die Polizistin ihr Rad vor das Auto. Während die Polizistin mit der Einsatzzentrale telefoniert, um Verstärkung herbeizurufen, steigt die Autofahrerin aus dem Auto, wirft das Fahrrad auf den Seitenstreifen und setzt sich wieder ins Auto. Damit L. nicht flüchten kann, stellt sich die Polizistin direkt vor das Kraftfahrzeug. L. lässt den Motor aufheulen und die Kupplung kommen, sodass die Stoßstange des Fahrzeugs das Schienbein der Polizistin berührt. Aus Angst, überfahren zu werden, springt die Polizistin zur Seite. Frau L. verlässt daraufhin mit dem Auto den Tatort. Die Beamten eines Polizeieinsatzwagens erkennen später das Fahrzeug von L., verfolgen es und nehmen die Personalien von L. auf, nachdem sie das Fahrzeug gestoppt haben. Die Polizistin H. schreibt eine Anzeige.

Monate später wird das Verfahren gegen die Autofahrerin von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Begründung: „Ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung besteht nicht“. Erst, nachdem der Tagesspiegel den Fall öffentlich gemacht hat (Tagesspiegel vom 19.2.2018: „Kein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr“), meldet sich Justizsenator Behrendt zu Wort. „Auch der Justizsenator kann dieses Vorgehen nicht nachvollziehen und hat bei der Staatsanwaltschaft einen Bericht über das Verfahren und die Einstellung angefordert“, teilte eine Justizsprecherin mit.

Danach geht alles ganz schnell. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen L. und heute kam es vor dem Amtsgericht zum Prozess gegen die Kraftfahrerin. In ihm wird Frau L. wegen Nötigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte zu einer Strafe von 60 Tagessätzen a 30,- € sowie zu zwei Monaten Entzug der Fahrerlaubnis verurteilt. Letztlich ist es dem Tagesspiegel und namentlich Stefan Jacobs zu verdanken, dass dieser Fall von Autorowdytum zu einer Verurteilung gefunden hat.

Der Prozess hat zu einer relativ großen öffentlichen Aufmerksamkeit geführt (Links zu Artikeln werden nachgereicht). Auch mehrere Polizisten haben das Gerichtsverfahren verfolgt. Nach dem Urteil ging einer der Polizisten auf @Poliauwei zu und sagte: „Sie sind also Herr Schmiede Schwiede. Ich verfolge Ihren Twitterstream und schleppe auch gern ab.“ Es scheint also auch unter den Polizisten Leute zu geben, die Verständnis haben für die Nöte der Radfahrer.

Nachtrag: Presseecho
Tagesspiegel: Autofahrerin nach Angriff auf Polizistin verurteilt
Berliner Zeitung: Auto-Attacke gegen radfahrende Polizistin 72-jährige Rentnerin muss 1800 Euro zahlen
Berliner Morgenpost: Rentnerin attackiert radfahrende Polizistin mit Auto
B.Z.: Rentnerin attackiert Polizistin mit Opel Corsa – 1800 Euro Strafe!
Berliner Kurier: Rambo-Rentnerin 72-jährige Autofahrerin drängt Radlerin ab: 1800 Euro Geldstrafe

Projekt „Spurensicherung“ des Tagesspiegel

Jeder, der in Berlin mit dem Fahrrad unterwegs ist, macht Erfahrungen mit zu eng überholenden Fahrzeugen. Aber wieviel Abstand halten Autofahrer beim Überholen von Radfahrern wirklich ein? Nach der mündlichen Auskunft eines Fahrradpolizisten von vor zwei Jahren wollte die Berliner Polizei testweise ein Gerät zur Abstandsmessung erwerben. Niemand weiß, ob die Polizei in Berlin inzwischen einen Abstandmesser besitzt und – wenn ja – tatsächlich einsetzt.

Dabei sind die Verkehrsregeln eindeutig. Jeder Kraftfahrzeugführer, der einen Fahrradfahrer überholt, muss einen Seitenabstand von mindestens 1,5 Metern einhalten. Der Tagesspiegel will nun wirklich wissen, wieviel Raum überholende Kraftfahrzeuge den Radfahrern wirklich lassen. Er hat ein Testfahrrad mit einem Arduino-Minicomputer, einem Ultraschallsensor und einem Bluetoothmodul ausgestattet. Zusammen mit einem Smartphone zur Positionsbestimmung kann nun auf den Zentimeter genau ermittelt werden, wie groß die Überholabstände tatsächlich sind.

Als Teststrecke wurde der Weg zwischen dem Funkturm auf dem ICC-Gelände und dem Kottbusser Tor gewählt. Diese Strecke ist ein wenig länger als zehn Kilometer. „Der Radfahrer fährt defensiv und mit mittlerer Geschwindigkeit“. Bei einer einmaligen Durchführung des Experiments wurde das Testfahrrad fünfzig Mal in einem Abstand von unter zwei Metern überholt, darunter waren 31 Fahrzeuge, die einen Überholabstand von 1,5 Metern unterschritten. Superenge Überholabstände von unter einem Meter registrierte das Testfahrrad vier Mal. Durchschnittlich wurde der Testfahrer also etwa alle 2,5 Kilometer hochgefährlich überholt.

Die Messfahrt des Tagesspiegel wurde nur von einer einzelnen Person auf einer bestimmten Strecke zu einer bestimmten Tageszeit durchgeführt. Der Tagesspiegel will nun wissen, ob diese Messung auf anderen Straßen ähnlich ausfällt. Er will 100 Testfahrer in allen Bezirken Berlins mit 100 Radmesser-Sensoren ausstatten. Acht Wochen sollen die Testfahrer damit auf den Straßen Berlins fahren. Hinterher soll ausgewertet werden, wo es für Radfahrer am gefährlichsten ist.

Tagesspiegel: Projekt Spurensicherung

MoPed statt Fahrrad?

Jeden Monat tritt ein neues Startup mit einer motorisierten Fahrradflotte im Programm auf den Plan. Die Fachmagazine der Fahrradbranche kennen nichts anderes. Motorisierung ist das Gebot der Stunde, so scheint es. Front-, Heck- oder Mittelmotor sind die Fragen, die sich Radfahrende scheinbar heute zu stellen haben.
Obwohl von diesem Boom in Berlin bislang nicht viel zu spüren ist, bekomme ich langsam Angst, dass das vollintegrierte MoPed, mit Smartphone gesteuert, den guten alten Drahtesel verdrängt. Ist es nur noch nostalgisch die Tugenden eines alten Hollandrads zu beschwören? Vielleicht geht es dem Fahrrad ja wie es den Pferdegespannen vor hundert Jahren ergangen ist.

7 Gründe für ein Fahrad ohne Motor
Ein Fahrrad ist billig.
Es kostet weniger bei der Anschaffung und ist auch im Unterhalt günstiger als ein E-Bike. Denn:
Ein Fahrrad ist stabil.
Je weniger Technik an einem Gefährt versammelt ist, desto weniger störanfällig ist es.
Ich kann es selbst reparieren.
Das ideale Rad für alle Zwecke besitzt weder Hydraulikbremsen noch Federung, noch elektronisch gesteuerte Schaltung. Dafür kann ich problemlos zuhause einen Schlauch wechseln.
Ein Fahrrad ist leicht.
Das merk ich nicht nur beim Fahren, ich kann es auch mal Treppen tragen.
Es ist gesund.
Dafür anstrengender als fernsehen, fliegen oder Auto fahren.
Es verbraucht keinen Strom.
Tschüß Atomkraftwerke.
Es ist die effizienteste Art der menschlichen Fortbewegung.
Mit Muskelkraft fahren ist auch eine Einladung zur Entschleunigung. Fühl ich mich heute schlapp, fahr ich langsamer.

Macht Schnellasphalt Radfahrer wirklich schneller?

Auf niederländischen Radschnellwegen wird immer häufiger ein bestimmter Asphalttyp verwendet, der Radfahrer schneller machen soll. So wird zum Beispiel auf der Schnellverbindung von Apeldorn bis Deventer eine Asphaltmischung namens „KonwéCity Rood“ eingebaut, die besonders glatt sein soll. An der Universität Twente wurde nun durchgerechnet, dass sich der Rollwiderstand auf diesem Asphalt um etwa zehn Prozent verringert, verglichen mit einem „normalen“ Asphalt.

Ist das viel? Kommt darauf an, ist die Antwort des Fietsersbond, mit welchen anderen Methoden, das Radfahren schneller zu machen, man Vergleiche anstellt. Zwei optimal aufgepumpte Reifen machen ein Rad um fünf Prozent schneller, eine gut geölte und eingestellte Kette spart ebenfalls etwa fünf Prozent. Noch größere Effekte würde es geben, wenn man den Windwiderstand an Radwegen verbessern würde, etwa durch Mauern oder Hecken. Wenn man bei 20 km/h auf dem Fahrrad gegen einen Wind treten muss, der drei Windstärken (15 km/h) hat, ist der Windwiderstand insgesamt 35 km/h groß. Dafür muss man ungefähr doppelt so viel Energie investieren als bei Windstille.

Den größten Effekt kann man erzielen, wenn man dafür sorgt, dass Radfahrer nicht stoppen müssen. Bei einer Bremsung von 20 km/h auf Null und anschließendem Wiederanfahren verliert man etwa 1600 Joule Energie. Wenn man gute Schnellradrouten bauen möchte, sollte man darauf achten, dass Radfahrer nicht irgendwo anhalten müssen.

Fietsersbond: Hoe snel is snel asfalt op het fietspad?